Achttausender-Expedition in Pakistan Karakorum ade

Der Versuch der deutschen und österreichischen Bergsteiger ist gescheitert, den Gasherbrum II zu erklimmen. Ein zweiter Teil des Teams macht sich auf den Heimweg - doch der Abstieg über den Gletscher bei Schneesturm ist mindestens so anstrengend wie der Weg zum Gipfel.

Thorsten Schüller

Von Thorsten Schüller


Der Weg vom Basislager zurück in die Zivilisation ist extrem mühselig - auch wenn er dieses Mal nicht über den Baltoro-Gletscher, sondern über den 5680 Meter hohen Gondogoro-La-Pass führen soll. Zwei Träger gehen mit Ulrich und mir diese mehrtägige Strecke, Andi und Alf bleiben noch im Basislager. Im Gegensatz zur Baltoro-Gletscher-Route dürfen sie am Gondogoro-La jeweils nur 20 statt maximal 25 Kilogramm pro Person tragen, denn der Pass ist steil und stark vergletschert.

Allerdings finden unsere Träger nicht den direkten Weg vom Gasherbrum-Basislager zum Ali Camp, das am Fuß des Gondogoro-La in ungefähr 5100 Meter Höhe auf dem Vigne-Gletscher liegt, nicht. Bis zu 60 Meter hohe Eisberge bilden eine Barriere zwischen dem schuttbedeckten oberen Baltoro- und dem Vigne-Gletscher. Und diese Barriere kann ohne Eisausrüstung und mit schwerem Gepäck nur an wenigen Stellen überwunden werden.

Stundenlang versuchen es unsere Träger. Immer wieder aufs Neue stoßen wir in diese viele Kilometer lange und etwa 500 Meter breite Eisriesenwelt hinein, um dann entweder an steilen, harten Eistürmen oder vor reißenden Gletscherflüssen zu kapitulieren. Am Ende geben wir auf und marschieren die etwa 15 Kilometer lange Strecke zum 4600 Meter hohen Konkordiaplatz hinaus, um dort kehrtzumachen und auf der anderen Seite der Eisbarriere weitere 15 Kilometer zum Ali Camp hinauf zu laufen. Es ist ein langer Tag, an dem wir zehn Stunden unterwegs sind.

Zuflucht im Sturm

Das Camp wird von Bergrettern betrieben, die Weg über den Pass mit Fixseilen versichert haben. Die Nacht in dem steinigen Lager am Rande des Gletschers ist kurz: Schon um 0.30 Uhr müssen wir aufstehen, wenig später stürmt ein Bergrettungsmann im Schein seiner Stirnlampe durch die wolkige Schneefallnacht bergan.

Mühsam versuchen wir den Anschluss an sein hohes Tempo zu halten, was ohne richtigen Schlaf und ohne Frühstück ein ambitioniertes Unterfangen ist. Hinzu kommt, dass der Gletscher nicht gefroren ist. Immer wieder brechen wir bis zu den Oberschenkeln in den nassen Schnee ein. Das kostet viel Kraft. Gegen 3 Uhr morgens wird das Gelände schließlich noch bis zu 45 Grad steil. In dem gerade mal drei Meter weit reichenden Lichtkegel meiner Stirnlampe sehe ich nur Schneeflocken und Fußstapfen.

Der Pass, den wir um 4 Uhr morgens errreichen, lädt nicht zum Verweilen ein. Ein eisiger Sturm bläst über das kleine Plateau. Die Träger und Bergrettungsleute flüchten sich in ein sturmumpeitschtes Zelt - und wir kriechen zu ihnen. Am Ende kauern zehn Mann unter dem Stoffvorhang, der zwar den Wind etwas abhält, aber kaum Wärme erzeugt. Als Hände und Füße immer kälter werden, gibt es nur noch eine Möglichkeit: so schnell wie möglich auf der anderen Seite des Passes wieder runter.

Um sieben Uhr morgen erreichen wir Khuyu Spang, einen Rastplatz in rund 4700 Meter Höhe. Ein Mann haust hier in einer kleinen Steinhütte und verkauft miserable Tütensuppe und eine Tasse Tee zu 10 US-Dollar. Er sagt, die Träger verlangten so viel Geld, um Gas und Lebensmittel hier herauf zu bringen. Dagegen kann ich nicht wirklich etwas sagen, verzichte aber auf sein Angebot, noch eine weitere Tasse Tee zu trinken.

Unsere Träger scheinen nun schon das Tal vor Augen zu haben, obwohl dieses noch 1700 Höhenmeter tiefer liegt. Jedenfalls rennen sie nun förmlich mit ihren Lasten über den nebligen, teilweise schuttbedeckten und völlig unübersichtlichen Gletscher abwärts. Eigentlich möchte ich langsamer gehen, zumal noch mindestens 20 Kilometer Strecke vor uns liegen. Doch das geht nicht: denn verliere ich in dem Nebel und Regen den Anschluss, werde ich alleine auf diesem Gletscher niemals den Weg ins Tal finden.

Aprikosen in den wilden Bergen

Nach zwölf Stunden haben wir endlich Shaitcho erreicht, rund 3200 Meter hoch. Meine Trinkflasche ist seit Stunden leer, mein körpereigener Motor läuft seit Stunden auf Notbetrieb, die Geschwindigkeit ist in den vergangenen Stunden auf "sehr langsam" zurückgegangen. Es regnet in Strömen, bis auf die Unterhose sind wir nass. Immerhin, Shaitcho ist ein wunderbarer Rastplatz. Ein Fluss und Bäche mäandern durch das flache Gelände, das von Bäumen, Blumen und Felsen durchsetzt ist. Es ist das erste Grün seit rund vier Wochen, und ich sauge den Duft der Pflanzen in mich auf.

Von Shaitcho ist es tags darauf nur noch ein dreistündiger Fußmarsch nach Hushe, dem ersten Dorf am Ende unserer Karakorum-Durchquerung. Von dort fahren wir mit dem Geländewagen eine wilde Piste durch das Hushe-Tal, das an seinen Flanken braun und kahl, in seinem Grund jedoch grün und fruchtbar ist. Überall wachsen Aprikosen und Getreide. Wir überqueren eine große kahle Schotterfläche. Man sagt uns, dass hier im vergangenen Jahr eine riesige Mure abgegangen sei, die zahlreiche Häuser zerstört und mehr als 40 Menschen unter sich begraben habe.

Ali, der uns in Hushe abholt, macht an einem renovierten Palast in Khaplu Halt. Das in den achtziger Jahren zerfallene Gebäude wurde aufwendig renoviert und zu einem exklusiven Hotel umgebaut. Nur Gäste gibt es kaum. "Seit dem 11. September 2001 ist der Tourismus in Pakistan um 90 Prozent eingebrochen", sagt der Manager. Die Auswärtigen Ämter vieler Länder warnen offiziell vor Reisen in dieses asiatische Land: Anschläge, Entführungen, Überfälle, Taliban - die Gefahren seien vielfältig.

"Aber nicht in Baltistan", ruft der Hotelmanager. "All das gibt es hier nicht - oder haben Sie andere Erfahrungen gemacht?" Nein, das haben wir nicht. Die Menschen dieser Region haben wir als sehr freundlich und aufgeschlossen erlebt. Von Fanatismus oder Bedrohungen keine Spur.

Aus dem Basislager hören wir, dass es massive Neuschneefälle gegeben hat. Die Spalten- und Lawinengefahr ist wieder stark angestiegen. Wahrscheinlich war unsere Entscheidung abzusteigen richtig. Den Berg haben wir damit nicht geschafft. Das ist normal im Karakorum. Viele Bergsteiger sind erst beim dritten oder vierten Anlauf erfolgreich - wenn überhaupt. Wir müssen also wiederkommen.

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