Geheimtipp Osttimor Ein bisschen Allgäu, ein bisschen Asien

Weihnachtsbäume und Allgäu-Flair gepaart mit Korallenwelten, Stränden und ursprünglicher Kultur - das ist Osttimor. Zuerst besetzt und dann bekriegt, entwickelt sich das frühere No-Go-Land zu einem Traumziel - vor allem Taucher sind begeistert.

Dili - Als Geheimtipp kursiert Osttimor bislang nur unter Tauchern. Geredet wird dann von einem kleinen Land fast am anderen Ende der Welt mit spektakulären Korallenriffen, die es mit den besten Tauchparadiesen der Welt locker aufnehmen können. Dazu kommen unberührte Strände, Wiesen mit glockenbehängten Kühen wie im Allgäu und eine beeindruckende Berglandschaft. Osttimor, eine zwischen Indonesien und Australien gelegene Halbinsel und etwa so groß wie Schleswig-Holstein, ist bislang weitgehend unentdeckt.

"Bob's Rock" heißt eine Stelle, etwa 50 Kilometer östlich der Hauptstadt Dili an der Küste gelegen - einfach, weil ein Bob hier irgendwann mal seinen Namen auf einen Felsen gesprüht hat. Einen echten Namen hat der Küstenstreifen nicht. Es gibt keine Bänke, keine Eis- und Pommesbuden, keine Parkplätze, keine Bars. Doch Bobs Markierung ist ein wichtiger Wegweiser: Zwischen den Bäumen hindurch geht es 30, 40 Meter bis an die Wasserkante und dann über dicken Kiesel ins Meer. Knapp zehn Meter vom Strand entfernt liegt dem Schnorchler und Taucher die Unterwasser-Pracht zu Füßen.

Der Boden fällt dort steil ab, die ungestört gewachsenen Korallen sind fast zum Greifen nah. "Tasi Feto" - weibliches Meer - heißt das sanfte Wasser vor der Nordküste, "Tasi Mane" - männliches Meer - das Meer an der viel raueren Südküste. "Ich war schon am Barrier Reef in Australien tauchen und auf Bali und in der Karibik - aber das hier ist echt spektakulär und dann noch direkt am Strand", sagt der 26-jährige David, der für eine australische Hilfsorganisation arbeitet und seine Wochenenden vorzugsweise unter Wasser verbringt.

Osttimor war jahrzehntelang selbst auf der Wunschzielliste von Abenteuertouristen nicht vorhanden. Das Land war erst eine portugiesische Kolonie, dann indonesisches Besatzungs- und Dauerkrisengebiet. Der Widerstandskampf machte den Zipfel Land zwischen dem Indischen und Pazifischen Ozean zur No-Go-Gegend. Das Ergebnis: Die Landschaft ist nicht durch Rohstoffausbeutung verschandelt, die kilometerlangen Sandstrände sind nicht mit Hotels zugepflastert, die Korallenriffe sind nicht durch kommerzielle Fischereimethoden mit Dynamit zerstört.

An der Nordküste geht es über eine Straße mit haarsträubenden Kurven in die zweitgrößte Stadt Baucau - rund 120 Kilometer Fahrt, die drei bis vier Stunden dauern. Der Meeresblick entschädigt für vieles, der Verkehr hält sich sehr in Grenzen. Im Dorf Manatuto streift ein Hängebauchschwein über die Hauptstraße, vier Jugendliche sitzen mit der Gitarre mitten auf dem Weg. Auf dem Markt gibt es Gewürze, Gemüse und einheimischen Wein, der aus Bäumen gewonnen wird. Auch Tais gibt es zu kaufen, schöne bunte Baumwollstoffe, die von Frauen in Heimarbeit gewebt werden.

Vom Guerilla-Kämpfer zum Tourismus-Entwickler

An der Straße nach Baucau sind kleine Stände aufgebaut, an denen Bauern sich ein paar US-Dollar - Osttimors offizielle Währung - verdienen wollen. Es gibt Kürbisse, Bohnen, Chilis und Tomaten, die akkurat zu kunstvollen Türmen aufgeschichtet sind. Baucau hat ein riesiges rosafarbenes Hotel aus portugiesischen Kolonialzeiten. Das "Pousada de Baucau", das unter indonesischer Besatzung ein Armeequartier war. Und es gibt in Baucau das "Benefica": ein Restaurant, das zu allen Jahreszeiten mit Weihnachtsbaum und Blinklichtern dekoriert ist. Papa Bento - Papst Benedikt XVI. - blickt gütig vom Wandkalender herab, vor einer Ansicht seines bayerischen Geburtsortes Marktl. Osttimor ist sehr katholisch.

Ein paar Autostunden und noch mehr Schlaglöcher weiter liegt die Provinz Los Palos. Hier hat die einheimische Öko-Stiftung Haburas ein Vorzeige-Tourismusprojekt in Angriff genommen. Treibende Kraft ist Demetrio do Amaral de Carvalho. Der frühere Widerstandskämpfer hat Jahre im Dschungel verbracht. "Dabei habe ich die Natur schätzen gelernt, für Unterschlupf, Nahrung und Medikamente", sagt er. "Wir wollen Tourismus auf drei Säulen: die Natur erhalten, die Kultur fördern und den Einheimischen Einnahmequellen eröffnen."

In Tutualla an der Ostspitze haben die Dorfbewohner ein paar einfache Strandhütten gebaut. Für umgerechnet zehn Euro pro Nacht gibt es eine Hütte, lokale Küche und Paradiesgefühl inklusive. Außerdem können die Gäste mit den Fischern aufs Meer fahren oder Kunsthandwerkern bei der Arbeit zuschauen. Insgesamt profitieren 3000 Leute von dem Projekt, schätzt der Haburas-Chef. "Wir wollen verhindern, dass die Einheimischen Zimmermädchen und Gärtner in Hotelanlagen von Ausländern werden."

Tote Hühner sind teuer

Auch der Weg in die Berge ist von Dili kurz. Auf dem Weg nach Remexio in Aileo-Distrikt stehen viele Häuser in der traditionellen Architektur des Landes. Filomena zeigt stolz ihr Haus, das auf Stelzen gebaut und mit Palmbarthaar bedeckt ist. "Zur Kühlung", sagt sie. Überall rennen Hühner herum und die wenigen Autofahrer sind vorsichtig: Wer ein Huhn überfährt, zahlt dem Besitzer zehn Dollar.

Von Dili aus gibt es Wandertouren bis zum Ramelan, dem mit knapp 3000 Metern höchsten Berg in Osttimor. Querfeldein ist die Devise, am besten mit einheimischen Wanderführern, die nebenbei Land und Leute vorstellen. Vom Basislager in Hato Builiko auf 1960 Meter geht es in drei Stunden auf den Gipfel, der einen spektakulären Blick auf den Sonnenuntergang bietet. Nach einer Nacht im Zelt und dem ähnlich eindrucksvollen Sonnenaufgang geht es am frühen Morgen zurück ins Tal.

Von Christiane Oelrich, dpa

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