Geisterstadt Hebron Tour gegen das Schweigen

Menschenleere Straßen, verlassene Häuser und patrouillierende Soldaten: Durch die stillen Gassen der Hebroner Innenstadt führen Veteranen der israelischen Armee. Sie kämpfen im Westjordanland inzwischen für den Frieden - ohne Waffen und zum Ärger ihrer Landsleute.

SPIEGEL ONLINE

Aus Hebron berichten und


Jehuda Schaul mag Hebron nicht. Das war schon zu seiner Zeit als israelischer Soldat so und wird wohl immer so bleiben. Trotzdem kommt der Touristenführer immer wieder her, und auch das wird so bleiben. Der massige Mann mit dem Vollbart und dem Strohhut auf dem Kopf, unter dem seine Kippah verschwindet, deutet auf den Kleinbus der israelischen Polizei: "Die passen auf uns auf. Vielleicht machen die Siedler wieder Probleme, wär nicht das erste Mal."

Die Polizisten beschützen eine etwa 40-köpfige europäische Touristengruppe - das gehört zum Alltag im von Israel besetzten Westjordanland. Dabei geht weniger um mögliche Attentate palästinensischer Terroristen, vielmehr sind die jüdischen Siedler von Hebron das Problem. Ihr Zorn richtet sich gegen Jehuda und und seinen Kollegen Ayyal, vor allem aber um deren Botschaft an die Besucher. Beide sind israelische Juden, Ende 20, und beide waren hier als Elitesoldaten stationiert. Sie kehren auf Friedensmission zurück. Aus eigener Erfahrung vermitteln sie Touristen, wie die Palästinenser unter der israelischen Besatzung leiden.

Die Siedler betrachten Jehuda und Ayyal deswegen als Feinde, auch wenn sie Landsleute sind. Etwa 600 von ihnen leben in Hebron, mitten unter den rund 180.000 Palästinensern, und werden von der israelischen Armee beschützt. Die meist orthodox-radikalen Juden verlangen von der Truppe bedingungslose Loyalität - auch wenn wieder mal eins ihrer Kinder auf dem Schulweg ein arabisches Kind mit Steinen bewirft oder ein palästinensisches Haus demoliert. Anders als im Rest des Westjordanlands leben beide Parteien quasi Tür an Tür. Aus Sicherheitsgründen sind Teile der Innenstadt für Araber gesperrt.

Die Folgen sind spürbar, sichtbar, greifbar. Ayyal und Jehuda führen die Gruppe die Shuhada-Straße hinunter. Es ist gespenstisch still, die Schritte hallen auf dem Asphalt. Die jungen Leute senken unwillkürlich ihre Stimmen, wenn sie sich in der trockenen Hitze unterhalten. Die meisten bleiben nur kurz stehen, um Erinnerungsfotos zu machen. "Unheimlich", murmelt eine junge Belgierin mit Pferdeschwanz. Ihre Freundin nickt stumm, und die beiden schließen schnell wieder zur Gruppe auf. Ein streunender Hund schnüffelt an einer der zugeschweißten türkisfarbenen Stahltüren. Kein Mensch ist zu sehen.

Veteranen-Organisation: Das Schweigen brechen

Das alles ist eine Folge der Zweiten Intifada, des blutigen Volksaufstands der Palästinenser gegen die Besatzung 2001. Jehuda hat die Zeit in Hebron erlebt. Er war Soldat, schoss Granaten in dicht bewohnte Stadtviertel, durchwühlte nachts Häuser nach Waffen und verhaftete wahllos Palästinenser. "So funktioniert Besatzung. Wenn man eine ganze Bevölkerung unter Kontrolle halten will, geht es nicht anders", sagt Jehuda. Seitdem sind die arabischen Geschäfte an der Shuhada-Straße geschlossen. Einige hundert Palästinenser mussten ihre Häuser verlassen.

Anders als bei den meisten seiner Kameraden, die über ihre Dienstzeit in Hebron lieber schweigen, regte sich bei Jehuda irgendwann das Gewissen. Er gründete 2004 mit ein paar Gleichgesinnten "Breaking the Silence". Die Organisation sammelt Augenzeugenberichte von Veteranen, veranstaltet Ausstellungen und bietet eben Touren ins Westjordanland an. Was in Hebron geschieht, soll nicht länger verschwiegen werden.

Zweieinhalb Stunden dauert der Fußmarsch durch die Stadt. An unterschiedlichen Punkten macht die Gruppe halt. Ayyal erläutert die israelische Armeetaktik gegen die palästinensische Zivilbevölkerung. "Das Ziel war, in ihren Köpfen zu verankern, dass wir jederzeit und bei jedem auftauchen können. Es ging darum, ihr Leben so elend wie möglich zu machen." Die Gruppe hat sich direkt neben einem Checkpoint im Halbkreis versammelt. Ein Soldat steht auf Posten, den Finger lässig am Abzug seines Gewehrs, offenbar ein Rekrut, vielleicht 18 oder 19 Jahre alt. Er hört aufmerksam zu. Was er von Ayyals kleinem Vortrag hält, verrät seine Miene nicht.

Die Hebron-Touristen dagegen scheinen beeindruckt. Es sind kaum Urlauber dabei, viele sind Austauschstudenten, freiwillige Helfer in sozialen Projekten, einige Friedensaktivisten. Die meisten waren noch nie zuvor im Westjordanland. "Hier wird einem klar, wie komplex dieser ganze Konflikt ist", stellt einer fest, "surreal", murmelt ein anderer. Eine blonde deutsche Austauschstudentin atmet tief durch: "Ich verstehe jetzt, woher dieser ganze Hass kommt."

Werte durch den Mixer geschickt

Soldaten stehen Hebron an jeder Ecke. Stundenlang halten sie Wache, nichts passiert. Für die israelische Armee ist die derzeitige Ruhe in der Innenstadt der Beweis für eine gut funktionierende Besatzung. Auf dem Rückweg passiert die Gruppe einen Checkpoint, an dem sich drei Soldaten unterhalten. Ein junger Mann in Zivil steht dabei, er erkundigt sich: "Was ist das für eine Tour?"

Auf die Gegenfrage, wer er sei, sagt er: "Ich bin auch Soldat, habe aber frei und besuche meine Freunde hier." Er ist schmächtig, höchstens 1,70 Meter groß und wirkt mit seinem Bubigesicht wie 16. Als er von "Breaking the Silence" und dem Sinn der Tour hört, nickt er nur und sagt zum Abschied: "Enjoy Israel!" Worte, die sehr eigenartig klingen an diesem Ort.

Bevor Fremdenführer und Besucher wieder den gecharterten Reisebus entern und die 45-minütige Rückfahrt nach Jerusalem antreten, brummt Jehuda Schaul: "Das war erst mal wieder genug Hebron für mich." Und nach einer Pause: "Wenn du die besetzten Gebieten betrittst, ist es so, als würdest du deine ganzen Werte und Moralvorstellungen in einen Mixer schütten. Dann lässt du ihn eine Minute laufen, und nichts bleibt übrig."

Er dreht sich noch einmal um und blickt die Shuhada-Straße hinunter, dann steigt er in den Bus.



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