Georgias Küste Hideaway auf Jekyll Island

Mit viel Südstaatencharme bezirzt Georgia seine Besucher. Auf den Goldenen Inseln gibt es dazu viel Ruhe, Luxus und Naturschönheiten. Die Hafenstadt Savannah, die "Königin der Küste", besticht mit alten Prachtbauten und pittoresken Lagerhäusern.


Brunswick/Savannah - Die Möwen und die Pelikane lassen nicht lange auf sich warten. Als Clifford Credle das erste Mal das Schleppnetz der "Lady Jane" ins Wasser taucht, bilden die Seevögel sofort eine Eskorte für das Krabbenfischerboot. "Die wissen genau: In 15 Minuten gibt's Mittagessen", sagt Cliffords Vater Larry und lacht.

Larry Credle ist der Kapitän der "Lady Jane", die nur noch der Urlauber wegen auf Krabbenfang geht - mit Reisenden lässt sich an der Küste des US-Bundesstaates Georgia längst mehr Geld verdienen als mit Fischerei. Larrys Schiff ist ein Beispiel dafür, dass der Tourismus zwischen Savannah und der Grenze zu Florida heute eine zentrale Rolle spielt. Und in der Tat gibt es vieles zu entdecken, das den Abstecher zum Atlantik für US-Südstaaten-Urlauber lohnend erscheinen lässt.

Heimathafen der "Lady Jane" ist Brunswick, eine Kleinstadt im Südosten Georgias, die sich das "Tor zu den Goldenen Inseln" nennt. Gemeint sind damit das touristisch voll erschlossene St. Simons Island und sein Nachbar Jekyll Island, das Naturparadies Little St. Simons Island und die exklusive Luxusinsel Sea Island. Sie alle liegen auch auf der Route von Credles Krabbenfischerboot, doch heute entscheidet sich der bärtige Chef auf der Brücke dafür, nicht ganz so weit entfernt vom Hafen das Netz ins Wasser zu lassen.

Knapp 40 Dollar für die Fahrt, Krabben inclusive

"Vor fünf Jahren gab es noch mehr als 400 Fischerlizenzen im Staat Georgia, heute sind es noch etwa 60", erzählt Larry mit einer Hand am Ruder und einem Blick auf den Tiefenmesser. "In weiteren fünf Jahren wird es hier keine kommerzielle Fischerei mehr geben." Zu viel Fisch und Krabben würden aus Fernost in die USA importiert, die Preise für Schiffsdiesel steigen immer weiter an. "Was wir auf dem Markt verkaufen, deckt so gerade eben noch unsere Betriebskosten."

Wie gut also, dass es Touristen gibt, die schon immer wissen wollten, wie ein Krabbentrawler seinen Fang an Bord zieht. 39,95 Dollar (26 Euro) kostet die Fahrt, gekochte frische Krabben auf einem Pappteller und Softdrinks inklusive. "Es gibt kleinere Boote, die Urlauber mitnehmen, aber niemand anderen, der mit einem so großen Schiff für Touristen unterwegs ist", sagt Larry voller Stolz. 49 Fahrgäste darf er mitnehmen, bestenfalls kassiert er 1960 Dollar pro Tour - mehr als genug, um den Schiffsdiesel zu bezahlen.

An Bord der "Lady Jane" gehen nicht zuletzt Urlauber, die auf den "Golden Isles" entspannte Tage verbringen. Die meisten beziehen ihr Quartier auf St. Simons Island, gut erreichbar vom Festland über eine Brücke ohne Mautgebühr. Little St. Simons dagegen ist für die Gäste der einzigen Öko-Lodge ausschließlich per Boot zugänglich, Sea Island ist reserviert für die Besucher des Luxushotels "The Cloisters" und die wenigen Ferienhausbesitzer.

Und auch auf Jekyll Island bleibt die Zahl der Unterkünfte überschaubar. Die Insel, einst von Millionären im späten 19. Jahrhundert als Standort des exquisiten "Jekyll Island Club" auserwählt, gehört heute wieder dem Staat Georgia - und der hat verfügt, dass maximal 35 Prozent der Fläche bebaut werden dürfen, erzählt Patrick Saylor von der regionalen Tourismusvereinigung.

Schildkröten im E-Werk

Auch nach Jekyll Island führt eine Brücke, allerdings werden für jedes Fahrzeug drei Dollar (1,95 Euro) Gebühren erhoben - das hält die Zahl der Tagestouristen überschaubar. Einen Besuch wert ist das Gelände des ehemaligen Millionärsclubs, das heute als Hotel dient. Im alten Elektrizitätswerk der Anlage ist seit Sommer 2007 ein Zentrum zum Schutz von Meeresschildkröten zu finden.

Besucher erfahren dort unter anderem, dass die Zahl der Nester an Georgias Stränden stark schwankt: Sie liegt zwischen gut 360 und mehr als 1500 im Jahr. Nur jede 4000. Schildkröte, die aus den Eiern schlüpft, wird erwachsen - die anderen werden vorher gefressen oder sterben an Krankheiten. Auf Jekyll Island werden auch angeschlagene ältere Tiere aufgepäppelt.

Auf einem 32 Kilometer langen Fahrradweg lässt sich die Insel umrunden, an der Nordspitze lädt der Driftwood Beach mit seinem angeschwemmten Holz zu längeren Spaziergängen ein. Delfine zeigen sich nahe des Ufers, und der 1872 gebaute Leuchtturm auf der nördlich gelegenen St. Simons Island erscheint fast zum Greifen nahe. Auf dem harten Sand des Strandes verlieren sich nur wenige Fußabdrücke.

Georgias Atlantikküste:
TMN

Georgias Atlantikküste:

Ein ganz anderes Bild bietet Savannah, für Georgia die "Königin der Küste". Die Hafenstadt nahe der Mündung des Savannah River - 1996 Gastgeberin der Olympia-Segelwettbewerbe, als die Sommerspiele in Atlanta abgehalten wurden - ist immer noch eine Südstaaten-Schönheit mit alten Prachtbauten, schmiedeeisernen Balkongittern und sehr viel Spanischem Moos, das von den Eichen herabhängt. Die Zeiten, in denen hier massenhaft Baumwolle auf Schiffe verladen wurde, sind lange vorbei. Das letzte Handelshaus an der Riverfront schloss 1956, und die Baumwollbörse, lange Zeit der Umschlagsplatz Nummer eins am Atlantik, ist heute Sitz der lokalen Handelskammer.

Vor der Kulisse der aus Ziegelstein gebauten alten Lagerhäuser an der Riverfront geht die Stadt nun Tag für Tag auf die Jagd nach den Touristen-Dollars. Steile Treppen mit ungleichmäßigen Stufen führen zum Wasser hinab, wo Trolleybus- und Bootstouren beginnen und viel Nippes verkauft wird - unter anderem T-Shirts, deren Aufdrucke sich ums ungehemmte Trinken drehen. Trommler, Gitarristen und Saxofonisten liefern sich einen Wettkampf mit schrägen Tönen, und Bars werben damit, das "kälteste und billigste Bier der Stadt" im Zapfhahn zu haben. Beim Überprüfen dieser Werbeslogans sollten es Besucher allerdings nicht übertreiben, schließlich müssen die meisten später die ungleichmäßigen Stufen zur Altstadt wieder hinaufgehen.

Geruhsame Stille auf Tybee Island

Savannah ist auch ein geschäftiger Industriehafen, doch noch immer besitzt die Stadt Orte, an denen Urlauber abschalten können - etwa Fort Pulaski an der Mündung des Savannah River. Die von 1829 bis 1847 gebaute Festung spielte eine wichtige Rolle im US-Bürgerkrieg, als sie 1862 von den Unionstruppen aus dem Norden nach 30-stündigem Bombardement eingenommen wurde. Heute lassen sich von den Standorten der alten Geschütze auf den 2,30 Meter dicken Mauern die großen Containerschiffe beobachten, die vom Atlantik aus Savannah ansteuern. Der Wind vom Meer ist hier das einzige Geräusch.

Ganz ähnlich ist es gleich nebenan auf Tybee Island, Georgias am weitesten in den Atlantik hineinragende Insel. Elf Kilometer lang erstreckt sich hier der Strand, und wenn außerhalb der Hochsaison abends die Angler am Pier ihre Leinen im Wasser beobachten und darauf hoffen, mit einem guten Fang nach Hause zu gehen, herrscht eine fast seltsame Ruhe, die nur durchbrochen wird vom Juchzen einiger Teenager, die auch zu später Stunde in den Ozeanwellen baden.

Auf dem Rückweg von Tybee Island nach Savannah müssen Autofahrer aufpassen, nicht zu stark abgelenkt zu werden. Am Victory Drive südlich des Stadtzentrums schimmert die untergehende Sonne immer wieder durch das Dach der Eichenzweige, das sich über der Straße im Laufe der Jahrhunderte gebildet hat - und links und rechts versucht unterdessen eine 19.-Jahrhundert-Villa im "Greek-Revival"-Stil nach der anderen, die Aufmerksamkeit des Fahrers zu erhaschen.

Gut 100 Kilometer weiter südlich hat auch die Besatzung der "Lady Jane" jetzt Feierabend. Gut zwei Stunden lang hat die Tour gedauert, dreimal hat der 14-jährige Clifford Credle das Netz aus dem Wasser gezogen - zur Freude der vielen Möwen und Pelikane. Etliche Krebse waren darin, einmal ein kleiner Rochen sowie viele Fische, die als Beifang gleich wieder über Bord gehen. Aber natürlich lagen jedes Mal auch mehrere Dutzend Garnelen auf dem metallenen Sortiertisch. Die landen ebenfalls sofort im Wasser - aber in kochend sprudelndem. "Frischer geht's nicht", sagt Kapitän Larry und greift selbst zu.

Im Sommer ist Hochsaison: "Von Juni bis September haben wir in der Region die meisten Shrimps", erzählt der Fischer. "Und wenn wir dann bei Niedrigwasser durch die Kanäle zwischen den Inseln fahren, gibt das immer einen Superfang" - viel zu viel für die fast 50 Urlauber an Bord. Was an Krabben nicht gebraucht wird, geht dann ebenfalls zurück ins Meer - die nächste Fahrt mit Touristen kommt ja bestimmt.

Von Christian Röwekamp, dpa



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