Gestrandete Thailand-Touristen Böses Erwachen aus dem Urlaubstraum

Bangkok ist blockiert, an den Ausweichflughäfen herrscht Chaos: Langsam kehren die gestrandeten Thailand-Touristen nach Hause zurück, 300.000 sollen noch im Land festsitzen. Die Wut hält sich bei den Urlaubern aber in Grenzen, viele haben Mitgefühl mit den unter der Krise leidenden Thailändern.

Von , U-Tapao


U-Tapao - Nur raus hier, nur noch nach Hause. Sie sind erschöpft, heimwehkrank und verunsichert. Tausende Touristen sammeln sich auf dem Militärflughafen U-Tapao, rund 150 Kilometer südöstlich von Bangkok. Die tropische Sonne brennt unbarmherzig. Zum Glück verteilen die Helfer vom Roten Kreuz kostenlos Trinkwasser: Nicht dass noch jemand so kurz vor der letzten Etappe hier dehydriert.

Die Helfer haben allen Grund zur Sorge. Gerade den älteren Menschen sind die Strapazen der vergangenen Tage, die Ungewissheit, wann sie wieder nach Hause können, anzumerken. Einige sind kaum nach der Ankunft am Abflugterminal übermüdet auf ihren Plastiksitzen zusammengesackt. Andere blicken desorientiert in der Gegend herum.

Etwa 50 Maschinen verlassen derzeit täglich diesen Flughafen. Rund um die Uhr karren Reisebusse mehr Menschen heran. Schilder werden geschwenkt: Hongkong, Düsseldorf. Daneben führen junge Thai-Tänzerinnen in farbenfrohen Kostümen Volkskunst auf. Thailand ist ein gastfreundliches Land. Das Chaos, das derzeit von Regierungsgegnern, die unter anderem den internationalen Flughafen Suvarnabhumi besetzt halten, angerichtet wird, erschüttert die südostasiatische Monarchie, die so abhängig von den Touristen und so stolz auf ihre Sanftmut ist.

Kaum jemand kann den wirtschaftlichen Schaden ermessen, kaum jemand die Langzeitfolgen. Bis zu 300.000 Touristen sollen derzeit im Land festsitzen. Werden die verunsicherten Menschen, die hier auf dem Armeeflughafen abgeladen werden, wiederkommen?

Viele haben die letzten Nächte durchwacht. Einige sind bereits seit vier Uhr früh auf den wackligen Beinen, haben stundenlange Bustransfers hinter sich. Viele wissen immer noch nicht, ob sie heute mitgenommen oder ob sie wieder abgewiesen werden - wie so oft in den vergangenen Tagen.

Viele wollen zum Nikolaustag bei ihren Liebsten in der europäischen Dezemberkälte sein, spätestens Weihnachten. Doch jetzt wissen sie nicht einmal, ob sie es bis Silvester schaffen. Für Menschen mit Reiserücktrittsversicherung und Auslandskrankenschutz ist das, was sich derzeit in ihrem Traumland abspielt, nur ein einziger Alptraum.

"Und diesem Land habe ich so viel Geld gespendet, als hier der Tsunami war", schimpft eine ältere Dame aus Deutschland, "nie wieder fahre ich hierher. Es ist schrecklich." Erst langsam dämmert den meisten, wo sie hier wirklich gelandet sind. In einem Land, das von schweren inneren Zerwürfnissen geplagt ist; in dem in diesen Tagen Chaos herrscht und fast so etwas wie Anarchie; in dem sich das Gewaltmonopol des Staates verflüchtigt zu haben scheint.

Thailand ist in die Hand von politischen Räubern gefallen, die nach der Macht streben und wenn sie sie erst einmal haben, die Demokratie abschaffen wollen. Das lässt sich nicht mehr weglächeln.

Zwischen Teutonentraum und Krisenherd

Dieses verstörende Thailand konkurriert derzeit mit dem anderen, dem liebenswerten Buddha-Land mit Badestrand, wo es billiges Essen und willige Mädchen gibt, deren exotischem Lockruf Trekker wie Neckermänner folgen. Sie finden in Thailand Kartoffelchips mit Bratwurstgeschmack ("Germän Sausäge"), eine Biermarke, die "Kloster" heißt, und die deutschsprachige Zeitung "Tip", die sie immer auf dem Laufenden hält: "Airport zu - Terror in Thailand!" Das ist das Thailand aus dem Teutonentraum - einem Traum, den hier jedes Jahr rund 500.000 deutsche Sonnenhungrige zu verwirklichen suchen.

In der Hauptstadt Bangkok mit seinen 6,3 Millionen Einwohnern verschärft sich die Lage derzeit weiter. Zwar durften einige Dutzend Maschinen heute Suvarnabhumi leer verlassen. Dennoch steigt die Nervosität. Um ihre Präsenz auf den beiden seit einer knappen Woche besetzten Flughäfen zu verstärken, hat die oppositionelle "Volksallianz für Demokratie" ihre Anhänger aufgefordert, die Barrikaden um das "Government House", das seit dem 26. August besetzt ist, zu verlassen und zu den Flughäfen zu marschieren.

Gleichzeitig kündigen Regierungsanhänger einen Zug zum Obersten Gericht an. Die Richter sollen am Dienstag darüber urteilen, ob die regierende "People's Power Party" des Stimmenkaufs schuldig ist und deshalb aufgelöst werden muss. Für diesen Fall stünde aber bereits eine Nachfolgepartei bereit. Der Kampf um Bangkok ginge dann in eine weitere Runde.

Keine Spur von versprochener Entschädigung

Die meisten Gestrandeten, die jetzt hier auf dem U-Tapao-Militärflughafen auf ihre Heimreise warten, tragen ihr Schicksal dennoch mit Fassung. 14 Tage verbrachte der Münchner Systemprogrammierer Rupert Wenzel, 40, in Najomtien, in der Nähe von Pattaya. Er schwärmt von "einem richtigen Erlebnisurlaub", den er gemeinsam mit seiner Freundin genießen durfte, und beide wollen wiederkommen.

Von den Unruhen haben sie nur durchs Internet erfahren, in der Hotelanlage blieb alles friedlich. Eigentlich sollten die beiden schon am Sonntag nach München fliegen, stattdessen wird es wohl am Montag nach Düsseldorf gehen. Aber so schlimm sei das nun auch wieder nicht - die zusätzliche Nacht hat immerhin "der Reiseveranstalter ITS problemlos bezahlt".

Wie Wenzel geht es den meisten. Ihnen tun die Thailänder leid, die durch die politischen Wirren Schaden nehmen. "Die einfachen Menschen können doch nichts für die Lage", meint Harald Stitzung aus Kiel. Stitzung und seine Frau werden heute mit Air Berlin ausgeflogen. Zunächst einmal geht es nach Düsseldorf, von dort müssen sie sich irgendwie nach Hamburg durchschlagen, wo ihr Wagen parkt. Dann geht es weiter ins meerumschlungene Schleswig-Holstein.

Nur von den umgerechnet 44 Euro Tagessatz, die Thailands Außenminister den Touristen als Entschädigung versprochen hat, hat niemand in U-Tapao bislang nur einen einzigen Cent gesehen.



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