Gipfeltour in Feuerland Auf dem Lieblingsberg der Biber

Robert Jacobi

2. Teil: "Vielen geht es nur um die Höhe"


In Argentinien wird die Heilige Nacht typischerweise erst ruhig in der Familie gefeiert, aber ab Mitternacht dann gerne sehr feucht und fröhlich in größeren Runden. "Ich war bis in den frühen Morgen mit Freunden in der Stadt unterwegs", erzählt Luis, der für einen Argentinier recht groß und kräftig ist. "Ich habe eine Frau und zwei Kinder, aber sie leben in Mendoza, da komme ich auch her. Jetzt im Sommer kommen die Touristen, und ich muss hierbleiben, um Geld zu verdienen. Früher war ich Elektriker, das war nicht so abwechslungsreich, aber familienfreundlicher."

Schon kurz nach dem großen Biberdamm erreichen wir die Baumgrenze auf rund 700 Höhenmetern. Wir steigen über ein Geröllfeld, dann erreichen wir den Gletscher und legen Steigeisen an. Schon auf weniger als tausend Höhenmetern beginnt das Eis. Luis packt das Seil aus, und wir setzen unsere Helme auf.

"Ein paar Jahre noch, dann kehre heim"

"Und, läuft dein Geschäft gut?", frage ich Luis.

"Ehrlich gesagt, nicht so sehr", räumt er ein. "Ich dachte ursprünglich, dass mehr Bergsteiger hierherkommen würden. Aber vielen geht es nur um die Höhe, da können wir nicht mithalten. Oder sie ziehen gleich zu den berühmten Klettergipfeln weiter nördlich in Patagonien, dem Cerro Torre oder dem Fitzroy." Dabei sei es hier wunderbar ruhig, und man müsse nicht tagelang aufsteigen, um schwieriges Gelände zu erreichen. "Doch ein Nachteil ist vielleicht das brüchige Schiefergestein." Er deutet hinüber auf den spitz zulaufenden, zackigen Monte Oliva, der von jeder Straßenecke in Ushuaia aus zu sehen ist. "Da stürzen immer wieder Kletterer ab. Man kommt nur im Winter gut hoch, wenn Schnee und Eis die Felsen zusammenhalten."

"Hat deine Familie nicht manchmal Angst um dich?"

"Doch. Und ich vermisse sie sehr. Ein paar Jahre noch, dann mache ich die Bergschule dicht und kehre heim."

Als wir schließlich den Gipfel erreichen, behält Luis mit seiner Warnung vor schlechtem Wetter recht. Im Westen, über den chilenischen Gipfeln der Darwin-Kordillere, türmen sich die ersten Wolken. Auf Feuerland, das habe ich in den ersten Tagen meines Aufenthalts gelernt, wechseln sich Sonnenschein, Schneestürme und Regen manchmal binnen weniger Minuten ab. Gerade in den Bergen muss man deshalb vorsichtig sein. Auch ist es trotz der Sonne nicht gerade warm auf dem kuppelförmigen Plateau.

Gemütlicher als im Sternehotel

Wir entschließen uns, rasch abzusteigen, und schon wenige Minuten später setzt ein Graupelschauer ein, gefolgt von dünnen Schneeflocken. Kalter Wind schneidet durch meine Jacke. Eine halbe Stunde später ist der Spuk vorbei, und die Sonne begleitet unsere letzten Schritte hinab ins Tal. Ich schaue nicht auf den Boden vor mir. Auf einmal sinke ich bis fast zum Knie im feuchten Untergrund ein, meine Schuhe saugen sich mit Wasser voll.

Da ich nicht mehr zurück nach Ushuaia, sondern meine Reise Richtung Norden fortsetzen will, habe ich mein ganzes Gepäck in Luis' Jeep deponiert. Zwar dämmert es auf Feuerland um diese Jahreszeit erst eine Stunde vor Mitternacht, aber es ist zu spät, um noch zu reisen. Auch fühle ich mich viel zu erschöpft und wünsche nichts sehnlicher als ein Dach über dem Kopf, um mich aufzuwärmen.

"Ein Freund von mir hat hier in der Nähe eine Hütte. Im Moment ist er nicht da. Wenn du möchtest, kannst du dort übernachten", bietet Luis mir an, ganz so, als hätte er meine Gedanken gelesen. "Ich bringe dich gern hin." Das Angebot ist zu verlockend. Eine Stunde später mache ich mir ein kleines Feuer vor der Holzhütte, deren schräge Wellblechdächer fast bis zum Boden reichen, um den heftigen Winden standzuhalten. Ich blicke zurück auf den Cerro Alvear, ein kleiner Fluss versorgt mich mit bergfrischem Trinkwasser, und eine Wildgans mit ihren braunen, zerzausten Jungen leistet mir Gesellschaft.

Gar nicht schlecht, was der anfangs so mürrische Luis mir da organisiert hat, denke ich. Dann schlafe ich auf einer alten, abgelegenen Couch ein, die mir an diesem Abend gemütlicher vorkommt als jedes Bett im Sternehotel.

Bei diesem Text handelt es sich um einen leicht geänderten Auszug aus dem Buch "Der wilde Kontinent" (Piper Malik / National Geographic) von Robert Jacobi.



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el varón, libre 05.10.2010
1. .
Wunderbarer Text. Gibt ein gutes Stimmungsbild von Argentinien bzw. Feuerland wieder. Bin auf das Buch gespannt!
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