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05. Oktober 2010, 09:15 Uhr

Gipfeltour in Feuerland

Auf dem Lieblingsberg der Biber

Am Mittwoch beginnt die Frankfurter Buchmesse, Partnerland ist diesmal Argentinien. Ein Land, dem Robert Jacobi in seinem neuen Buch "Der wilde Kontinent" mehrere Kapitel gewidmet hat - hier berichtet er von einer einsamen Bergtour inklusive Crashkurs in Landeskunde.

Schneebedeckte Berge türmen sich bis zum westlichen und östlichen Horizont, viele von ihnen niemals bezwungen. Die Kulisse wirkt übernatürlich schön, als ich vom Gipfel um mich blicke. Nur in Richtung Südwesten öffnet sich eine Schneise, durch die sich die Straße hinab nach Ushuaia schlängelt. Dort unten ist ein schmaler Abschnitt des Beagle-Kanals zu erkennen, an dessen Ufern einst so manche Besatzung Schiffbruch erlitten hat. Den ganzen Tag über ist uns kein anderer Mensch begegnet.

"Ich bin schon oft aufgestiegen, aber so gut war die Sicht selten", freut sich Luis Turi, der Bergführer, mit dem ich gerade den Gletschergipfel des Cerro Alvear erreicht habe. Mit 1450 Metern ist der einer der höchsten Berge im argentinischen Teil Feuerlands. "Wir sollten nicht zu lange bleiben, dort hinten zieht schlechtes Wetter auf. Das kann jeden Augenblick hier sein", sagt Luis.

Er ist einer der besten Bergsteiger der Insel. In den Anden hat er so gut wie alle bekannten Gipfel bezwungen, an der Hauptstraße in Ushuaia betreibt er eine Bergschule. Kürzlich leitete er im Auftrag des spanischen Fernsehens eine Expedition ins indische Hochgebirge. "Die Natur ist beeindruckend dort, aber ich kann nicht verstehen, dass man als Tourist dorthin will, die Armut ist schrecklich", berichtet er.

"Unsere Politiker sind unfähig"

Bei unserem Aufstieg, der knapp über Meereshöhe begann, haben wir uns über Weltpolitik und die Lage in Argentinien unterhalten. Manchmal blieb mir vor Anstrengung fast die Luft weg, und ich kam kaum mehr dazu, mich umzusehen und die Natur zu bewundern.

"Wir sind eigentlich ein sehr reiches Land, aber unsere Politiker sind so unfähig, dass sie uns immer wieder zugrunde richten", seufzt Luis. "Von der großen Krise haben wir uns immer noch nicht erholt." Wenn Argentinier von der großen Krise sprechen, meinen sie damit nicht die weltweite Finanzkrise, sondern den Zusammenbruch ihrer Wirtschaft kurz nach der Jahrtausendwende. Die künstlich aufgepumpte Landeswährung wurde abgewertet, jahrzehntelang ersparte Guthaben wurden fast wertlos. In den Städten brachen Unruhen aus. Bis heute ist Argentinien ein internationaler Großschuldner, der nur zögerlich zurückzahlt.

"Hast du denn auch Geld verloren?", frage ich Luis. "Nicht so viel, ich hatte damals ja kaum etwas, weil ich noch jung war. Aber eine Katastrophe war es trotzdem. Meine Familie hat viel eingebüßt. Nur die Reichen haben ihr Geld rechtzeitig ins Ausland gebracht."

Biber beißen die Wälder kaputt

Nach einem längeren Aufstieg durch den knorrigen Südbuchenwald erreichen wir eine Talsenke. Der Gipfel über uns ist noch von einer Wolke eingehüllt. Die dünnen, niedrigen Bäume sind fast alle verdorrt oder umgestürzt. Ein kleiner Fluss hat sich gebildet, aus dem kahle Äste herausragen und der sich weiter unten zu einem See aufstaut.

"Was ist denn hier passiert?", frage ich. "Das waren Biber", erklärt Luis und deutet auf die Wände aus totem Holz, die am Ufer übereinander geschichtet liegen.

"Wie meinst du das? Sieht eher aus, als wäre hier eine Lawine runter gekommen."

"Nein, es waren wirklich Biber. Die sind in Feuerland eine echte Plage. Kanadische Siedler haben sie vor 50 Jahren eingeführt, weil sie mit den Fellen Geld verdienen wollten. Aber die Tiere haben bei uns keine natürlichen Feinde, beißen die Wälder kaputt und verändern die Landschaft."

Ich suche die Dämme nach Bibern ab, aber ausgerechnet heute scheinen sie sich einen Tag freigenommen zu haben.

Schäden durch amerikanische Holzfirmen

"Das Problem ist, dass unsere Bäume extrem langsam wachsen, weil das Klima so kalt und der Boden ziemlich nährstoffarm ist", sagt Luis. "Das macht die Wälder sehr wertvoll. Der Schaden ist enorm. Nicht ganz so groß wie der, den amerikanische Holzfirmen anrichten, aber immerhin."

Luis weiß so ziemlich alles über die Natur auf Feuerland. "Es gibt nur drei Arten von Bäumen hier, die beiden sommergrünen Nire und Lenga, dazu der immergrüne Guindo." Fünf Minuten stöbert Luis im Wald zwischen Büschen, Pilzen und Kletterpflanzen, dann hat er mir von jeder der drei Südbuchenarten ein kleines Blatt gepflückt. "Als Erinnerung für dich." Erfreut stecke ich die Blätter ein.

Es hat eine Weile gedauert, bis Luis und ich miteinander warm geworden sind. Während der Jeepfahrt von Ushuaia am frühen Morgen erschien er mir wortkarg und mürrisch. Er versuchte gar nicht erst zu verbergen, dass er, zwei Tage nach Heiligabend, lieber ausgeschlafen hätte, als in die Berge zu gehen.

"Vielen geht es nur um die Höhe"

In Argentinien wird die Heilige Nacht typischerweise erst ruhig in der Familie gefeiert, aber ab Mitternacht dann gerne sehr feucht und fröhlich in größeren Runden. "Ich war bis in den frühen Morgen mit Freunden in der Stadt unterwegs", erzählt Luis, der für einen Argentinier recht groß und kräftig ist. "Ich habe eine Frau und zwei Kinder, aber sie leben in Mendoza, da komme ich auch her. Jetzt im Sommer kommen die Touristen, und ich muss hierbleiben, um Geld zu verdienen. Früher war ich Elektriker, das war nicht so abwechslungsreich, aber familienfreundlicher."

Schon kurz nach dem großen Biberdamm erreichen wir die Baumgrenze auf rund 700 Höhenmetern. Wir steigen über ein Geröllfeld, dann erreichen wir den Gletscher und legen Steigeisen an. Schon auf weniger als tausend Höhenmetern beginnt das Eis. Luis packt das Seil aus, und wir setzen unsere Helme auf.

"Ein paar Jahre noch, dann kehre heim"

"Und, läuft dein Geschäft gut?", frage ich Luis.

"Ehrlich gesagt, nicht so sehr", räumt er ein. "Ich dachte ursprünglich, dass mehr Bergsteiger hierherkommen würden. Aber vielen geht es nur um die Höhe, da können wir nicht mithalten. Oder sie ziehen gleich zu den berühmten Klettergipfeln weiter nördlich in Patagonien, dem Cerro Torre oder dem Fitzroy." Dabei sei es hier wunderbar ruhig, und man müsse nicht tagelang aufsteigen, um schwieriges Gelände zu erreichen. "Doch ein Nachteil ist vielleicht das brüchige Schiefergestein." Er deutet hinüber auf den spitz zulaufenden, zackigen Monte Oliva, der von jeder Straßenecke in Ushuaia aus zu sehen ist. "Da stürzen immer wieder Kletterer ab. Man kommt nur im Winter gut hoch, wenn Schnee und Eis die Felsen zusammenhalten."

"Hat deine Familie nicht manchmal Angst um dich?"

"Doch. Und ich vermisse sie sehr. Ein paar Jahre noch, dann mache ich die Bergschule dicht und kehre heim."

Als wir schließlich den Gipfel erreichen, behält Luis mit seiner Warnung vor schlechtem Wetter recht. Im Westen, über den chilenischen Gipfeln der Darwin-Kordillere, türmen sich die ersten Wolken. Auf Feuerland, das habe ich in den ersten Tagen meines Aufenthalts gelernt, wechseln sich Sonnenschein, Schneestürme und Regen manchmal binnen weniger Minuten ab. Gerade in den Bergen muss man deshalb vorsichtig sein. Auch ist es trotz der Sonne nicht gerade warm auf dem kuppelförmigen Plateau.

Gemütlicher als im Sternehotel

Wir entschließen uns, rasch abzusteigen, und schon wenige Minuten später setzt ein Graupelschauer ein, gefolgt von dünnen Schneeflocken. Kalter Wind schneidet durch meine Jacke. Eine halbe Stunde später ist der Spuk vorbei, und die Sonne begleitet unsere letzten Schritte hinab ins Tal. Ich schaue nicht auf den Boden vor mir. Auf einmal sinke ich bis fast zum Knie im feuchten Untergrund ein, meine Schuhe saugen sich mit Wasser voll.

Da ich nicht mehr zurück nach Ushuaia, sondern meine Reise Richtung Norden fortsetzen will, habe ich mein ganzes Gepäck in Luis' Jeep deponiert. Zwar dämmert es auf Feuerland um diese Jahreszeit erst eine Stunde vor Mitternacht, aber es ist zu spät, um noch zu reisen. Auch fühle ich mich viel zu erschöpft und wünsche nichts sehnlicher als ein Dach über dem Kopf, um mich aufzuwärmen.

"Ein Freund von mir hat hier in der Nähe eine Hütte. Im Moment ist er nicht da. Wenn du möchtest, kannst du dort übernachten", bietet Luis mir an, ganz so, als hätte er meine Gedanken gelesen. "Ich bringe dich gern hin." Das Angebot ist zu verlockend. Eine Stunde später mache ich mir ein kleines Feuer vor der Holzhütte, deren schräge Wellblechdächer fast bis zum Boden reichen, um den heftigen Winden standzuhalten. Ich blicke zurück auf den Cerro Alvear, ein kleiner Fluss versorgt mich mit bergfrischem Trinkwasser, und eine Wildgans mit ihren braunen, zerzausten Jungen leistet mir Gesellschaft.

Gar nicht schlecht, was der anfangs so mürrische Luis mir da organisiert hat, denke ich. Dann schlafe ich auf einer alten, abgelegenen Couch ein, die mir an diesem Abend gemütlicher vorkommt als jedes Bett im Sternehotel.

Bei diesem Text handelt es sich um einen leicht geänderten Auszug aus dem Buch "Der wilde Kontinent" (Piper Malik / National Geographic) von Robert Jacobi.

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