Gleitschirm-Abenteuer in Tansania Sprung vom Kraterrand

Premiere am Mount Kerimasi: Drei Deutsche wollten die Ersten sein, die mit einem Gleitschirm von dem etwa 3000 Meter hohen Vulkanberg ins Tal segeln. Felix Wölk ist einer von ihnen - hier beschreibt er seine waghalsige Tour in Tansanias menschenfeindliche Wildnis.

Felix Wölk

Im Massai-Dorf Gelai Bomba sorgen unsere riesigen Rucksäcke für einige Verwirrung. Gerüchte machen die Runde. Man munkelt, wir drei Ausländer suchten nach einem Schatz, den unsere Vorfahren einst auf dem Mount Kerimasi vergruben. In unserem übergroßen Gepäck vermuten die Einheimischen Werkzeug für seine Bergung im Schutz der nächtlichen Dunkelheit - es hat sich schon herumgesprochen, dass wir ein Biwak auf dem Gipfel planen. Unser tatsächliches Vorhaben ist kaum weniger ungewöhnlich, denn mit meinen Freunden Andreas Egger und Michael Gebert will ich den ersten Gleitschirmabsprung am Mount Kerimasi versuchen.

Das Gerede im Dorf beschert uns eine Vorladung zu den Anführern des Dorfes. Statt der traditionellen Massai-Tracht tragen sie Anzüge und goldene Armbanduhren. Mudy, ein Student aus Daressalam, der seine Familie im Heimatdorf besucht, fungiert im Gespräch als Übersetzer. Die Fragen der Dorfobersten sind unkonkret und ohne Zusammenhang. Mit gesenkten Häuptern meiden sie jeden Blickkontakt. Bald stellt sich heraus, dass sie sich von uns ein Stück Reichtum erhoffen. Aber die Steppe um Gelai Bomba ist freies Land. Wir gehen auf keine Forderung ein, schon gar nicht auf eine plötzlich willkürlich erhobene "Sicherheitsgebühr". Mudy ist ein menschlicher Glücksfall, denn er ist auf unserer Seite und lässt sich nicht einschüchtern.

Es dauert ein paar Tage, einen fahrtüchtigen Jeep für den Transport an den Mount Kerimasi zu organisieren. Ein großgewachsener Massai ist der Besitzer. Da er selbst nicht fahren kann, nimmt er mit seinem zepterartigen Hartholzstock, dem Eng'udi, auf dem Beifahrersitz Platz. In kindlicher Freude gibt er seinem Fahrer haarsträubende Routenanweisungen.

Bald schwimmen die profillosen Reifen durch den unberührten Staub der Steppe, bis wir die sanft auslaufenden vulkanischen Flanken des Bergfußes erreichen. Wie hoch der Berg ist, steht auf keiner Landkarte. Wir schätzen ihn auf etwa 3000 Meter. Als sich der Jeep auf den Heimweg macht und sich in der flimmernden Luft verliert, sind die einzigen Zeichen von Zivilisation drei entfernte Lehmhütten. Zur jetzigen Trockenzeit stehen diese Behausungen der Massai jedoch leer, die Menschen sind mit ihrem Vieh zum Wasser gezogen.

Spuren von Simba

Wir wickeln uns Turbane aus alten T-Shirts, um uns gegen die sengende Sonne zu schützen, und steigen auf dem Lavagestein des Mount Kerimasi empor. Buschwerk, Dornengewächse und knochige Bäume mit nadelspitzen Ästen ziehen sich durch die Rinnen seiner Ausläufer. Wir folgen Tierpfaden, oft ist das Gras auf einigen Quadratmetern eingeebnet - Spuren großen Wildes, das sich in der Trockenzeit aus der Steppe in die fruchtbareren hohen Regionen zurückzieht.

Ich denke an die Worte der Massai, die erzählten, dass sich ein Simba, ein gefährlicher Löwe, zur Jagd und Ruhe in den tiefen Busch der Krater und Berge zurückzieht. Überall finden wir seine Spuren. Zerfetzte Rinde an einem Baum, sogar tiefe Furchen einer Kralle im harten Kernholz.

Auf halber Höhe zum Gipfel verdunkeln Gewitterwolken den Himmel. Sie sind Vorboten der Regenzeit. Windstöße bringen einige Tropfen, die auf der Haut wie auf heißem Stein verdunsten. Wir bauen rasch aus einem Gleitschirm ein Notbiwak, indem wir das Segel fest über unsere Köpfe spannen, und beobachten das Naturspektakel in der Ebene: Eine kilometerhohe rote Walze aus puderzuckerfeinem Steppenstaub zieht über das Land. Die Luft riecht feucht und modrig, und roter Regen fällt auf das Gleitschirmsegel. Wir müssen warten, obwohl die Zeit für den Gipfelversuch schon knapp wird.

Skeptische Blicke der Geparden

Im Wettlauf gegen die einbrechende Dunkelheit hetzen wir kurz darauf durch immer dichteres Buschwerk bergwärts. Sechs ausgewachsene Geparden schlängeln ihre eleganten Körper vor uns durch das Gras. Sie mustern uns seelenruhig mit wachsamen, skeptischen Blicken, umschleichen uns in einem Bogen, dann ziehen sie davon.

Im Dunklen erreichen wir den bewaldeten Kraterrand des Mount Kerimasi. Das Gras trieft im Nebel vor Nässe. Böiger Wind zeugt noch von den abflauenden Gewittern. Auf einer Lichtung breiten wir einen Gleitschirm als Schlafunterlage aus. Ein zweiter dient uns als Decke. Um der Tierwelt ein Zeichen zu geben, befestige ich eine Stirnlampe im Buschwerk, von der ich hoffe, dass ihre Batterien die Nacht überstehen. Ich versuche zu schlafen, doch es gelingt mir in dieser Ausgesetztheit nicht. Das Gleitschirmtuch peitscht in den Windstößen, die uns im Nebel wie Boten der Wildnis aus dem Nichts erfassen. Und das schwache Licht der Stirnlampe wirkt in den Schwaden verloren wie ein armseliger Versuch menschlicher Behauptung.

Bald reißt mich helles Mondlicht aus dem Halbschlaf. Ein phantastischer Sternenhimmel hat sich geöffnet, und die kaltbleichen Bäume werfen nächtliche Schatten. In der Ferne färbt ein Buschfeuer den Himmel rot. Von Gewitterwinden angefacht, frisst sich der Flammenkranz hungrig in das Land. Die Stirnlampe brennt ruhig und schwach wie ein weiterer Stern.

Bloß nicht zu lange warten

Eine lange Nacht wird es nicht, denn der Flug verlangt einen frühen Start. Massive Sonneneinstrahlung verursacht in der Ebene schon am Vormittag sehr starke thermische Winde mit großen Turbulenzen. Im Flug wäre das wenig gefährlich. Dort hat man genug Höhe, um einen kollabierten Gleitschirm durch Korrekturen wieder flugfähig zu machen. Riskant ist die Landung: Die Bodennähe ist des Fliegers Feind.

Während am Horizont die Sonne aufgeht, suchen wir im Busch des Kraterrandes der Ostflanke fieberhaft nach einer Startmöglichkeit. Wir spekulieren hier auf die ersten thermischen Hangaufwinde, die von der Morgensonne verursacht werden. Wir brauchen diesen Gegenwind, um das Segel in der Startphase leichter und schneller über den dichten Bewuchs steigen zu lassen. Etwa 50 Höhenmeter unterhalb des Kraters bietet sich eine steile Lichtung mit hüfthohem Gras an. Sie liegt über einer Rinne, die auch den Seitenwind günstig kanalisieren könnte.

Wir haben es eilig. Die ersten Sonnenstrahlen lassen bereits Warmluftblasen aufsteigen. Einige spüren wir als Gegenwind, andere kondensieren schon jetzt unter uns zu Wolkenbänken. Es drohen Nebel und schlechte Sicht, also warten wir nicht. Eine kräftige Thermik füllt die Zellen. Wir nutzen die Phase, um die von Tau triefenden Segel steigen zu lassen. Etwas Grünzeug verfängt sich in den tropfenden Leinen, aber die Zellen sind gefüllt und die Profile stehen stramm im Wind. Nach zwei beherzten Sätzen durch den Busch heben wir ab. Nun kann Simba kommen, scherzen wir, um mit gefletschten Zähnen seinem Drei-Gänge-Menü hinterherzufauchen, das sich vor seinen Augen verabschiedet wie fliegende Brathühner!

Die Steppe wirkt wie ein Meer

Um sieben Uhr früh fühlt sich die Luft an den Steuerleinen ruhig an. Zeit zum Genießen. Die Vogelperspektive gehört uns allein, denn Flugverkehr gibt es in dieser Gegend nicht. Die vermeintlich strukturlose Steppe zeigt die unwirklichen, phantastischen Formen einer Mondlandschaft. Pechschwarze Krater öffnen ihre runden Schlünde, es ragen vulkanische Kegel aller Größen aus der Erde. Dabei wirkt die Steppe wie ein Meer, das manche von ihnen verschluckt, manche umspült.

Wir gleiten über die Ebene, bis wir in 300 Meter Höhe über Grund auf Scherwinde mit beachtlicher Turbulenz stoßen. Die Winde reiben sich aneinander, der Flug wird zum Rodeo. Das Phänomen folgt keinen alpinen Regeln. In Bodennähe stehen wir mit unseren sonst bis zu 40 km/h schnellen Gleitschirmen wie angenagelt gegen den Wind. Dann driften wir einen ausgetrockneten Flusslauf entlang, der wie eine tote Ader in einen Krater mündet. Dort steht ein einzelner Baum, der uns am Boden etwas Schatten geben könnte. Bei der Landung sinken wir vertikal ab wie in einem Fahrstuhl, dann setzen wir die Sohlen butterweich auf den Staub.

Ein halber Tag vergeht in sengender Hitze. Regungslos liegen wir im schwachen Schatten knochiger Äste und warten auf Mudy. Auf unseren Freund ist Verlass. Die Staubfahne eines Jeeps zeichnet sich in der Steppe ab. Mudys Augen leuchten vor Glück, als er aussteigt. "Im Dorf kommt ihr wieder zu Kräften", sagt er, heute sei Schlachttag. Die Massai-Medizin, eine Suppe aus Knorpel und Baumrinde, koche schon in den Töpfen. Die ist auch "gut für große Vögel', versichert Mudy.



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