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24. Oktober 2016, 06:02 Uhr

Gnuwanderung in der Serengeti

"Die Show kann beginnen!"

Von Winfried Schumacher

Über eine Million Gnus machen sich zur Massenwanderung auf, Zebras, Antilopen und Löwen folgen. Ein Riesenspektakel - gerade für Safari-Fans. Denen verhilft jetzt eine App zum Gnu-Watching-Erlebnis.

Die Gnus kommen. "Unsere Anti-Wilderer-Einheit berichtet, dass sie in das Ikorongo-Schutzgebiet eindringen", postet ein Guide auf der Web-App HerdTracker. Einige Stunden später ein neuer Eintrag: "Schätzungsweise 100.000 Gnus breiten sich im südlichen Ikorongo aus. Sie ziehen in Richtung Westen."

Zur selben Zeit, 20 Kilometer entfernt von Ikorongo: Von einem Hügel aus beobachtet Lazarus Saruni mit dem Fernglas die Ebene. An diesem Morgen ist es noch kühl, die ersten Sonnenstrahlen erleuchten das dürre Savannengras der Serengeti. Bis jetzt zieht nur ein einsamer Kaffernbüffel über das Land. In einiger Entfernung stakst eine Gruppe Giraffen von einer Akazie zur nächsten.

"Die Gnus sind in diesem Jahr früher als sonst", sagt Saruni, Guide des Singita-Grumeti-Reservats. Der 35-jährige Tansanier mit dem jungenhaften Lachen hat die Herden viele Jahre kommen und gehen sehen. Er versteht es, bei seinen Gästen die Spannung auf das große Schauspiel zu steigern. "Es kann sich nur noch um wenige Stunden handeln, bis die ersten hier ankommen. Dann kann die Show beginnen!"

In kurzer Zeit werden Abertausende von Serengeti-Weißbartgnus die Grasebene füllen. Die Vorhut der nomadischen Kuhantilopen schwillt in Kürze zu einem der größten Spektakel in der Welt der Tiere an: der Gnuwanderung von der Masai Mara in Kenia in die Serengeti von Tansania.

Wanderung im ewigen Zyklus

Zehntausende Touristen erleben jedes Jahr mit, wie die Wildtiere auf der Suche nach immer neuen Weidegründenden den Grumeti- oder Mara-Fluss überqueren. Meterlange Krokodile warten dort bereits auf sie. Den schätzungsweise 1,3 Millionen wandernden Gnus schließen sich etwa 400.000 Thomson-Gazellen, Topis und Elenantilopen und fast 200.000 Steppenzebras an. Nirgendwo stehen zudem die Chancen besser, Löwen, Geparden und Hyänen auf den Spuren der Herde im offenen Grasland zu beobachten.

Dass die Gnus der Serengeti bis heute wie seit Urzeiten ihre Kreise ziehen, gleicht einem Wunder - ihre Wanderung ist eine der letzten Massenmigrationen großer Huftiere auf der Erde. Den Wanderbewegungen der Bisons in Nordamerika machte der Mensch Ende des 19. Jahrhunderts innerhalb weniger Jahrzehnte ein Ende. Die Migration der Blauen Streifengnus in Botswana stoppten Anfang der Achtziger neu errichtete Viehzäune in der Kalahari. Hunderttausende Tiere verendeten, weil sie ihre seit Jahrtausenden vollzogene Wanderroute nicht weiterführen konnten.

In der Regel folgen die Gnus einem ewigen Zyklus: Im Februar bringen sie in den Grasebenen um den Ndutu-See im Süden der Serengeti ihre Kälber zur Welt und wandern dann langsam Richtung Norden auf die Masai-Mara-Ebene in Südkenia. Ende des Jahres, mit Beginn der Regenzeit, geht's wieder zurück. Der Einfluss von wechselnden Regen- und Trockenzeiten verschiebt den Kreislauf jedoch manchmal um mehrere Wochen. So kann es vorkommen, dass Touristen sogar mitten in der Hauptsaison im September und Oktober die Tiere nicht zu sehen bekommen.

Die App HerdTracker kann zumindest Kurzentschlossenen vor der Buchung Aufschluss geben, in welcher Region sich die Gnus gerade aufhalten. "Die Serengeti war für uns lange ein Traumreiseziel", sagt ein Paar aus New York, das mit Saruni auf Pirschfahrt ist. "Gebucht haben wir aber erst kurzfristig, nachdem wir die Wanderbewegung zu Hause auf HerdTracker verfolgt haben. Weil die Gnus in diesem Jahr früher da sind, haben wir nun die Migration für uns, ohne Touristenschlangen und zum Nebensaison-Preis."

Die kostenlose Web-App funktioniert nach einem einfachen Prinzip. Buschpiloten, Safari-Guides, Ranger, Lodge- und Nationalpark-Mitarbeiter können auf HerdTracker Fotos, Videos und Informationen live zu ihren Tierbeobachtungen posten. Der Aufenthalt der Herden wird auf einer Google-Karte markiert und die genaue Entfernung zu verschiedenen Lodges automatisch berechnet. Zusätzlich kann man auf Twitter die Wanderbewegungen verfolgen.

Gnus bis zum Horizont

Anwendungen wie die HerdTracker-App helfen auch den Anti-Wilderer-Einheiten, ihre Ranger effektiver im Umkreis der Tierherden einzusetzen. "Wenn die Gnus kommen, sind auch die Wilderer nicht weit", sagt Wesley Gold. "Wir möchten in Zukunft auch mit Drohnen arbeiten, um das Gebiet besser zu überwachen."

Der stämmige 38-Jährige koordiniert die Anti-Wilderer-Einheiten des Singita-Grumeti-Reservats. In der Nacht bricht er zu einer Kontrollfahrt durch das Schutzgebiet auf. Das Scheinwerferlicht seines Geländewagens blendet eine Gruppe Impalas. Am Fuß eines Hügels steigt er aus dem Wagen und macht sich auf einen schmalen Pfad durch das Dickicht.

In einem Wachturm besucht er zwei Späher. Von hier aus können die Wildhüter einen weiten Teil des Reservats überblicken. Sie halten nach dem verdächtigen Aufleuchten einer Taschenlampe Ausschau. Der Ex-Militär Gold war vor seiner Arbeit in Tansania mit der britischen Armee in Afghanistan und im Irak. Seine Vergangenheit bei den Streitkräften merkt man dem Wilderer-Schreck mit der gefurchten Stirn und der festen Stimme auch heute noch an. "Meine Arbeit hier ist sehr ähnlich. Es geht darum, zu verhindern, dass Eindringlinge unerkannt in das Gebiet einfallen."

Erst letzte Nacht hat sein Team einen Wilderer erwischt, der Schlingen für die ankommenden Gnus auslegen wollte. In anderen Teilen Tansanias wie im Selous-Wildreservat werden mehr und mehr Elefanten wegen ihrer Stoßzähne getötet. Nach Angaben des WWF ging die dortige Population in weniger als 40 Jahren um 90 Prozent zurück. Noch kam es in der Serengeti nicht zu einem massenhaften Abschlachten der Tiere, aber hier locken die Gnu- und Antilopenherden einheimische Wilderer, die es auf ihr Fleisch abgesehen haben.

Am nächsten Morgen ist Lazarus Saruni wieder an seinem Lieblingsplatz auf dem Hügel. Die Aussicht könnte nicht unterschiedlicher zum Vortag sein. Seine New Yorker Gäste halten den Atem an. Über die Ebene bis zum Horizont ziehen Tausende Gnus, und das Grunzen der Kuhantilopen erfüllt die Savannenluft. Sarunis Funkgerät knarrt. Ein Kollege hat ganz in der Nähe ein Rudel Wildhunde erspäht. Nicht nur Touristen sind der großen Herde auf den Fersen.

Winfried Schumacher ist als freier Autor für SPIEGEL ONLINE tätig. Die Reise wurde unterstützt von Windrose und Singita.

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