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Golfplätze bei Vancouver: Putten mit Bambi

Foto: Sebastian Poliwoda

Golfplätze bei Vancouver Putten mit Bambi

Wütende Japaner, kichernde IT-Ingenieure: Nicht nur die Golfplätze in der Umgebung von Vancouver sind sehenswert, sondern mindestens genauso die Spieler. Sebastian Poliwoda hat drei besonders spektakuläre Parks besucht - und sich mit Menschen und Tieren angefreundet.

Schon vor den Olympischen Winterspielen 2010 ist Vancouver ein Sport-Paradies - nicht nur für Berg- und Meerfans, sondern auch für Golfer. Denn schöne Plätze gibt es hier gleich eimerweise. Die Stadt der Winterspiele von 2010 nennt zwölf Kurse ihr Eigen, 59 gibt es auf Vancouver Island, noch einmal 104 in der Vancouver-Region. Macht 175 Plätze im Umkreis von 95 Kilometern. Da heißt es auswählen. Hier ein Prämierter, ein Neuer - und einer für Verrückte.

Der Prämierte - Arbutus Ridge Golf Club

Takeshi Shibuji spricht wenig, klemmt die Pitching Gabel korrekt an einer Halterung seiner Mütze fest, sein faltenfreies Hemd umspannt den Wohlstandsbauch, seine Socken schließen korrekt mit dem Schuhrand ab. Takeshi Shibuji, er nennt sich selbst "Tak", ist korrekt und still. Anfangs.

Arbutus Ridge, ein klassischer Parkland-Kurs in den Wäldern von Vancouver-Island: An den Rändern des gemähten Rasens des Fairway harren wuchtige Douglas-Kiefern, Hemlocktannen und Riesen-Rotzedern der Bälle, die da kommen. Und spucken sie gerne auch mal zurück aufs Fairway, wenn sie getroffen wurden. Arbutus Ridge, zu Deutsch "Der Bergrücken mit den Erdbeerbäumen", wurde 2006 vom "Golf Nerve Magazine" als "Beste Destination in British Columbia" gewählt. Vier, fünf Löcher haben den Titel verdient. Der Rest: guter Durchschnitt.

Takeshi mag Arbutus Ridge. Denn sein Schwung hat wenig Korrektes, wenig Stilles. Wenn er nach rechts ausholt, sieht er bald links seinen Schlägerkopf auftauchen. So nah, dass der Schlägerkopf ihn ansehen und leise "Sayonara" sagen könnte. Dann fahren Takeshis muskulöse Arme in die Tiefe, mit Zorn und Wucht und Wut. Was dazu führt, dass seine Schläge eine enorme Länge haben, sie den Ball aber auch enorm oft nach rechts abschmieren lassen. Doch da warten ja die wuchtigen Kiefern, Tannen und Zedern. Ja, Takeshi mag Arbutus Ridge.

Werbung bei den Fischen

Loch um Loch jedoch verengen sich die Spielbahnen und Takeshis Augen. Zudem stehen an neun Löchern Reihen von Wohnhäusern nach nur zwei, drei Metern Rough. Was dazu führt, dass Takeshis enorme Schläge wiederholt in den Vorgärten dieser Häuser einschlagen. So funktioniert Product Placement auf Japanisch, denn auf jedem Ball glänzt der Schriftzug von Takeshis Firma, die ihn vor zwei Jahren nach Vancouver beordert hat und vor allem mit Weizen und Soja handelt. Bei zwei Inselgrüns sowie sieben Löchern mit Wasser können sich auch die Fische für die kurze Werbeunterbrechung bedanken.

Takeshis Frau Senda tippelt immer einige Schritte hinter ihm her. Der Gegenentwurf als Golf-Pokémon mit geschätzten 32 Kilo Körpergewicht. Sie spult roboterhaft Schlag um Schlag ab - mit perfekter Haltung, perfekter Ansprechposition, perfekter Länge und perfekter Richtung. Perfekt und langweilig. Takeshi aber fühlt sich immer öfter bemüßigt, ihren Schlägen ein zerknirschtes "Sgoi" hinterherzusagen. Dieses "Schön, hübsch, sehr gut" würde er seinen Schlägen auch gerne häufiger nachsagen. Stattdessen zischelt Takeshi wiederholt "Idoi, idoi", das bedeutet "hässlich, schlecht", tritt dann mit Grimm ans Gartentor, verneigt sich in Richtung der Fenster, murmelt eine Entschuldigung und klaubt sich seinen Ball aus den Rabatten. Was nicht immer peinlich sein muss: Dank Wirtschaftskrise steht am Arbutus Ridge jedes zweite Haus leer und zum Verkauf. Idoi.

Der Neue - Fairwinds Golf Club

Der Fairwinds Golf Club präsentiert sich schon jetzt als komplett eingewachsener Streichelzoo. Dabei sind nicht einmal zehn Jahre seit der Neuanlage ins Vancouver-Eiland gezogen. Rudel von freundlichen Kanadagänsen sonnen sich an einer der 16 Bahnen mit Teich, Bach oder See. Schwäne ziehen darauf entrückt ihre Kreise, blicken ab und an auf sanft geschwungene Fairways und lieblich ondulierte Grüns.

Die Golfbahnen umgibt gepflegter Mischwald, wo die "Fairwinds", weiche Brisen, in den Baumkronen kräuseln. Weiches Nachmittagslicht lässt die Idylle in nachgezählt sieben verschiedenen Grüntönen erstrahlen. Und mittendrin grasen Rehe, furchtlose plüschige Bambis, gerne zu sechst oder siebt. Sie haben gelernt: Wo Menschen weißen Bällen hinterherlatschen, da kommt der Puma - ihre größte Bedrohung hier - nicht vorbei.

Genau das richtige Biotop des Friedens für die Brüder Jim und Steve Eno aus Nord-Vancouver. Jim, der große Bruder, ein klapperdürrres Männlein von 73 Jahren und gebeugt von Arbeit, haut den Ball noch gut 210 Meter weit. Mit feiner Dynamik und einem Driver, dessen Schlägerkopf fast größer ist als sein eigener. Deshalb nimmt Steve, der zehn Jahre Jüngere und 30 Kilo Schwerere, gerne Tipps von Bruder Jim an. Wovon Jim einige auf Lager hat: "Bleib ruhig, Steve. Mach dich nicht verrückt. Nimm dir alle Zeit der Welt. Bleib locker, Steve, locker." Und Steve bleibt locker, was dazu führt, dass er über mehrere Löcher einen recht ordentlichen Ball spielt.

Später, als Steve mehr und mehr die kanadische Hacke rausholt, wird Jim etwas weniger duldsam. Und als Steve den Ball in einen der Teiche peitscht, dass die Kanada-Gänse aufstieben, kann Jim nur kopfschüttelnd seufzen: "Steve, Steve, Steve ..." Der lässt die Schultern hängen, trottet davon und murmelt schuldbewusst etwas, was die englische Variante von "Haste Scheiße am Schläger, haste Scheiße am Schläger" darstellt.

Aber das ist auch alles egal, so lieblich-friedlich, wie das hier ist. Da kann kein Streit aufkommen, wenn die Rehlein mit ihren braunen Riesenaugen Steve voller Trost anblicken. Schon bald liegen die Brüder sich wieder in den Armen, scherzen und plaudern. Die Welt, ein Weichzeichner mit natürlichen Stimmungsaufhellern, hier droben in den grünen Hügeln von Fairwinds.

Der Verrückte - Furry Creek Golf and Country Club

Die Welt ein Weichzeichner? In Furry Creek ist das nicht mal das Zucken eines Mundwinkels wert. Dieser Kurs trennt die Jungs von den Männern, die Harz-Urlauber von den Helden. Furry Creek bedeutet pelzige Schlucht. Selten wurde eine Wahrheit so lapidar ausgesprochen.

Loch eins: Der Aufrufer nennt es "The religious hole". Dann schmunzelt er lange und wissend. Hier fangen selbst Zweifler an zu beten. Der Abschlag liegt 140 Meter über dem Fairway, die Landezone ist nicht viel größer als ein Elektro-Cart. Rechts in der Tiefe gähnt eine Schlucht mit Eisbach, links engt ein ausladender See das schiefe Fairway ein. Schlucht und See kann IT-Ingenieur Steve McCracken sehen. Sonst wenig.

Sein Abschlag ist gerade wie ein Highway, doch zu weit rechts. Der Ball verschwindet in der Eisbachschlucht. "Ich kenne sie alle, diese ganzen miesen Sachen auf diesem miesen Platz. Weil ich sie alle schon gemacht habe", sagt Steve und setzt zu einem meckernden Lachen an. So ist Furry Creek. Es macht gestandene Männer zu kichernden Narren oder lässt sie stumm verzweifeln. Steve entscheidet sich für Ersteres, Woche für Woche.

Und doch hat er mächtigen Respekt. Beim Schlag kniet er fast nieder vor dem Ball, dann rauscht der Rückschwung herab. Das sieht aus, als wolle er ein Murmeltier erschlagen. Aber er trifft, und auch der zweite Ball segelt mit zartem Slice in die Eisbachschlucht. Nicht umsonst heißt das Loch offiziell "The Drop Zone".

Rough and Roll bei Vancouver

In Furry Creek gibt es Wasserfälle, über die sich klappernde Holzbrücken 30 Meter weit dehnen. Der Platz ist ein holpriger Ritt über Fels und Stein, Rock and Rough and Roll, durch Fichten und dunklen Tann. Etliche Fairways sind von bewaldeten Abgründen durchschnitten, in dessen Dickicht Biber ihre Wohnungen zimmern. Und die bei der Tiefe eher zum Canyoning denn zum Golfspiel laden. Furry Creek ist so schmal und steil, gepresst zwischen dunklen Felswald und den gletschergrünen Howe-Sund, dass es nicht einmal für eine Driving Range Platz gab.

Loch elf: Es nennt sich Granite Grind, zu Deutsch Schinderei in Stein. Erst muss der Ball über eine ins Fairway ragende Felsansammlung, die sich trefflich für die Freikletterei eignen würde. Ist das mit Glück und Gebet geschafft, zieht sich ein Dogleg nach oben, dessen Grün 60 Meter erhöht liegt. Mit einem Schlag müssen dort 120 Meter über die unzugängliche Biotopschlucht überwunden werden, um den Ball aufs Grün zu platzieren. Das Grün selbst, kleiner als jeder Japaner, sieht man natürlich nicht. Ein lachhaftes Loch.

Oder Loch 14: Die Bahn führt weit in den Howe-Sund hinaus, wo auf dem Grün schon die Kanadagänse entspannt warten. Denn das Grün per Tiger Line, also direkt über alle Hindernisse mit einem geraden Schlag, erreichen nur die Glücklichen. Steve gehört nicht dazu. Als sein Ball übers Grün hinaus ins milchig grüne Wasser schießt, kann er wieder nur meckernd lachen.

Furry Creek kennt keine halben Sachen. Selbst die Mülleimer sind bärensicher in die Erde betoniert. Die Schwarzbären und Grizzlys mögen Furry Creek. Mit denen kennt sich Steve aus. Bei ihm zu Hause hat ein Schwarzbär mal seine Mülltonne aus dem Boden gerissen, ist so lange draufgesprungen, bis die Tonne brach, und verteilte dann den Inhalt schön im Garten, um sich die leckeren Sachen rauszupulen. "Schwarzbären sind ja noch halbwegs friedlich. Grizzlys dagegen: Selbst wenn es ein guter Tag ist, sind die mies drauf." Wieder setzt Steve zu seinem Meckern an. Und würde auf einmal der Ruf "Timber!" - "Baum fällt!" - durch die Schluchten hallen und eine Mammutfichte direkt vor Steve niederdonnern: Auch dafür, wir ahnen es, hätte er nur ein meckerndes Lachen.

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