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Grand Canyon: "Route Finding" am Naturwunder

Foto: Nina Rehfeld

Grand-Canyon-Wanderung Tanz in der Todesschlucht

Der Weg ist das Ziel: Im Grand Canyon suchen Outdoor-Freaks immer neue Routen vom Schluchtrand zum Colorado River. Ein gefährliches Unterfangen, das jede Menge Erfahrung verlangt - denn hier warten extreme Hitze, tödliche Abgründe und Klapperschlangen.

"Manchmal", sagt Aaron Tomasi, während wir auf einer Klippe über dem Colorado River sitzen, "unterschätze ich diesen Ort immer noch." Auf halber Strecke durch die Wildnis des Grand Canyon zum Colorado ist der weitere Weg versperrt: ein scheinbar unüberwindlicher Abgrund, 50 Meter geht es steil in die Tiefe. Und unsere Wasservorräte sind jetzt schon knapp.

Aaron Tomasi ist nicht unbedingt das, was man sich unter einem Draufgänger vorstellt. Unter der Woche fährt er Sendungen für einen Paketdienst aus, schon seit 20 Jahren. Aber der 42-Jährige aus Flagstaff in Arizona gehört zu einer Handvoll Outdoor-Freaks, die den nahen Grand Canyon als ihren Spielplatz betrachten und ihre Ausflüge als "Route Finding" bezeichnen. Gemeinsam mit seinem Bruder Pernell hat Aaron Wege zu über einhundert Gipfeln der vom Canyonboden aufragenden "Inseln" kartiert, einsame Opfer der Erosion, die klingende Namen tragen wie "Shiva Temple" oder "Wotan's Throne".

Er kennt die Tücken, die diese ebenso grandiose wie gefährliche Landschaft birgt: Trockenheit, Schattenmangel, brutale Hitze - und ein komplexes, unübersichtliches Gelände, das allein im vergangenen Jahr fünf teils erfahrenen und topfitten Wanderern zum tödlichen Verhängnis wurde.

Neben Aarons Gipfelexpeditionen nimmt sich unser Projekt fast schmächtig aus: Wir wollen nur eine alte Abkürzung vom Lipan Point an der Südkante des Canyons zum Colorado finden, und wir haben eine vage Anleitung: Auf einer topografischen Karte hat Aaron die zuerst 1964 von dem berühmten Canyon-Routenfinder und Mathematikprofessor Harvey Butchart beschriebene Route eingezeichnet. Da Butcharts Anweisungen denkbar knapp sind, weist Aarons Skizze mehrere Fragezeichen auf. "Wir werden sehen", hat er vorm Aufbruch gesagt.

Ein falscher Schritt kann tödlich sein

Die meilentiefe Schlucht des Grand Canyon ist eine Abfolge aus sechs Gesteinsterrassen, die es bei Querfeldein-Expeditionen zu überwinden gilt. Mancherorts verbinden gigantische Geröll-Lawinen diese Terassen, an anderen Stellen ist das Gestein so brüchig, dass man durch treppenartige Felsformationen hindurchsteigen kann. Aber vielerorts türmen sie sich zu steilen Klippen auf, die den Zugang zum Fluss mit unumstößlicher Autorität verwehren. Riskante Abkürzungen durstiger Wanderer sind ein tödlicher Klassiker im Grand Canyon.

Aaron durchstreift seit seiner Kindheit den Canyon, und weil er ihn kennt, bereitet er jede Tour akribisch vor. Wir haben wochenlang für den Marsch trainiert, Karten studiert, das Wetter beobachtet. Jeder von uns trägt drei Liter Wasser, im oberen Teil der Strecke haben wir weitere Liter deponiert, falls wir den Abstieg nicht finden und umkehren müssen.

Leichtfüßig sind wir die ersten steilen Kilometer des Tanner Trail hinabgestiegen und dann auf den Sattel zwischen den Spitzkuppen Cardenas Butte und Escalante Butte geklettert. Die Aussicht dort ist phantastisch: Unter uns öffnet sich der Grand Canyon zum Blick auf das mit uralten Pueblo-Ruinen übersäte Unkar-Delta, an dem sich der Colorado wie eine Silberschlange vorbeiwindet. Das grandiose Panorama zu Füßen beginnen wir einen zügigen Marsch entlang roter Klippen, die wie riesige Schubladen in den Canyon-Rachen ragen. Bald stehen wir über einem engen, steilen Geröllfeld - unsere Treppe zum tieferliegenden Plateau.

Klapperschlange im Geröll

Hier müssen wir unser Tempo auf Kriechgeschwindigkeit reduzieren. Das Geröllfeld ist eine Abfolge lose aufeinandergetürmter Gesteinsbrocken, manche von der Größe eines Fußballs, andere von der eines Kleintransporters. Vorsichtig wie Hochseilartisten balancieren wir von einem wackeligen Stein zum nächsten. Das steile Terrain und die schweren Rucksäcke machen den Balanceakt zur Tortur - die Muskeln verspannen, Hüften und Knie schmerzen, beim hilfesuchenden Griff nach Halt im scharfkantigen Gestein reißen die Finger auf.

Und dann trete ich auch noch fast auf eine Klapperschlange, die zusammengerollt zwischen einigen Felsen schlummert. Am Fuß der Halde entlohnt uns endlich eine ausgedehnte Wiese voller purpurfarbener Kaktusblüten für die Strapazen.

Dort sitzen wir nun fest - denn die Blüten bedecken einen langgezogenen Tafelberg, der ringsrum in einer 50 Meter hohen Klippe abfällt. Und jetzt?

Der Fluss ist verlockend nah

Die Sonne brennt. Schatten findet hier höchstens, wer unter ein Kaktusblatt passt. Aaron wandert einen gebogenen Ausläufer des Plateaus ab, um sich einen Überblick über die Klippe unter uns zu verschaffen. "Gefällt mir gar nicht", sagt er bei seiner Rückkehr. Seinen Notizen zufolge ist der Abstieg durch diese Klippe der schwierigste Teil unserer Route. Aber darunter wartet noch ein weiteres, niedrigeres Felsriff. Können wir uns eine langwierige, womöglich erfolglose Suche mit dem verbliebenen Wasser in unseren Rucksäcken leisten? Von je drei Litern ist nur noch einer übrig.

Zwar ist der Colorado bereits verlockend nah, aber wir wären nicht die ersten, denen der Zugang zu ihm verwehrt bleibt. Sollten wir lieber zu unseren Wasservorräten auf dem Sattel umkehren? Hinter uns blicken wir auf das Geröllfeld des Grauens und auf die Canyon-Südkante, die sich inzwischen fast tausend Meter über uns erhebt. Die Sonne senkt sich bereits dem Horizont entgegen, viel Zeit bleibt nicht für die Entscheidung. Wir einigen uns darauf, es zu versuchen, notfalls auf der Wiese zu campieren und vor Sonnenaufgang zu unseren Vorräten aufzusteigen.

Überraschend stoßen wir direkt unter unserem Rastplatz auf eine Art durchbrochenen Kamin, der von keiner anderen Stelle einzusehen ist: der Abstieg! Ermutigt klettern wir über bröselige Stufen im Gestein hinab - und geraten direkt auf einen schmalen, steil abfallenden Hang aus losem Basalt. Es ist, als ginge man auf Murmeln, den einzigen Halt bieten ein paar stachelige Akazienbüsche. Der Fluss unter uns ist jetzt bereits von tiefen Schatten umschlungen, die letzten Sonnenstrahlen reflektieren im schwarzen Basaltstaub, und plötzlich liegt Mordor-Stimmung über dem Grand Canyon. Werden wir dafür büßen müssen, uns über den Canyon erhaben gefühlt zu haben?

Ringen um die Balance

Alle paar Dutzend Meter stolpern und rutschen wir auf der Suche nach einem Durchbruch zur Klippe hinab. Immer wieder legt Aaron sein Veto ein: hier nicht weiter, viel zu gefährlich. Erschöpft halten wir inne auf der schwarzen Schräge, auf der man weder stehen noch sitzen, sondern nur mühsam um Balance ringen kann. Wie lange geht das noch gut, bevor einer vor Erschöpfung abrutscht? Dann ertönt ein Ruf, 50 Meter voraus winkt Aaron uns zu einem kleinen, schwarz aufragenden Basaltzipfel an der Kante: Hier geht's durch. Nur ein paar Schritte, und die Alptraumpassage liegt hinter uns.

Eine Stunde später sinken wir auf einem flachen Hügel über dem Cardenas Creek, einer trockenen Abflussrinne, nieder. Wir haben es geschafft. Der Colorado ist keinen Kilometer mehr entfernt, aber die Beine streiken jetzt. Über uns thronen im letzten Zwielicht der Basalthang, die Sandsteinklippe, die Geröllhalde, die Südkante des Grand Canyon, überspannt von einem unglaublichen Sternenhimmel.

Morgen werden wir die letzten Meter zum Fluss laufen, ausgelassen in seinen eiskalten Fluten baden und mit hellem Entzücken die Bierdosen auffangen, die der mitfühlende Bootsmann einer Floßtour uns mitten in der Wildnis zuwirft. Später werden wir über unsere Bewunderung für Harvey Butchart kundtun und beschließen, den Tanner Trail vier Kilometer flußaufwärts für den Aufstieg zu benutzen. Und heimlich werden wir schwören, nie wieder leichtfertig die Götter des Canyons herauszufordern.