Wanderung um Manhattan Die große Bummelei

52 Kilometer um Manhattan: Einmal im Jahr wagen sich die New Yorker daran, die Insel an der Küste entlang zu Fuß zu umrunden. Eine anstrengende Wanderung, bei der manch einer vorzeitig aufgibt - und die Läufer aus der South Bronx einen kleinen Vorteil haben.

REUTERS

Erstmal eine kleine Stärkung. Mit Blick auf die in der Morgensonne schimmernde Freiheitsstatue trinkt Nummer 915 Kaffee aus einem Pappbecher. Neben ihr an den Zaun des Battery Parks an der Südspitze Manhattans gelehnt steht Nummer 916 mit Sportschuhen, Baseball-Cap und Jogginghose und kaut an einer Banane. "Ich bin gespannt, was da so auf uns zukommt", sagt sie. "52 Kilometer sind ja mehr als ein Marathon, aber man rennt nicht, sondern geht, also vielleicht ist es machbar."

Die beiden jungen Frauen arbeiten bei der "New York Times". "Unser Chef hat uns überredet, mitzulaufen", erzählt Nummer 915. "Ich finde das Ganze ziemlich verrückt - 52 Kilometer an einem Tag. Wahrscheinlich werde ich irgendwann aussteigen." In strammen Schritten laufen vier Männer in Tarnkleidung mit großen Rucksäcken vorbei. Darin seien Steine, sagt einer. "Um halb sechs hat heute Morgen - an einem Samstag - mein Wecker geklingelt. Zuerst habe ich mich gewundert, aber dann fiel mir wieder ein: Ich werde ja den ganzen Tag laufen." Schon sind die vier in Richtung Norden verschwunden.

Es ist ein besonderer Tag auf Manhattan, New Yorks weltberühmter Insel, 22 Kilometer lang und bis zu vier Kilometer breit. Normalerweise bleiben die rund 1,6 Millionen Einwohner hier gerne in ihren Vierteln. Zu stressig und laut sind die überfüllten U-Bahnen und die stets verstopften Straßen. Aber einmal im Jahr läuft eine Gruppe von ihnen rund um die ganze Insel - 52 Kilometer, immer an der Küste entlang.

Gefährlicher Bummel

Organisiert wird das Ganze vom Wanderverein "Shorewalkers" (Küstenläufer). Gegen eine kleine Startgebühr bekommt jeder Teilnehmer Nummer, Karte, T-Shirt und Baseball-Cap - und los geht's. Einen "großen Bummel" nennen die "Shorewalkers" das Ganze optimistisch. Doch auch diesmal werden am Ende nur rund ein Drittel der mehr als 1000 Teilnehmer die Umrundung schaffen.

Dabei sei die Wanderung doch heute geradezu paradiesisch einfach, sagt Cy Adler, der die "Shorewalkers" mitgegründet und den "Bummel" erfunden hat. "Damals, beim ersten Spaziergang vor 28 Jahren, damals war das noch schwierig. Es gab an der Küste überhaupt keine Wege. Alles war nur Industrie, Hafen und Brache. Wir mussten über Schienen kraxeln und durch Löcher in Zäunen steigen. Und es war nicht ungefährlich: In Harlem sind wir einmal mit Flaschen beworfen worden."

Aber Adler ließ sich nicht abhalten. "Ich war damals jung und gerade frisch verheiratet. Mir wurde langweilig, also bin ich losgelaufen. Mir macht es einfach Spaß, Dinge zu entdecken." Er setzte eine Anzeige in die Zeitung, ob jemand mit ihm laufen will. Zuerst meldeten sich nur einige wenige, aber dann wurden es immer mehr." Adler führte seine Truppe um alle Küsten New Yorks herum und wurde bald zum wohl bekanntesten Spaziergänger der Millionenmetropole. "Niemand sollte sterben, ohne einmal über die George Washington Bridge gelaufen zu sein."

Heute ist Adler weit über 80 Jahre alt und geht den "großen Bummel" nicht mehr mit. Stattdessen verteilt er an verschiedenen Punkten der Strecke Müsliriegel, Anstecker mit Wellen und Fußstapfen, dem Logo der Küstenläufer, und gute Ratschläge ("Da hinten ist eine U-Bahn-Station, wenn ihr nicht mehr könnt"). Auch an die beiden Frauen von der "New York Times". "Uff, danke, so weit, so gut", antwortet Nummer 916 auf Höhe der 50sten Straße West, wechselt die Socken und reibt sich das Gesicht noch einmal mit Sonnencreme ein.

Papagei auf der Lenkstange

Die Westseite der Insel, die als Erstes ansteht, ist zum Laufen die einfachere und schönere. Vom Finanzviertel im Süden über das Szeneviertel Chelsea, Midtown, die Upper West Side und bis hoch nach Harlem und den Inwood Park an der Nordspitze Manhattans ist fast der gesamte Küstenabschnitt ausgebaut und wirkt wie ein großer Park.

Überall blüht es bunt, Jogger, Radfahrer und Spaziergänger drängeln sich auf den geteerten Wegen. Eine Frau hat ihren Papagei auf der Lenkstange des Fahrrads sitzen. Auf einem Pier mitten im Hudson River tanzt eine Sportgruppe zu Sambamusik, im Schatten der George Washington Bridge auf Höhe der 178sten Straße feiert eine indische Familie Kindergeburtstag.

Nummer 579 und 580 verpflastern sich auf einer Bank vor der George Washington Bridge noch schnell die Füße und knipsen ein Erinnerungsfoto. Dann folgt die erste und einzige Steigung der Wanderung, hinauf in den Inwood Park zur Nordspitze Manhattans. Genau hier soll der niederländische Seefahrer Peter Minuit im frühen 17. Jahrhundert den Ureinwohnern die Insel einst abgetauscht haben, so steht es zumindest auf einem Gedenkstein. Es ist Mittag, die Hälfte ist geschafft. Nummer 1069 und 689 jubeln vor Freude und klatschen einander ab.

Eine Nummer für den Hund

Aber der zweite Teil ist es, der sich zieht. Während die Sonne sich immer tiefer Richtung Westen bewegt, trottet ein immer kleiner werdendes Häufchen Küstenläufer zurück in Richtung Freiheitsstatue. Entlang des East River, vorbei an Harlem, wo die schlecht ausgebaute Küste zu weiten Umwegen zwingt, der Upper East Side, Midtown, Chinatown, dem East Village und schließlich wieder dem Finanzviertel. Immer mehr Teilnehmer biegen ab, zur U-Bahn und nach Hause.

"Mein Sohn ist erst acht Jahre alt", sagt Nummer 322 und zeigt auf den kleinen Jungen neben ihr. "Für uns ist es jetzt genug." Nummer 730 nimmt seinen Hund - Nummer 731 - auf den Arm. "Letztes Mal musste ich ihn drei Meilen tragen, dieses Mal werden es wohl etwas mehr sein. Er ist halt schon zehn Jahre alt."

Auf dieser Seite der Insel, besonders im nördlichen Teil, geht sonst fast niemand spazieren. "Macht ihr das etwa jeden Tag?", fragt ein Passant in Harlem ungläubig und lacht. "Dann solltet ihr später auf jeden Fall etwas Gutes zu Abend essen, Hühnchen mit Reis zum Beispiel." Weiter südlich ziehen nach und nach die Williamsburg, die Manhattan und die Brooklyn Bridge vorbei. "Ich dachte immer, die wären nah beieinander, die drei Brücken, aber die sind ja ewig weit auseinander", seufzt Nummer 991. "Jetzt zieht sich der Weg ganz schön in die Länge."

Weiter vorne beugt sich eine kleine Gestalt in dem nach einem sonnigen und warmen Tag inzwischen ziemlich kalten Wind. "Ich bin 72 Jahre alt und gehe zum vierten Mal mit", sagt die Frau und setzt mühsam einen Fuß vor den anderen. "Ich muss verrückt sein." Eine halbe Stunde später hat sie es geschafft und bekommt in einer Kneipe an der Südspitze Manhattans die Urkunde überreicht. "Das war hart. Aber ich gebe nicht auf. Das ist eben die Sturheit meiner Heimat, der South Bronx."

Christina Horsten/dpa/dkr



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