Grenzkontrollen Japans Furcht vor dem Fremden

Ein Japaner braucht noch nicht einmal einen Personalausweis - biometrische Daten von Ausländern jedoch werden für 70 Jahre gespeichert. Bürgerrechtler wittern Terrorhysterie und Rassismus, das Fremdenverkehrsamt fürchtet um das Image des Landes.

Von Christoph Neumann


"Yokoso!" - Willkommen! In leuchtend roten Lettern auf riesigen Plakaten begrüßt das Japanische Fremdenverkehrsamt ausländische Besucher am Flughafen. Der japanische Zoll empfängt die Einreisenden etwas weniger überschwänglich: Seit vergangener Woche müssen Ausländer nicht nur wie bisher den Pass vorzeigen, sondern wie in den USA auch ihre Fingerabdrücke abgeben, Fotos von sich machen lassen und ein kurzes Verhör durchstehen. Die Regelung gilt nicht nur für Touristen und Geschäftsleute, sondern auch für in Japan wohnhafte Ausländer. Ausgenommen werden nur Diplomaten, Kinder unter 16 Jahren sowie die Familien der im II. Weltkrieg nach Japan verschleppten Koreaner.

Yuki Ogawa vom Fremdenverkehrsamt empfindet die Maßnahmen erst einmal nicht als Widerspruch zum herzlichen Willkommen: "Genau wie wir sind ja auch die Zöllner sind angewiesen, ausländische Gäste warm und offenherzig in Japan zu empfangen. Und es gab eben gewisse Fälle..."

Die "Fälle" illustriert das japanische Justizministerium mit einem Informationsvideo. Zunächst werden Szenen vom einstürzenden World Trade Center und vom zerbombten Madrider Atocha-Bahnhof gezeigt. Danach begründet eine lächelnde Sprecherin die verschärften Einreisebestimmungen explizit mit der "ständig wachsenden Terrorgefahr". Bei der Feier zur offiziellen Inbetriebnahme des neuen Systems am Tokioter Flughafen Narita hatte Justizminister Kunio Hatoyama versprochen: "Damit werden wir wohl verhindern, dass in Zukunft al-Qaida-Terroristen ins Land kommen."

"Ich leiste meinen Betrag"

Eine sehr selektive Terrorhysterie treibt bereits seit einigen Jahren seltsame Blüten in Japan. Auf Tokios Megabahnhöfen wie Shinjuku oder Ikebukuro mit über einer Million Passagieren täglich sind nach wie vor keine Sicherheitskräfte zu sehen. Dagegen werden Fahrgäste selbst in Bummelzügen und auf einsamen Landbahnhöfen mit Durchsagen und Plakaten traktiert, unbeaufsichtigtes Gepäck sofort zu melden, "als Maßnahme zur Terrorabwehr".

Die Mitarbeiterinnen der weit verbreiteten "Kiosk"-Verkaufsbuden trugen im vergangenen Winter eine Zeitlang Anstecker: "Auch ich leiste meinen Beitrag im Kampf gegen den internationalen Terrorismus." Die Frage, wie sie, eingeklemmt zwischen Tee-Plastikflaschen, Sandwiches und Tageszeitungen, sich denn konkret ihren Beitrag vorstelle, bürstet die resolute Verkäuferin unwirsch ab: "Das müssen wir jetzt alle anstecken, aber ich hab jetzt keine Zeit, darüber nachzudenken, was die damit eigentlich meinen."

Dabei hat Japan als reiche westliche Industriemacht und Verbündeter der USA im Irak-Krieg einigen Grund, Terrorattacken zu fürchten. In jüngerer Zeit war Japan auch bereits Opfer mehrerer Terroranschläge, so beim Nervengas-Angriff auf die Tokioter U-Bahn im März 1995. Nur hätte auch eine noch so scharfe Zollkontrolle keinen Einzigen der Anschläge verhindert, denn alle Attentate auf japanischem Boden wurden bisher ausschließlich von Japanern verübt.

Protest gegen Personalausweis

Von vielen der eigenen Bürger aber hat das japanische Justizministerium nicht einmal Fotos, geschweige denn Fingerabdrücke. Japaner weisen sich oft nur mit ihrer Krankenversicherungskarte aus. Manchen Handy-Providern im vertrauensseligen Japan genügt sogar nur die letzte Stromrechnung als Identitätsnachweis. Als die Regierung vor ein paar Jahren endlich, wie sonst auf der Welt längst üblich, einen Personalausweis einführen wollte, nur mit Foto und ohne Fingerabdrücke, rollte ein Aufschrei des Protestes durch das Land. 2006 erklärte das japanische Verfassungsgericht den Ausweis schließlich sogar für verfassungswidrig.

Die Fingerabdrücke und Fotos der Ausländer in Japan dagegen sollen 70 Jahre lang gespeichert und "unter bestimmten Bedingungen" auch mit "Behörden anderer Länder" geteilt werden. Im Bundeskriminalamt reibt man sich vielleicht schon die Hände, aber japanische Bürgerrechtler sind in Aufruhr. Arudou Debito, Autor eines Buches über Rassismus in Japan, nennt die neuen Bestimmungen einen "Teil eines offiziellen Putsches, um alle Ausländer zu Verbrechern zu erklären".

Makoto Teranaka von Amnesty International Japan erklärte bei einer Protestveranstaltung: "Seit dem 11. September werden auch in Japan unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung alle möglichen Menschenrechte kaltblütig verletzt. Dass unsere Regierung mit den Maßnahmen jetzt die Ausländer zur Zielscheibe macht, ist nicht anderes als Rassismus."

Die konservativen japanischen Medien feiern derweil, dass in den wenigen Tagen seit der Einführung des neuen Systems bereits elf Ausländer, die wegen Visavergehens ausgewiesen worden waren, beim Versuch der illegalen Einreise überführt werden konnten.

Diskriminierung wird gesellschaftsfähig

Zwar sind die meisten Japaner Ausländern gegenüber nach wie vor neugierig, freundlich und hilfsbereit. Aber die 15-jährige Wirtschaftskrise und ein sichtbar steigender ausländischer Bevölkerungsanteil haben viele Japaner nervös und offene Diskriminierung erstaunlich gesellschaftsfähig werden lassen.

Viele Clubs, öffentliche Bäder und selbst Nudelküchen verbieten auf Tafeln am Eingang explizit "Ausländern" den Zutritt: "Japanese only". Die Polizei der Provinz Nagano hängte an den örtlichen Geldautomaten Plakate auf, auf denen Trickbetrüger weißer Hautfarbe zu sehen sind, die Japanern ihr gerade erst abgehobenes Geld rauben. Und der populäre Spitzenpolitiker Shintaro Ishihara, Tokios Gouverneur, ist berüchtigt für seine rassistischen Ausfälle. Dabei hat er sich vor kurzem offiziell mit Tokio für die Ausrichtung der Olympiade 2016 beworben, des Symbols der Völkerverständigung schlechthin.

Und auch Frau Ogawa vom Fremdenverkehrsamt ahnt doch noch Schlimmes: "Wir sind von der Regierung gebeten worden, das Stimmungsbild der Touristen in den nächsten Wochen genau zu beobachten. Wenn sich das Image Japans tatsächlich drastisch verschlechtert, kann es durchaus sein, dass wir in unserem Abschlussbericht eine Aussetzung der Maßnahmen empfehlen."



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