Voll bepackt: Margit Haselwanter mit ihrem Mofa »Sunny«
Voll bepackt: Margit Haselwanter mit ihrem Mofa »Sunny«
Foto: Margit Haselwanter

Mit dem Mofa unterwegs »Langsamkeit macht alles intensiver: Gerüche, Geschmack, Gefühle«

Mit dem Mofa von der Schweiz bis nach Australien – so hatte Margit Haselwanter sich das vorgestellt. Corona bremste sie aus. Ein Gespräch über langsames Reisen.
Ein Interview von Franziska Bulban

Mit durchschnittlich 30 km/h von der Schweiz über Iran und Indien bis nach Australien – das war der Plan von Margit Haselwanter, als sie sich im August 2019 mit ihrem Mofa »Sunny« auf den Weg machte. Dann kam Corona – und sie blieb in der Türkei hängen.

Fast zehn Monate wartete sie darauf, weiterreisen zu können. Dann entschied sie gemeinsam mit ihren Unterstützern, einer Mofafirma zu Hause in der Schweiz, das Projekt abzubrechen.

SPIEGEL: Während wir sprechen, sind Sie gerade dabei, Ihre Sachen zu packen – in Kürze geht es von der Türkei zurück in die Schweiz. Haben Sie das schon realisiert, dass das Leben auf der Straße jetzt erst mal vorbei ist?

Margit Haselwanter: Ich musste ja sehr viel organisieren, um zurückzukommen, zum Beispiel eine Möglichkeit, mein Motorrad »Sunny« zu verschiffen. Da hatte ich schon Zeit. Aber mein Ego kämpft auch immer noch mit dieser Entscheidung. Ich hatte mir schließlich schon ausgemalt, wie ich irgendwann in Australien stehe. Schon in der Türkei nicht mehr weiterzukommen ist bitter – auch wenn ich weiß, dass ich an der Pandemie nichts ändern kann.

SPIEGEL: Was war Ihr ursprünglicher Plan, und wie wollten Sie Ihre Weltreise umsetzen?

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Ziel Australien: Mit dem Mofa auf Tour

Foto: Margit Haselwanter

Haselwanter: Ich wollte von der Schweiz über die Türkei, Iran, Pakistan nach Indien und dann über Südostasien bis nach Australien. Aber es war natürlich auch immer klar: Unterwegs können tausend Sachen passieren, da muss man bei so einer langen Reise auch mit der Route flexibel sein. Deshalb gab es auch keinen festen Zeitplan.

SPIEGEL: Sie waren – mit einer Unterbrechung – seit August 2019 unterwegs, sind unter anderem durch Kroatien und Albanien gereist. Was ist Ihnen da begegnet?

Haselwanter: Für mich sind die besten Momente die, in denen ich entscheide, dass ich noch an einem Ort bleibe – weil es gerade so schön ist oder die Menschen so nett sind. In Roskovec, Albanien, hatte ich zum Beispiel eine Panne, und noch während ich abstieg, kam schon jemand in einem blauen Overall auf mich zugerannt – er hieß Mandi. Er schob sofort mein Mofa in seine Garage und sagte, ich solle bei seiner Familie warten. Als ich da hereinkam, stand die Bohnensuppe fast schon auf dem Tisch. So ging das immer weiter. Am Ende bin ich zehn Tage geblieben, habe bei der Familie gewohnt, mit ihnen gegessen, mir ihre Tomatenplantage angeschaut, ihre Freunde und Verwandten getroffen.

Haselwanter mit der Familie von Mandi und Fjogerta in Roskovec

Haselwanter mit der Familie von Mandi und Fjogerta in Roskovec

Foto: Margit Haselwanter

SPIEGEL: Was haben Sie aus dieser Zeit über das Leben in Albanien gelernt?

Haselwanter: Wie traditionell die Aufgabenteilung dort ist. Meistens leben drei Generationen unter einem Dach – jede Familie hat eine Etage. Und jeder erfüllt eine Rolle. Traditionell bleibt der älteste Sohn, also Mandi, im Haus der Eltern, bekommt dort eine Etage. Nach der Heirat kümmert sich die Ehefrau, hier Fjogerta, um die Kinder und hilft auch den Schwiegereltern. Ich habe auch die Eltern von Fjogerta kennengelernt. Da kümmert sich ebenfalls die Ehefrau um die Schwiegereltern. Bei ihnen lebte sogar noch die 102 Jahre alte Urgroßmutter – die von der ganzen Familie versorgt wurde. Das System fand ich sehr interessant und sozial.

SPIEGEL: Und so anders als bei Ihnen in der Schweiz.

Haselwanter: Ich könnte mir das für meine Familie überhaupt nicht vorstellen. Unser Ziel ist es, so schnell wie möglich allein zu wohnen, und später im Alter fällt es den meisten schwer, um Hilfe zu bitten.

SPIEGEL: Was hat Sie noch auf der Strecke überrascht?

Haselwanter: Wie vielfältig die Türkei ist zum Beispiel. Reisen konfrontiert mich mit meinen Vorurteilen. Das Land hatte ich immer mit den Bettenburgen in Antalya verbunden – dabei ist es so viel mehr. Aber ich musste erst mal hier durchreisen, um das wirklich wahrzunehmen.

Sumela-Kloster in der Türkei

Sumela-Kloster in der Türkei

Foto: Margit Haselwanter

SPIEGEL: Zwischendrin waren Sie nah dran, aufzugeben. Die Kälte hat Sie überrascht, Sie waren vom langen Fahren erschöpft, Sie sind sogar schon in die Schweiz zurückgeflogen. Dann haben Sie aber doch weitergemacht. Warum?

Haselwanter: Es gibt viele Hürden bei so einer Reise, mit denen man zwar rechnen kann, aber bei denen man nicht weiß, wie es einem damit geht. Kälte und das stundenlange Fahren waren zum Beispiel einfach irre anstrengend. Der Schnee hat mich in der Türkei rund um Korkuteli sehr herausgefordert, ich war einfach am Ende. Ich brauchte einen Moment Pause.

SPIEGEL: Hätten Sie die nicht auch unterwegs machen können?

Haselwanter: Einerseits ja. Aber dazu kam auch ein bisschen Einsamkeit: Ich habe zwar überall tolle Menschen kennengelernt. Aber alte Freunde sind eben doch etwas ganz anderes. Sie zu sehen hat mir Kraft gegeben und Mut gemacht für die nächste Etappe.

SPIEGEL: Sie bezeichnen sich als Slow Riderin. Wo liegt für Sie der Unterschied zwischen dem Mofa- und dem Motorradfahren?

Haselwanter: Ich fahre beides gern. Aber beim Motorrad geht es um Power und Kontrolle. Das merke ich auch selbst, wenn ich auf so einer Maschine sitze, dann will ich wissen, was ich herausholen kann. Wenn ich mit dem Mofa unterwegs bin, geht es um die Landschaft. Da habe ich die Zeit, wahrzunehmen, wenn irgendwo ein Vogel schwebt oder wie Wolkenformationen sich im Schatten in den Tälern spiegeln.

SPIEGEL: Es geht ja bei der »Slow Travel«-Bewegung nicht nur ums Tempo des Gefährts…

Haselwanter: …sondern auch darum, dass man sich einlassen kann, klar. Langsamkeit macht alles intensiver: Gerüche, Geschmack, Gefühle. Wenn man nicht von einem zum anderen rast und Checklisten abarbeitet, muss man auf einmal den Moment ertragen. Das ist auf eine Art auch anstrengend.

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SPIEGEL: Lässt sich das vielleicht auch auf das Reisen 2021 übertragen – wenn wir alle vermutlich noch nicht besonders weit reisen können?

Haselwanter: Mich ermüdet dieses Thema langsam. Ich würde jedem raten, den Urlaub einfach ins nächste Jahr zu schieben, wenn sich das irgendwie machen lässt. Aber klar, wenn man sich wirklich Zeit nimmt, seine direkte Umgebung zu erkunden, entdeckt man wahrscheinlich trotzdem auch etwas Neues.

SPIEGEL: Die besonderen Situationen beim Reisen entstehen ja oft auch, weil man sich verletzbar macht – Sie haben zum Beispiel Mandi und Fjogerta kennengelernt, weil Sie eine Panne hatten und hilflos waren.

Haselwanter: Ja, das ist immer meine Erfahrung gewesen, wenn ich unterwegs war: Wenn man denkt, nichts geht mehr, passieren die besten Sachen. Und wer weiß, vielleicht gilt das auch für 2021.