Grippe-Furcht in Mexiko Steine gegen Touristen aus der Hauptstadt

Zwei Gerichte zum Preis von einem, Souvenirs für einen Dollar: In Cancún kämpfen Restaurants und Hotels verzweifelt um Urlauber. Die Furcht vor der Schweinegrippe hat fatale Folgen für Mexikos Tourismusbranche - und führt sogar zu Feindseligkeiten gegenüber Ausflüglern aus der Hauptstadt.


Acapulco - Es geht drunter und drüber in der mexikanischen Tourismusbranche: Während in Acapulco Steine auf Autos von Hauptstädtern fliegen, um vermeintliche Virenträger zu vertreiben, betteln die Hotelmanager von Cancún geradezu um Gäste für ihre leeren Häuser. Die Aufregung zeigt, wie abhängig das Land vom Tourismus ist - und wie dramatisch die Folgen der Schweinegrippe sind.

Vor gut einer Woche hat das Land den Ausbruch der Epidemie eingestanden. Seither erlebt die Tourismusbranche einen verheerenden Einbruch, wie Finanzminister Agustín Carstens zugibt. Trotzdem verschob Tourismusminister Rodolfo Elizondo eine geplante PR-Kampagne fürs Erste - sie soll nun nach dem Ende der Krise beginnen. Es sei nun mal nicht die beste Zeit, um für Mexiko als Ferienziel zu werben.

Die mexikanischen Urlaubsorte erleben die Krise sehr unterschiedlich: Besonders gebeutelt ist das eigentliche Topziel Cancún, das sonst vor allem Ausländer anspricht. Doch die bleiben nun in Scharen fern. Um 40 Prozent liege die Auslastung bereits jetzt unter dem, was sonst üblich sei, klagte der Präsident der Hoteliervereinigung, Rodrigo de la Pena. Geschätzte 2,4 Millionen Dollar (1,8 Millionen Euro) habe die Stadt allein in der ersten Grippewoche verloren.

Cancún: 70 Prozent der Reservierungen storniert

Dabei tun die Geschäftsleute alles, um Touristen zu umwerben: Restaurants bieten zwei Essen zum Preis von einem; Geschäfte mit handgemachter Kunst verkaufen Puppen oder Ketten plötzlich für einen Dollar. "Es ist zwingend nötig, dass unsere Hotels Gäste haben", betont de la Pena. Man sei "in einer bedrohlichen finanziellen Krise".

Und es dürfte noch schlimmer kommen: In den vergangenen Tagen seien etwa 70 Prozent der Zimmerreservierungen für Cancún gecancelt worden, heißt es im Tourismusministerium. Schon in dieser Woche werde die Auslastung wohl auf 45 Prozent zurückgehen.

Einen 46-Prozent-Einbruch meldete der pazifische Küstenort Huatulco. Den vermutlich heftigsten Schlag muss aber Mexiko-Stadt wegstecken, wo geschätzte 85 Prozent der Hotelzimmer leerstehen.

Außerdem werden wenigstens 64 Kreuzfahrtschiffe weniger als geplant in mexikanische Häfen einlaufen, weitere 134.000 Touristen werden damit fehlen. Auch Fluggesellschaften wie Continental Airlines steuern das Land nicht mehr an.

Ganz anders die Lage in Acapulco: Zwar brechen auch hier die Besucherzahlen ein, doch die Stadt scheint damit gar nicht so unglücklich zu sein. Der Grund liegt auf der Hand: Acapulco ist gerade mal fünf Autostunden von Mexiko-Stadt entfernt, und Hauptstädter sieht man derzeit weitaus lieber gehen als kommen.

Benzin-Boykotts gegen Hauptstädter

Schließlich ist es Mexiko-Stadt, wo die meisten Grippefälle aufgetreten sind. "Wer Symptome hat, sollte nicht denken: 'Wenn ich nach Acapulco fahre, wo das Wetter so schön ist, wird es schon besser werden.'" Frische Luft, Tequila und Discobesuche seien nicht die richtige Therapie, erklärte Bürgermeister Manual Anorve. "Wir bitten diese Leute daher, verantwortungsbewusst zu sein und wegzubleiben." Ohnehin seien Bars und Restaurants geschlossen und Bootstouren abgesagt, nur die Hotels hätten geöffnet.

Bei Warnungen lassen es manche Bewohner von Acapulco allerdings nicht bewenden: Mindestens vier Autos mit dem Kennzeichen von Mexiko-Stadt seien mit Steinen beworfen worden, als sie Acapulco erreicht hätten, teilte die Highway-Polizei mit.

Tankstellenbeschäftigte berichteten von Benzin-Boykotts gegen Hauptstädter. "Sie können uns anstecken und sollten wegbleiben", meint etwa Tankwartin Miriam Arizmendi. "Die Stadt sollte eine Quarantäne verhängen und keine mehr rauslassen." Wer es trotzdem bis nach Acapulco schafft, muss sich auf einen frostigen Empfang gefasst machen. Angestellte eines Strandrestaurants hätten sie ausgelacht, als sie mit Bikini und Atemschutzmaske unterwegs gewesen sei, klagt Urlaubsgast Martha Rubio und versichert: "Ich lasse den Spott nicht an mich heran."

Und die Touristen schlagen mit Zynismus zurück: In Anlehnung an den berühmten T-Shirt-Spruch: "Ein Freund von mir war in Mexiko, und alles, was ich bekommen habe, ist dieses lausige T-Shirt", heißt es jetzt: "... und alles, was ich bekommen habe, ist die Schweinegrippe!"

Von Natalia Parra, AP



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.