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Grönland-Expedition: Sound der Arktis

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Grönland-Extremtour Ode an die Öde

Grönlands Inlandeis hat wenig von den Reizen zu bieten, die Reisende sonst anlocken. Doch wer sich ihm ausliefert, läuft Gefahr, süchtig zu werden. So wie Stephan Orth, der das Matterhorn, Crème-brûlée- und Afrika-Schnee entdeckt und den Sound der Arktis - einen sauberen Moll-Akkord.

Plötzlich besteht der Horizont in allen vier Himmelsrichtungen nur noch aus einer Eislinie. Kein Meer und keine Bergspitzen sind zu sehen, es gibt nur noch hellblauen Himmel und weißes Eis.

Es ist ein Anblick, der die menschlichen Sinne zugleich überfordert und unterfordert. Ich wünsche mir sechs Augen, um die komplette hellblaue Käseglocken-Himmelskuppel erfassen zu können. Völlig fasziniert wende ich immer wieder den Kopf nach links und rechts. Das hier ist das Gegenteil eines Berggipfels, das ultimative Tal. Eine gigantische weiße Platte, an deren Horizont man deutlich die Erdkrümmung erkennen kann.

Vertikale Linien fehlen komplett, kein Anhaltspunkt hilft dabei, Distanzen einzuschätzen: Die obere Linie der nächsten Anhöhe könnte fünf oder fünfzig Kilometer entfernt sein, jeder Schritt führt vorwärts, ohne dass sich optisch ein Vorwärts erkennen lässt.

Das stört uns momentan aber nicht, denn endlich geht es voran, endlich müssen wir nicht mehr im Zickzack laufen und ständig Hindernissen ausweichen. Das gelbe GPS-Gerät am Unterarm zeigt, wie schnell wir sind: Mit vier bis fünf km/h geht es in Richtung Westen, in Richtung nächstes Camp. Die Position des eigenen Schattens ist außer der Satelliten-Navigationstechnik die beste Hilfe, um geradeaus gehen. Das ist sonst gar nicht so einfach, man driftet sehr leicht ab, ich zum Beispiel scheine einen natürlichen Linksdrall zu haben.


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Gedanken gehen nach innen

"Nach zehn Tagen auf dem Inlandeis bist du entweder verrückt oder süchtig", hat Expeditionsveteran Robert Peroni vor unserem Aufbruch in Tasiilaq gesagt. Er muss es wissen, er hat einige der waghalsigsten Touren auf Grönlands Eispanzer unternommen.

Wir sind jetzt seit zehn Tagen unterwegs. Ich blicke in meinen Schatten schräg rechts vor mir, meine Schirmmütze zeichnet sich deutlich ab. Mein Opa hat in einem Video von seiner Anreise nach Grönland 1912 eine ganz ähnliche Schirmmütze an. Ich stelle mir seinen Kopf in meinem Schatten vor. Er guckt zu mir hoch und fragt, ob es mir gefällt. Tatsache, ich werde verrückt. Ja, es gefällt mir, extrem sogar. Und es macht süchtig. Ich kann mich nicht satt sehen an einer der ödesten Landschaften der Erde.

Ganz ohne Halt fürs Auge ist die Umgebung bei genauerem Hinsehen nicht. Ein guter Zeitvertreib ist es, sich Namen für die verschiedenen Schneesorten zu überlegen, die zu sehen sind: Da gibt es Terrassenfelder-Schnee, der wurde vom Wind so geschichtet wie asiatische Reisfelder, und Crème-brûlée-Schnee - die gefrorene Oberfläche knackt bei Skikontakt, darunter ist weicher Sulz. Und Afrika-Schnee, der hat so Risse zwischen flachen Inseln, wie man sie von Fotos aus afrikanischen Dürreregionen kennt, in denen es seit Monaten nicht geregnet hat.

Man hat viel Zeit zum Nachdenken hier draußen. Wenn äußere Eindrücke fehlen, gehen die Gedanken nach innen. Erinnerungen kommen hoch. An Freunde, längst vergangene Episoden, Kindheitserlebnisse.

Die einzigen Geräusche sind der Wind, das helle Kratzen der Skier und das etwas dumpfere Schleifen der Pulka. Ich komme zu dem Schluss, dass der Pulkaton genau eine Oktave unter dem Skiton liegt, der Wind eine kleine Terz über dem Grundton. Der Sound der Arktis, ein sauberer Moll-Akkord.

"Mehr als eine Landschaft, eher eine Sehnsucht"

Ich habe vor meiner Abreise mit dem künftigen "Wetten, dass..?"-Moderator Markus Lanz telefoniert, einem großen Grönland-Fan. "Grönland ist für mich mehr als eine Landschaft, eher eine Sehnsucht", sagte er. "Man kann dort eine Menge reindenken und projizieren. Sie müssen sich allerdings mit Haut und Haar auf das Land einlassen, die Landschaft erobern. Sie müssen sie spüren." Ich verstehe genau, was er damit meinte.

Trotzdem tue ich etwas, was ich sonst nie in der Natur mache, weil ich eigentlich lieber den Klängen der Wildnis lausche: Musik hören. In dieser Kargheit der Reize wirkt sie viel stärker als in der Normalwelt, wo sie nur einer von Tausenden verschiedenen akustischen Eindrücken eines Tages ist.

Doch nicht jeder Song passt. Der perfekte Arktis-Eiswanderhit ist rockig, treibend, aber auch nicht unmelodisch. Außerdem muss er ein gutes Tempo zum Laufen haben. Meine derzeitigen Favoriten: "Today" von den Smashing Pumpkins und "Undone - the Sweater Song" von Weezer. Wenn die verzerrten Gitarren einsetzen, laufen die Skier wie von selbst, trotz Schmerzen in Füßen und Armen und trotz Erschöpfung.

Plötzlich sind rechts von uns Berge zu sehen: Eine herrliche Kette von Schneegipfeln und imposanten Zacken. Sie wirkt ganz nah, ist aber etwa 150 Kilometer entfernt.

Die ersten Menschen überhaupt, die diese Aussicht hatten, waren Alfred de Quervain, Hans Hoessly, Karl Gaule und mein Opa Roderich Fick, die Expeditionsteilnehmer der Schweizer Grönland-Expedition von 1912.

Comeback in zwei Jahren

Mein Opa schrieb damals in sein Tagebuch: "Es ist doch ein wunderbares fast andächtiges Gefühl, wenn man dran denkt, dass noch kein Mensch dieses Land gesehen hat; wir sind die Ersten, nachdem es seit seiner Entstehung vor Millionen von Jahren ungesehen war." Die vier Männer gaben dem Gebirgszug den Namen, der bis heute auf jeder Karte so verzeichnet ist: Schweizerland.

Der Name passt, soweit wir das von hier beurteilen können, ziemlich gut: Gleich zwei Bergpyramiden erinnern auffallend an das Matterhorn. Links geht das Gebirge über in eine hohe Eiswand, verschmilzt dort mit dem Inlandeis, das dort über 2000 Meter hoch ragt. Ein Gebirge, das quasi aus dem Eis kommt - ein einmaliger Anblick. Auch dann, wenn man nicht der Erste ist, der in seinen Genuss kommt.

Diese Eiswelt hat mich gepackt, wohl ein bisschen verrückt und ziemlich süchtig gemacht. In einer Gehpause fragt Wilfried, ob ich in zwei Jahren eine neue Expedition mitmachen will, nachdem wir ja diesmal mit unserem ursprünglichen Ziel gescheitert sind: mit dem Hubschrauber aufs Eis und dann zwei bis drei Wochen lang bis zur Westküste runterwandern. Ich sage sofort zu.

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