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Arktis-Vorbereitung: Training fürs Expeditionsabenteuer

Foto: Stephan Orth

Vorbereitung auf Grönland-Extremtour Arktis für Anfänger

Fünf Wochen auf Skiern durch völlige Einsamkeit: Die Durchquerung des grönländischen Inlandeises zählt zu den letzten großen Abenteuerreisen der Erde - unser Autor will sie nun wagen. Schon für die Vorbereitung sollte man extrem viel trainieren. Und extrem viel essen.

Links von mir liegt Everest, rechts liegt Ice Peak Expedition. Schon die Namen der Daunenschlafsäcke deuten an, dass neben mir echte Expeditionsprofis schlummern. Dazwischen liege ich, und mein Schlafsack heißt Snow Shoe, das klingt ein bisschen nach winterlichem Sonntagsspaziergang. Apropos Schuh: Meine Füße werden langsam kalt, weil ich auf einer sommerlichen Leichtgewicht-Luftmatratze liege, die nur drei Vierteln meiner Körperlänge entspricht.

Im Laufe dieser Januarnacht irgendwo in der tschechischen Pampa kommen mir Ice Peak und Everest samt Inhalt immer näher, weil der Schnee unter dem Zelt nicht gut festgetreten und zur Mitte etwas abschüssig ist. Ich schlafe eigentlich nie gut im Schlafsack, aber mit beidseitiger Quetschungsgefahr und kühlen Zehen ist an Schlummern nicht zu denken. Ein geeigneter Moment, um darüber nachzudenken, ob das alles hier eine gute Idee ist.

Das alles, damit meine ich die Vorbereitung auf eine Grönland-Expedition im August und September. Fünf Wochen lang will ich auf Skiern quer durch Grönland laufen, über den Eispanzer der größten Insel der Welt. Fünf Wochen Einsamkeit, Zelten bei Minusgraden, Instant-Abendessen. Fünf Wochen einen Pulkaschlitten ziehen, der mehr wiegt als ich, insgesamt 700 Kilometer weit.

Das Zeltlager im Schnee von Boží Dar in Tschechien ist Teil eines Crashkurses, der mich in nur ein paar Monaten vom Expeditions-Greenhorn in einen furchtlosen Arktis-Abenteurer verwandeln soll. Wir werden zu viert sein in Grönland, die anderen Gruppenmitglieder betreiben seit Jahren eine oder mehrere der folgenden Disziplinen: Marathon, Radrennen, Höhenbergsteigen und Skiexpeditionen.

100 Jahre De-Quervain-Route

Meine Qualifikationen dagegen sind eher genetischer Natur: Vor genau hundert Jahren hat mein Großvater mit einer Schlittenhund-Expedition die größte Insel der Erde durchquert, als Mitglied der Schweizer Grönland-Expedition von 1912 unter der Leitung des Geophysikers Alfred de Quervain. Nach dem Norweger Fridjof Nansen waren die vier Teilnehmer die Zweiten überhaupt, denen eine solche Durchquerung gelang. Erstmals konnten sie ein Höhenprofil der Insel erstellen. Für die Vermessung war mein damals 26-jähriger Opa zuständig.

Wer "de Quervain Grönland" googelt, landet recht bald auf einer Expeditionswebseite von Wilfried Korth, Professor für Vermessungstechnik in Berlin. Er ist die historische Route von 1912 schon dreimal nachgelaufen. Also schrieb ich ihm eine E-Mail. Wir trafen uns in Berlin, er erzählte, dass er auch für 2012 eine Durchquerung plant. Ich fragte, ob ich mitkommen darf. Schon denkbar, war die Antwort - wenn ich mich gut vorbereite.

Wie schwierig und wie gefährlich ist so ein Unterfangen? Besonders hart sind die ersten und die letzten Tage auf dem Eis, erfahre ich in Berlin bei einem Winterexpeditions-Theoriekurs des Deutschen Alpenvereins. Anfangs führt die De-Quervain-Route an der Ostküste steil bergauf durch schwieriges Gelände, außerdem ist man dann mit dem maximalen Gewicht unterwegs, 120 Kilo in der Pulka. Und zum krönenden Abschluss wartet an der Westküste eine Zone voller Gletscherspalten, an der oft stundenlange Umwege nötig sind und große Flüsse den Weg versperren können.

Statistisch schafft es nicht einmal jede dritte Inlandeis-Expedition, aus eigener Kraft die andere Seite zu erreichen. 2011 waren sogar nur zwei von elf erfolgreich. Der Rest lässt sich per Hubschrauber ausfliegen, was ein ziemlich teures Vergnügen ist, wenn man keine gute Versicherung hat. Die meisten geben wegen Erschöpfung auf, andere finden keinen Ausweg im Spaltengebiet oder verlieren lebenswichtige Ausrüstung. Auch Verletzungen oder zermürbende Wetterbedingungen können zum Abbruch zwingen.

Richtig unangenehm sind sogenannte katabatische Winde, in Grönland Piteraq genannt: Mit 140 oder auch mal 200 km/h bläst es über das Eis in Richtung Meer, kein Baum und kein Hügel hält die Naturgewalten auf. Ach ja, und Eisbären gibt es an der Ostküste auch, die sind aber dort, wo wir hinwollen, sehr selten.

Jeden Tag ein Halbmarathon

Mir jedenfalls ist klar, dass ich auch ohne Bären und Stürme an meine Grenzen gehen muss, um da durchzukommen. "Eine Grönland-Durchquerung ist ungefähr so, als würde man jeden Tag einen Halbmarathon laufen", sagt Wilfried auf einer einwöchigen Testtour in Norwegen. Und fügt gleich hinzu: "Aber das schafft man schon." Gut reden hat er, sein persönlicher Marathonrekord liegt unter drei Stunden, eine hervorragende Zeit.

Der Zenit meiner Laufbahn als Sportler dagegen liegt 24 Jahre zurück: In der dritten Klasse der Grundschule Münster-Amelsbüren erkämpfte ich mir eine Ehrenurkunde bei den Bundesjugendspielen (Weitsprung und 800-Meter-Lauf super, Weitwurf erbärmlich). Heute spiele ich ab und zu Fußball und gehe im Urlaub auf Trekking-Touren. Eine expeditionstaugliche Verfassung ist was anderes, deshalb habe ich angefangen zu joggen und mich im Fitnessstudio angemeldet.

Wer viel trainiert für ein hochgestecktes Ziel, erlebt ein ständiges Auf und Ab der Launen, ein ständiges Zweifeln am eigenen Fortschritt.

  • Mit meinem alten Trekking-Bike auf dem Weg zur Arbeit einen Fahrradkurier überholt: gut.
    Danach so gejapst, dass Passanten an der Ampel mir besorgte Blicke zuwarfen: schlecht.
  • "Du joggst immer nur fünf Kilometer? Ist das dein Ernst?" (eine Lauf-Expertin): schlecht.
    "Fünf Kilometer in 22 Minuten, gute Zeit" (dieselbe Lauf-Expertin): gut.
  • Im Fitnessstudio das Trainingsgewicht meines Vorgängers an der Beinpresse verdoppelt: gut.
    Bemerkt, dass mein Vorgänger etwa 40 Jahre älter ist als ich: schlecht.

Sportmedizinisch interessant wird mein Vorbereitungsprogramm durch die Tatsache, dass ich gleichzeitig schlemme wie ein Irrer. Motivationsprobleme sind hierbei erheblich seltener als beim Sportprogramm. Wer längere Zeit in der Kälte verbringt, kann nämlich ein paar Fettpolster gut gebrauchen. Kürzlich berichteten zwei Australier, sich vor ihrer Antarktis-Expedition unfassbare 20 Kilogramm zusätzlich angefressen zu haben.

Ich wäre schon mit fünf Kilo mehr zufrieden, denn mein Talent zur Gewichtszunahme ist relativ begrenzt, was für den Lebensalltag fernab von Eiswüsten ein Glücksfall ist. Letzens habe ich mir aus einer Weight-Watchers-Tabelle alles notiert, was dort als Todsünde für Schlankheitskuren eingestuft wird. Currywurst mit Pommes (24 Punkte), Pizza Calzone (30 Punkte), Brathähnchen mit Haut (18 Punkte), Döner (16 Punkte). Nach zwei Tagen mit einem hieraus entstandenen Experimental-Speiseplan gab ich wegen Komplikationen bei meinen Fitnessfortschritten wieder auf.

Jetzt muss es ein täglicher Nachschlag in der Kantine am Arbeitsplatz richten. Vor ein paar Tagen brachte ich immerhin schon zwei Kilo mehr auf die Waage, es gibt Hoffnung.

Einen neuen Schlafsack habe ich jetzt auch. Er heißt Denali, das ist der Name des höchsten Berges von Nordamerika, berüchtigt für besonders eisige Bedingungen.

Zumindest für die Nächte in Grönland bin ich bereit.

Auf SPIEGEL ONLINE wird Stephan Orth in den kommenden Wochen live von der Grönland-Expedition berichten.

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