Hainan Urlaub im Hawaii des Osten

Früher folgten Reisen nach China klaren Gesetzen: Wer nicht geschäftlich im Reich der Mitte unterwegs war, folgte meist den Spuren einer Jahrtausende alten Kultur. Eine Tropeninsel im südchinesischen Meer setzt indes auf Badetourismus.

Von Hilke Maunder


Wer Hainan mit Hawaii vergleicht, liegt nicht ganz daneben: Die zweitgrößte Insel des Landes befindet sich beinahe auf dem gleichen Breitengrad wie Honolulu oder Havanna. Das bedeutet Karibik-Klima zwischen 20 und 35 Grad, mehr als 300 Tage Sonne und Monsun von Juli bis September.

Chinesische Gegensätze: Auf der zweitgrößten Insel des Landes prallen Fünf-Sterne-Luxus und fremder Alltag aufeinander
Foto: Hilke Maunder

Chinesische Gegensätze: Auf der zweitgrößten Insel des Landes prallen Fünf-Sterne-Luxus und fremder Alltag aufeinander

Die Küste lockt mit menschenleeren Korallenstränden und kristallklarem Wasser, das bergige Innere bedeckt tropischer Regenwald. Genächtigt wird im Luxus - von 500 klassifizierten Hotels bieten 220 Häuser Vier-, weitere 54 Fünf-Sterne-Standard.

Geradezu generalstabsmäßig wurde die rund 34.000 Quadratmeter große Tropeninsel erschlossen. So haben die Chinesen Hainan 1989 aus der Provinz Guandong herausgelöst und zur größten Wirtschaftssonderzone des Landes erklärt. 1992 wurde der Pauschaltourismus offiziell genehmigt und 1999 kamen die ersten Pauschaltouristen aus Deutschland. Sie stellten bereits im vergangenen Jahr die größte Gruppe der europäischen Besucher.

Mit 1660 Gästen ist ihre Zahl dennoch gering angesichts der 8,56 Millionen Übernachtungen von Asiaten. Aus Hongkong, Japan oder Korea kommend, stellen sie hohe Ansprüche an Qualität und Service - und sind damit, wie auf Hawaii, Garanten für die hochwertige Entwicklung von Hainan.

Überall wird gebaut und gebuddelt. Den First-Class-Ferienanlagen an den Stränden folgt jetzt der Facelift der Städte. Besonders betroffen vom Bauboom: Haikou, 320.000 Einwohner, Fährhafen, Hauptstadt der Provinz Hainan.

Erschließung nach Plan: Hainan soll das Hawaii Chinas werden
Foto: Hilke Maunder

Erschließung nach Plan: Hainan soll das Hawaii Chinas werden

Ein Blick aus dem 21. Stock des Haikou International Centre, 1988 als Hotel, Business Centre und Einkaufsparadies erbaut, zeigt: Immer mehr werden die Arkaden der Altstadt von postmodernen Einheitsbauten verdrängt. Hier fürs Business verdunkelte Fensterscheiben, dort faszinierend fremder Alltag auf dem Markt.

Hausfrauen suchen junge Hunde für das Mittagsmahl aus. Schlangen, Schildkröten und Regenwürmer warten in Drahtkäfigen und Binsenkörben auf hungrige Käufer. Ein junger Mann hat Ratten ordentlich vor sich aufgereiht: Beweise für die Wirksamkeit seiner giftigen Ware.

Entlang der Ostküste führt die einzige Straße nach Sanya, dem Zentrum des touristischen Südens. Wasserbüffel ziehen schwere Holzpflüge durch Reisfelder. Am Horizont erscheint die markante Silhouette des Wuzhi Shan, des 1867 Meter hohen Fünf-Finger-Berges. In die unwegsame Bergregion haben sich die Li- und Miao-Bergstämme zurückgezogen. Touren zu ihren Dörfern beginnen in Tongshi.

Von der Passhöhe Baishui Mount bietet das Meer einen seltsamen Anblick: Mit kleinen Mauern werden riesige Felder abgesteckt, dünne Holzpfähle ragen knapp über die Wasserlinie. Seit 1986 werden in Linshui auf 10.000 Hektar Perlen für den Export gezüchtet. 3000 Stück jährlich.

Bauboom: Mit dem Tourismus hält auch das Business Einzug
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Bauboom: Mit dem Tourismus hält auch das Business Einzug

Nur wenige Kilometer vor Sanya liegen die Traumstrände des Südens: Dadonghai und Yalong Bay. Die hellweißen Korallenstrände, von Palmen gesäumt, waren vor zehn Jahren neben den Einheimischen nur wenigen Aussteigern bekannt.

Heute ist die Bucht von Yalong als "National Resort District" das liebste Kind der Planer. Welche Visionen sie leiten, lassen die Häuser der Gloria-Kette erahnen. Als bislang einziges Luxusdomizil dominiert die mehrstöckige Ferienanlage den Strand: 403 Zimmer, Business Center, Ballsaal. Daneben: die Bettenburg für weniger Betuchte - 600 Betten mit drei Sternen.

30 Kilometer westlich von Sanya, einer 30.000 Einwohner-Stadt, deren einziger Charme die stete Sonne ist, liegt Chinas berühmtestes Fleckchen Erde: Tianya Haijiao - das "Ende der Welt". Zwei Yuan fordert eine resolute Kassiererin als Eintritt zum Paradies.

Palmen säumen den goldgelben Sandstrand, sanft brandet das azurklare Wasser, 20 Grad warm, gegen die grauen Granitriesen. Tagestouren führen auf schmalen Sandwegen durch das nahe Küstengebirge, vorbei an Reisterrassen und ausgedehnten Teeplantagen.

Mango, Ananas und Bananen werden angebaut, Tee, Kaffee und Pfeffer. Im Schwemmland des Wenchang im Norden werden jährlich mehr als 60 Millionen Kokosnüsse gepflückt. Verarbeitet wird die Ernte in der Haikouer Konservenfabrik: Ihre Kokosmarmelade, ihre Kokoschips und ihre Kokosmilch sind als Hainaner Spezialitäten einmalig auf der Welt.

Feiner Kohlenstaub bedeckt die Straßen in Changiang. 260 Millionen Tonnen Eisenerz lagern unter Straßen und Häusern der Stadt. Erst ein Bruchteil wurde abgebaut - obgleich der Nanhai-Tagebau bei Shilu zu den acht größten Bergwerken Asiens zählt. Die Weiterverarbeitung vor Ort fehlt. So wird das Erz rund um die Uhr mit Lastern und Schiffen zum Schmelzen auf das Festland gebracht.

Die Straße zurück nach Haikou führt durchs Gebirge. Hinter Dangxian öffnet sich an der Kammstrecke ein Ausblick, wie gemacht für den Abschied: ein See, von Königspalmen gesäumt, inmitten von nebelumwobenen Bergen, in dem sich die untergehende Sonne spiegelt.



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