Kurdisches Bergdorf Hajij Mit Brother Louie durch Irans wilden Westen

Spektakuläre Berglage, wunderschöne Trachten: Hajij ist das wohl fotogenste Dorf Irans, die wenigen Besucher werden wie Ehrengäste empfangen. Und auf der Hinfahrt lernt man, warum die Einheimischen deutschen Achtziger-Pop so lieben.

Von (Text) und Samuel Zuder (Fotos)


Der Taxifahrer sieht aus wie Jürgen Drews mit dreißig, und der MP3-Player spielt Modern Talking. "You're no good, can't you see, Brother Louie Louie Louie." Ein enttäuschendes Musikprogramm, das überhaupt nicht zur Schönheit der Landschaft draußen passt: schneebedeckte Gipfel, Kebab-Straßenstände, Schafhirten in Pumphosen und pittoreske Dörfer, die an die steilen Berghänge geklatscht sind.

Wir fahren auf abenteuerlich geschwungenen Passstraßen durch die kurdischen Gebiete im Westen Irans, nur ein paar Kilometer sind es von hier bis zur Grenze zum Irak.

"Wusstest du, dass Modern Talking aus Deutschland kommen?", frage ich Yasmin, meine 31-jährige Begleiterin, die zum Achtziger-Pop fröhlich mit den Schultern wippt. Ich habe sie über Couchsurfing kennengelernt, eine etwas rundliche junge Dame mit explosivem Lachen, Baseballkappe über dem Kopftuch und Nagellack in Marienkäfermuster.

"Echt? Mit Texten von denen habe ich Englisch gelernt", sagt sie.

"Dafür ist dein Englisch überraschend gut."

"Wie bitte? Du magst Modern Talking nicht?"

"Mir fallen 200 deutsche Exportprodukte ein, die mich mit mehr Stolz erfüllen."

"Sie sind in Iran sehr bekannt."

Der Jürgen Drews am Steuer, der in Wirklichkeit Farsad heißt, schaltet sich ein: "Wir hören ständig die Mullahs singen. Im Vergleich dazu klingt Modern Talking gut." Eine charmantere Kritik an der Religionsdiktatur Irans habe ich selten gehört.

Abendstimmung aus tausendundeiner Nacht

Unser Ziel für die Nacht ist Hajij, gut 600 Straßenkilometer westlich von Teheran. Kurz vor der Abenddämmerung kommen wir an. Vom Himmel aus betrachtet hat das Örtchen die Form einer Mondsichel, von der Seite die Form einer Treppe. Wie zu groß geratene Sitzreihen in einem Amphitheater schmiegen sich Häuserblocks aus rötlichem Stein an den Hang. Auf fast jeder der stufenförmig angeordneten Dachterrassen stehen Dorfbewohner, die den anderen Dorfbewohnern auf den anderen Dachterrassen beim Menschenbeobachten zugucken.

Oder den Kühen, die zurück in ihre Ställe getrieben werden. Oder dem Sirwan-Fluss im Tal, wie er dahinfließt. Omas und Enkel und Mütter und Väter stehen da, das ganze Dorf scheint auf den Beinen zu sein, eine wunderbare Stimmung.

Wir fragen nach einer Unterkunft und werden in ein einfaches Zimmer geführt. Ein Teppich und eine Steckdose sind die einzigen Einrichtungsgegenstände, vor der Tür steht ein Maulbeerbaum. Ich wohne mit Taxifahrer Farsad zusammen, Yasmin bekommt einen separaten Raum.

When in Hajij, do as the Hajijs, also rauf aufs Dach. Sofort werden wir zum Tee eingeladen auf einem der öffentlichen Balkons. Man könnte meinen, das Taxi sei eine Art Zeitmaschine gewesen: Iran ist in vieler Hinsicht ein moderneres Land, als viele erwarten, doch hier scheinen wir um mindestens 50 Jahre in der Vergangenheit gelandet zu sein. Die Mädchen tragen lange rote Trachten mit wunderschönen Blumenmustern, die Männer Schnurrbärte, die Heiner Brand vor Neid erblassen ließen, und die Greise geschnitzte Gehstöcke mit rundem Henkel.

Vermutlich werden eines Tages Touristenbusse voller Japaner nach Hajij kommen. Derzeit jedoch rät das Auswärtige Amt "grundsätzlich" davon ab, die Region zu besuchen, weil wegen separatistischer Bestrebungen mancher Kurden Unruhen drohen.

Keine schlechten Erfahrungen mit Ausländern

Doch wo wenige Besucher hinkommen, werden sie häufig besonders freundlich empfangen. Der Teespendierer im grauen Kurdenoverall stellt sich als Moharram vor und als "eine Art Dorfvorsteher". Auch eine zweite und dritte Runde Heißgetränke lässt er von seiner Frau aus der Wohnung bringen. Und danach eine köstliche Ash-Suppe aus Kichererbsen, Linsen und Spinat.

"Warum sind Iraner so unglaublich gastfreundlich?", frage ich Yasmin.

"Vielleicht, weil wir irgendwann im Leben mit den eigenen Landsleuten schlechte Erfahrungen gemacht haben, mit Ausländern aber noch nicht", sagt sie und lächelt.

"Interessant, in Deutschland ist es umgekehrt: Gerade in Gegenden, wo am wenigsten Ausländer hinkommen, ist häufig die Fremdenfeindlichkeit am größten."

Wir werden unterbrochen, denn Moharram berichtet nun über sein Dorf. "Vor dreißig Jahren gab es hier noch keine Straße, man kam nur mit dem Pferd her", erzählt er. Früher lebten die Menschen nur von der Landwirtschaft, heute sei der wichtigste Wirtschaftsfaktor ein riesiges Dammbauprojekt.

"Der Sirwan-Fluss wird gestaut. Das Wasser wird in zwei oder drei Jahren viel höher im Tal stehen. Die unteren Häuserreihen müssen dann weg. Früher hatten wir 200 Häuser, bald wird es nur noch die Hälfte sein."

Ein Jammer: Eines der schönsten Dörfer des Landes wird schon bald nicht mehr wiederzuerkennen sein. Durch den Damm sollen Felder bewässert werden, ein Kraftwerk wird gebaut. "Das bringt uns Arbeitsplätze. Außerdem fließt dann weniger Wasser in den Irak", sagt Moharram grinsend. Der Krieg mit dem Nachbarland ist zwar schon mehr als 25 Jahre her, und allerspätestens seit mit dem IS ein gemeinsamer Feind ausgemacht wurde, sind die beiden Länder Verbündete. Ein bisschen Rivalität in Grenznähe existiert aber offenbar noch.

Der Muezzin von Hajij ruft um Viertel nach acht zum Gebet. Er leiert ein bisschen, aus dem Halbrund des Dorfes kommt ein leises Echo. "Zehnmal besser als Modern Talking", sage ich zu Taxifahrer Farsad. Er wirkt alles andere als überzeugt.


Dieser Text ist ein veränderter Auszug aus dem Buch "Couchsurfing im Iran" (Piper-Verlag) von Stephan Orth.

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
alsterherr 01.12.2015
1.
Brother Louie kurz vorm Hindukusch? Klingt wie aus einem Reisebericht von Christian Kracht!
guevara2000 01.12.2015
2. Durchs wilde Kurdistan
Schade, dass der Autor "Kurdistan" nicht nennt. Aber wenn man es genau wissen will und die politische Korrektheit außer Acht lässt, handelt es sich dort um Kurdistan und nicht Iran. Die Kurden werden seit Jahrzehnten von iranischen Regimen brutal unterdrückt. Immer wieder werden junge Kurden in Städten erhängt, weil sie sich dem iranischen Regime nicht beugen wollen. Es gibt zwischen Kurden und Iraner zwar eine größere Nähe als Kurden mit Arabern und Türken, aber dennoch sind Kurden nicht gleich Iraner. Ansonsten danke für den Artikel bzw. Buchauszug. Tolle Bilder
postmaterialist2011 01.12.2015
3. Nicht nur im Iran !
Ich bin viel beruflich im Mittleren Osten unterwegs und egal ob in Saudi-Arabien, in den VAE oder im Libanon überall ist Modern Talking unglaublich beliebt und es wird Brother Louie gerne im Auto gehört. Nach drei Tagen Modern Talking und Enrique Iglesias reicht mir diese Art der Musik dann auch wieder für eine ganz, ganz lange Zeit.
thedream34 01.12.2015
4.
Bekannte haben dort vor Jahren auch eine Reise gemacht und waren auch begeistert! In einem alten Peugeot von Istanbul nach Diyarbakir, von dort in den irak bis Erbil und von dort in den Iran Richtung Siné und Marivan. Haben nur positives berichtet (die haben alles auf VHS aufgenommen und ich hab's gesehen^^)
blurps11 01.12.2015
5.
Zitat von alsterherrBrother Louie kurz vorm Hindukusch? Klingt wie aus einem Reisebericht von Christian Kracht!
Eher nach Karl May, aber den kennt die Generation iphone wahrscheinlich einfach nicht mehr.
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