Hallo, Taxi! (Bombay) Vikrams Gelassenheit

Manchmal ist es ein Fehler, fahren zu wollen. Zu Fuß wäre man schneller - aber um ein Erlebnis ärmer: Taxifahren in Bombay. Beobachtungen durchs Taxi-Fenster.

Von Helge Sobik


Die roten Taxisitze sind noch klebrig von der Mittagshitze. Die Kopfstütze des Fahrers ist zerbrochen, der Beifahrersitz hat gar nicht erst eine. Das rote Kunstleder des Fahrersitzes ist mit durchsichtiger Plastikfolie überspannt. Das schützt den Sitz und sammelt den Schweiß.

Uferlos: Das tägliche Verkehrschaos in Bombay
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Uferlos: Das tägliche Verkehrschaos in Bombay

So resolut wie möglich dieselt sich die alte cremefarbene "Ambassador"-Limousine durch das Verkehrschaos der Zehn-Millionen-Stadt: hier Bettler, dort Bankgebäude, hier Pracht und Prunk, dort Armut und Slums. Immer wieder Hände, die sich aus stets einsturzgefährdeten Bretterhütten den Passanten entgegenrecken und über alledem ein süßlich-öliger Geruch - ein bisschen wie Weihrauch, ein bisschen wie Verwesung.

Für vier Stunden habe ich den Wagen gechartert: Bei umgerechnet 20 Mark werden wir handelseinig. Der alte Mann unter dem orangefarbenen Turban heißt Vikram.

Auch rote Doppeldeckerbusse bahnen sich ihren Weg. Kleine schwarz-gelbe Taxis drängeln an den größeren Ambassador-Taxis vorbei, eröffnen kurzerhand zusätzliche Fahrspuren und versuchen sich am Feierabendstau vorm Victoria Terminus Bahnhof vorbeizumogeln, einem Musterbeispiel der verspielten victorianischen Bombay-Gotik.

Vikram nimmt das alles mit Gelassenheit. Hektisch wird er nur, wenn es darum geht, mein "Schaufenster" freizuhalten: Bettler vorm Seitenfenster verscheucht er resolut und doch mit so viel untergründiger Gutmütigkeit in der Stimme, dass sie ihn nicht ganz ernst nehmen und bald wiederkommen. Einmal kaufe ich mich frei und gebe einem Amputierten ein paar Rupien, um anschließend unfreiwillig seine Verwandtschaft kennen zu lernen.

Die Zahl der Menschen vorm Fenster nimmt binnen Sekunden deutlich zu - meine Unsicherheit steigt proportional dazu, und Vikram löst das Problem durch Einklappen des Außenspiegels und Eröffnung noch einer Spur zwischen zwei Bussen.

Bombay wirkt wie eine unsichere alte Lady, die sich nicht entscheiden kann zwischen zwei Welten und deswegen manchmal die Wirklichkeit auf den ersten Blick wie durch einen Zerrspiegel erscheinen lässt.

Aus dem Autoradio schallt indische Folklore - ein Volksmusik-Sender, der den melodischen Singsang ab und zu durch krachende Jingles unterbricht, die so gar nicht zum Programm passen: Kontraste selbst in dem ins Armaturenbrett eingelassenen Klapperkasten mit den zwei abgegriffenen Drehknöpfen. 35 Jahre alt ist der Wagen, erzählt Vikram stolz. Sein Schwager repariert ihn, wenn mal etwas sein sollte. Er ist es auch, der die Idee mit der Plastikfolie auf dem Sitz hatte.

Heiliges Tier

Als wäre sie immun gegen den Benzingestank: Eine hellbraune, ausgemergelte Kuh trottet kurzerhand direkt vorm Taxi-Kühlergrill über den Asphalt. Der Verkehr lässt sie gewähren und bahnt sich einen neuen Weg wie ein Strom, dem die Staumauer das angestammte Flussbett versperrt. Hektiker hupen. Andere nehmen es gelassen, wenn das heilige Tier selbst mitten in der Großstadt zu promenieren gedenkt. Indisches Alltagsszenario in Bombay.

Bunt bemalte Sperrholztafeln am Straßenrand werben für die neuesten Kinofilme, die hier in "Bollywood" produziert werden - die meisten davon nach europäischem Geschmack Seifenopern mit Gesang, doch insgesamt erfolgreicher als jede Hollywood-Produktion. Abends, wenn die Kinovorstellungen aus sind, brummt das Geschäft der Taxifahrer so sehr, dass sie das Gaspedal ein bisschen tiefer durchtreten als tagsüber und den motorisierten Hindernislauf durch die Innenstadt mit Lenkbewegungen wie vorm Videospiel-Terminal bestreiten.

Ray-Ban-Brillen und Saris

Taxischlangen am Straßenrand: Am Gateway of India, einem Triumphbogen, der 1911 zu Ehren des britischen Königspaares errichtet wurde, warten die Menschen auf den Sonnenuntergang - und die Wagen darauf, dass alle, die es sich leisten können, zurück nach Hause geschaukelt werden möchten: fotoapparatbehangene Touristen, dezent Händchen haltende indische Paare, junge Männer in Jeans und mit Ray-Ban-Sonnenbrillen neben Frauen in traditionellen Saris.

Es duftet nach knusprigen Köstlichkeiten einzelner Garküchen - und wieder nimmt auch die Zahl derer zu, die an die Autoscheibe klopfen. Wer hier wen anguckt, ist nur noch eine Frage der Perspektive, das Taxi plötzlich wie ein Käfig. Ich fühle mich wie ein Fisch im Aquarium.

Wer abends hierher kommt, der zweifelt keine Sekunde daran, dass in Indien knapp eine Milliarde Menschen leben - er darf sogar annehmen, dass sie sich alle zeitgleich am Gateway of India versammelt haben. Vikram gibt Gas.

Das Taxi ist Richtung Straßenrand gescheppert. Zeit, sich von den klebrigen Sitzen zu pellen und ins Freie zu klettern. Zeit, durch die Grünanlagen der "Hängenden Gärten" auf dem Malabar Hill zu schlendern, wo Dieselgestank und Lärm der Innenstadtstaus plötzlich fern scheinen.

Bad im Ozean

Steht der Wind günstig, hört man sogar das Rauschen des Indischen Ozeans. Wieder ein anderes Gesicht Bombays. Abends, wenn es endlich kühler geworden ist, werden sie alle dorthin pilgern - die ganze Milliarde Menschen, die vorhin noch am Gateway of India versammelt war oder Richtung Victoria Terminus über die Straße hechtete: ein Bummel am Marine Drive, der Küstenstraße, die vom Zentrum bis zum Chowpatty-Strand führt.

Ein (nur Abgehärteten zu empfehlendes) Bad im Ozean nach Dienstschluss, ein Familienfest am Strand, eine Runde im Riesenrad, Dosdai und Tandoori vom Open-Air-Imbiss - Feierabend in Bombay. Ende der Vier-Stunden-Tour mit dem freundlichen Mann unter dem Turban. Was er jetzt tun wird, frage ich ihn.

"Eine Tour noch, oder zwei" sagt er, dann jemanden vom Flughafen abholen, der ihn vorbestellt hat. Und zwischendrin ein kurzes Bad im Ozean.



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