Hallo Taxi! (St. Petersburg) Da fahr' ich nicht hin!

Rasende Rentner, bockige Wolga-Fahrer und kiffende Kleinwagenbesitzer machen eine Taxifahrt in St. Petersburg noch immer zum Erlebnis. Und geben bemerkenswerte Einblicke in eine Gesellschaft am Rande des alltäglichen Wahnsinns.

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Chaotisches Fahrverhalten vor barocker Kulisse - Halteverbot vorm Smolny-Kloster
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Chaotisches Fahrverhalten vor barocker Kulisse - Halteverbot vorm Smolny-Kloster

Jeder erinnert sich mit Grauen an sein erstes Mal. Mühsam hatte man sich im schlecht bestuhlten Grundkurs Russisch mit der höflichen Bitte um Transport herumgeschlagen, tapfer die korrekte Betonung vollkommen unaussprechlicher Straßennamen geübt. Dann, endlich: ein zaghafter Schritt auf das ausgetretene Zarentrottoir, ein ungläubiger Blick auf das knietiefe Schlagloch im Asphalt und raus mit der Hand, die schon von der ersten, gleichmütig vorbeirasenden "Schestjorka" fast abgefahren wird. Einen Schritt zurück, etwas lasziver winken, vielleicht. Das klappt.

Der Fahrer eines bis zu den Fenstern verschlammten Wolgas verzichtet auf zeitraubende Höflichkeitsfloskeln und kommt unverzüglich zur Sache. "Wohin?" bellt er mich vorwurfsvoll an, und es ist ein Wunder, dass die so schnörkellose Frage überhaupt durch seinen dicken Schnurrbart zu mir durchdringt. Jetzt keinen Fehler machen. Wenn er mich schon beim ersten Satz als zahlungskräftige Ausländerin entlarvt, wird er Dollars verlangen, die ich weder besitze noch bereit wäre zu zahlen. Also tief Luft geholt und voran: Krasnogwardejskij Prospekt, poschaluista. Er glotzt mich an wie ein frisch an Land gezogener Stör, beugt sich zu mir hinüber und brüllt: Da fahr' ich nicht hin! Knallt die Tür zu, wirft mir einen tödlich beleidigten Blick zu und fährt von dannen. Ich stehe am Straßenrand, schaue auf die langsam herabfallenden Schneeflocken und fühle mich sehr klein, sehr unverstanden und irgendwie gedemütigt.

Fünf Ecken - fünf Rubel: Feilschen hat auch in Russland Tradition
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Fünf Ecken - fünf Rubel: Feilschen hat auch in Russland Tradition

Einige Monate später bin ich nicht nur um einige Taxi-Erfahrungen reicher, sondern auch mutiger geworden und feilsche hemmungslos um jede Kopeke. "Fünf Ecken – fünf Rubel" heißt der Schlachtruf, seit ich an den Pjat' Uglov wohne, einer Kreuzung unweit des Newskij Prospekt, an der fünf Straßen sternförmig aufeinander treffen. Noch immer verdienen sich die privaten Autobesitzer ein wenig Geld nebenher, indem sie an der Straße stehende Passagiere auflesen. Die Preise sind so niedrig, dass viele ausländische Studenten morgens mit dem Taxi zur Universität fahren. Gefährlich sind jetzt nur noch zwei Arten von Fahrten: die mit sympathischen Verrückten und die mit echten Wahnsinnigen.

Ein siebzigjähriger Taxi-Veteran scheint es mehr als eilig zu haben, als er mit 100 Kilometern in der Stunde auf komplett vereister Fahrbahn in Richtung Peter-und-Pauls-Festung brettert. Der Wolga schwankt hin und her wie ein riesiges Schiff auf dem gleichnamigen Fluss. Mein nervös in den Papirosy-Rauch geflötetes Volkslied findet wenig Zustimmung: "Im Taxi pfeift man nicht," pöbelt der Senior, "das bringt Unglück". Andere Länder andere Sitten, denk ich während er bei der Überquerung eines Zebrastreifens fast eine der berühmten Petersburger "Blokadnizy", eine Überlebende der deutschen Blockade, überfährt.

Auch bei realer Absturzgefahr: Pfeifen im Taxi bringt Unglück
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Irritierend auch jene Fahrten, bei denen der Mann am Steuer versucht, auf bisher unbekannten Wegen ans Ziel zu gelangen. Tolle, Zeitersparnis verheißende Abkürzungen durch miese Platten-Gettos und endlose Hinterhof-Labyrinthe sind nicht eben das, was dem Ortsunkundigen die Taxifahrt versüßt. Ich erinnere mich an Jurij, einen schweigsamen bärtigen Typen, der seinen kaum fahrtüchtigen Lada irgendwann auf einen menschenleeren Hinterhof im Südosten der Stadt bugsiert, parkt und anfängt, in seinem Handschuhfach sehr umständlich nach etwas zu suchen, das eine Waffe sein könnte.

Ein hilfesuchender Blick vom gottverlassenen Kinderspielplatz hinauf zu dem einzigen heimelig beleuchteten Fenster im 12. Stock. Panik. Meinen geflüsterten Einwand, dass wir hier wohl nicht richtig seien, bestätigt er freundlich, zieht einen riesigen Beutel Marihuana unter dem Sitz hervor, zündet sich einen wirklich überdimensional großen Joint an und bittet um Vergebung für die Verzögerung: "Tut mir Leid, meine Liebe, aber ich muss mich einfach auch mal entspannen."

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