Halloween in Washington Dick, Bush und der talentierte Mister Jack

Countdown in Washington: Der Wahlkampf geht in die letzte Runde, die Welt hält den Atem an, doch die Amerikaner feiern die Feste, wie sie fallen. Gestern Halloween, morgen Election Day.

Von Henryk M. Broder


Halloween-Kostüme: Matthew und Morgan als "Dick" und "Bush"
Henryk M. Broder

Halloween-Kostüme: Matthew und Morgan als "Dick" und "Bush"

Es ist der Tag des Schreckens. Je gruseliger, umso schöner. Die Menschen ziehen ausgeflippte Kostüme an, legen Totenköpfe und Skelette in ihre Gärten und opfern Kürbisse. In San Luis Obispo, Helendale, Pasadena, Poughkeepsie, Rhinebeck - überall in den USA sind die Geister los.

Auch in Deutschland spukt es - Ivan Nagel macht sich in der "Berliner Zeitung" Gedanken, ob eine Wiederwahl von George W. Bush den Dritten Weltkrieg bedeuten könnte: "Ähnlich verhängnisvolle Wahlen hat es seit Menschengedenken nur einmal gegeben: 1932 in Deutschland. Gewiss: Die traditionsgeheiligte, institutionengefestigte Demokratie in Amerika ist nicht wie die kindheitsschwache Weimarer Republik. Bush ist nicht Hitler. Doch wird die Gefahr deshalb geringer? Deutschland war nach dem Ersten Weltkrieg eine drittklassige Macht; Amerika ist seit dem Ende des Kalten Krieges die einzige Supermacht der Welt. Deutschland war zur Abrüstung verurteilt; Amerikas Rüstungsetat ist größer als der der achtzehn ihm folgenden Staaten zusammen, Russland, China, Indien, Großbritannien, Frankreich, Japan inbegriffen. Deutschland musste allem künftigen Krieg abschwören; Amerika beansprucht für sich offen und amtlich Präventivkriege gegen jeden Staat, den es als jetzigen oder künftigen Störer empfindet."

Kürbis-Opfer: In den USA sind die Geister los
Henryk M. Broder

Kürbis-Opfer: In den USA sind die Geister los

Das ist natürlich Mega-Halloween, schlimmer als Freddy Krüger, Drakula und Mike Krüger auf einmal. Ob sich die Menschen in der M Street in Georgetown dessen bewusst sind? Matthew, 21, und Morgan, 20, zwei Studenten aus Maryland schwitzen kräftig, aber nicht vor Angst. Matthew hat eine Bush-Maske über sein Gesicht gezogen, Morgan hat sich als "Dick" Cheney verkleidet. Sie steckt in einem überdimensionalen und sehr naturalistischen Penis, nur ihr Gesicht schaut raus. So gehen Matthew und Morgan Hand in Hand die M Street und die Wisconsin Avenue rauf und runter, sehr zum Vergnügen der Passanten. Wenn es einen Preis für das witzigste Halloween-Paar gäbe, er würde an "Dick" und "Bush" gehen. "Wir sind weder eingeschriebene Demokraten noch Republikaner" sagt Matthew, "wir finden die beiden einfach nur komisch."

"Ich klimpere nicht mit der Tasse"

Jack steht an der Ecke Wisconsin und Prospect und spielt auf seinem Tenor-Saxofon "As Time Goes By" und "Stormy Weather", ohne sich der Symbolik bewusst zu sein. Jack, vor 53 Jahren in Chicago geboren, kann keine Noten lesen, aber er spielt seit seinem fünften Lebensjahr ein halbes Dutzend Blasinstrumente. Über 200 "Tunes" kann er auswendig, von "Begin the Beguine" bis "Mood Indigo". Weil er Legastheniker war, musste er die Schule abbrechen. "Die Lehrer sagten, aus mir kann nichts werden."

Straßenmusiker Jack: "Wenn du Genies züchtest, bekommst du Genies"
Henryk M. Broder

Straßenmusiker Jack: "Wenn du Genies züchtest, bekommst du Genies"

Es ist ihm weder peinlich noch lästig, an einer Straßenecke zu stehen. Im Gegenteil, er arbeitet am Freitag, Samstag und Sonntag je acht Stunden, macht bis zu 250 Dollar pro Schicht und verbringt die übrige Zeit der Woche mit Lesen, am liebsten zeitgenössische amerikanische Lyrik. Auf dem Karton unter der Gelddose steht: "Bin obdachlos, aber ich sitze nicht rum und klimpere mit der Tasse!" Das gefällt den Leuten und deswegen spenden sie gerne. Aber Jack ist nicht wirklich obdachlos, er hat nur keine feste Adresse, lebt in einem Wohnwagen mit Wasser und Stromanschluss und besitzt zwei alte BMW, die er sorgfältig pflegt.

"Ich glaube an Vererbung, dass man Talente weitergibt", sinniert Jack, während er das Saxofon aus dem Koffer nimmt, "mein Großvater war Musiker, mein Vater war Musiker, ich bin Musiker. Wenn du Idioten züchtest, bekommst du Idioten. Und wenn du Genies züchtest, bekommst du Genies."

Schadenersatz als Rentenplan

Eine Polizistin tritt an Jack heran und bittet ihn, "Jingle Bells" zu spielen. "Dafür ist es eigentlich noch zu früh", sagt Jack, erfüllt ihr aber den Wunsch. Er versteht sich gut mit den Polizisten von Georgetown. Im Frühjahr war er in Atlantic City, und man hat ihm verboten, an der Promenade zu spielen. "Die haben mich einfach verjagt." Jetzt klagt er gegen die Stadtverwaltung von Atlantic City, verlangt 300.000 Dollar Schadenersatz und Schmerzensgeld und außerdem einen Job als "Inspector". Denn es geht um das Recht auf freie Meinungsäußerung, einen Grundpfeiler der amerikanischen Verfassung. "Die Gemeindeordnung von Atlantic City verstößt gegen die Verfassung."

Jacks Schild: Klage auf 300.000 Dollar Schadenersatz von Atlantic City
Henryk M. Broder

Jacks Schild: Klage auf 300.000 Dollar Schadenersatz von Atlantic City

Jack ist sicher, dass er die Klage gewinnen wird. Er beruft sich auf einen Prozess, den die Zocker-Stadt gegen die Tierschützerorganisation Peta verloren hat. Da ging es auch um "free speech", die Tierfreunde wollten einen Info-Stand an der Promenade aufbauen, die Leute in der City Hall waren dagegen. Das Gericht entschied für Peta. "Das ist das Beste, was mir passieren konnte."

Wenn er mit Atlantic City fertig ist, wird er nach Boston gehen, dann nach New York, von dort nach Atlanta/Georgia und schließlich nach New Orleans, alles Städte, in denen das Musizieren auf der Straße nicht erlaubt ist. Das, sagt Jack, sei sein "retirement plan", seine Rentenversicherung. Dass in zwei Tagen der Präsident gewählt wird, findet er dagegen nicht sehr wichtig. "Für mich wird sich nichts ändern."

Am Sonntagabend geht er etwas früher als üblich nach Hause. Es war ein gutes Wochenende, Halloween ist vorbei, bald ist Weihnachten, dann wird sich Jack eine Nikolaus-Uniform leihen und jeden Abend "Jingle Bells" auf seinem Saxofon spielen.



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