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Hardangervidda: Norwegens Eiswüste

Foto: Jürgen Hohmuth / zeitort.de

Arktis-Crashkurs in Norwegen Greenhorn im Zuggeschirr

Stürme mit drei Meter Sicht, extreme Minusgrade: Wer sich auf eine Arktis-Expedition vorbereitet, findet in Norwegens Hardangervidda ein perfektes Trainingsrevier. Frustrierend ist nur, wenn man als Anfänger mit Spitzensportlern loszieht - und den Schlitten mit Eigenbau-Gurt ziehen muss.

"Willkommen am höchsten Bahnhof Norwegens", sagt die Stimme aus dem Lautsprecher nach viereinhalb Stunden Fahrt von Oslo nach Finse. Willkommen in der Arktis hätte auch gepasst, denke ich beim Blick auf die komplett in weißen Schnee gehüllte Puderzuckerlandschaft der norwegischen Hardangervidda-Hochebene vor dem Fenster.

Der Rest der Gruppe ist schon da. Wir sind zu sechst, vier Pulkaschlitten haben wir dabei. Jeder besteht aus einer etwa zwei Meter langen Wanne, so groß wie ein Sarg, die oben mit wasserdichtem Stoff abgedeckt ist. Im Notfall kann man angeblich sogar schlafen in den Dingern.

Natürlich bekomme ich als Greenhorn den schwersten Schlitten. Er wiegt 70 Kilo und hat obendrein noch das schlechteste Zugsystem, Marke Eigenbau mit Autogurten, ständig verrutscht da was. Eigentlich bin ich hochmotiviert, denn es geht darum, den anderen zu beweisen, dass ich für eine Expedition über das grönländische Inlandeis geeignet bin. Doch schon bei den ersten Schritten am Hang korrigiere ich innerlich mein bisheriges Wochenziel, nicht unterwegs zusammenzubrechen: Ich will zumindest am ersten Tag nicht zusammenbrechen.

Um zu simulieren, wie es sich anfühlt, einen Pulkaschlitten bergauf zu ziehen, muss man nur einen Crosstrainer im Fitnessstudio auf eine ziemlich hohe Stufe einstellen, sich dann einen Gurt um die Hüfte legen und jemanden bitten, bei jedem Schritt mit einem festen Ruck daran zu ziehen. In Grönland werden zu den 70 Kilo Gewicht noch einmal 50 Kilo hinzukommen. Und trotzdem gerate ich schon jetzt stark ins Schwitzen, bin langsamer als die anderen und extrem erleichtert über jede Fünf-Minuten-Pause. Wenn es bergauf geht, rutsche ich trotz der Kurzfelle unter meinen Skiern rückwärts. Besonders kräftezehrend ist das Anfahren am Hang, was nur mit einem kräftigen Hüftschwung möglich ist.

Anführer der Verfolger-Gruppe

Einmal muss Gregor meine Pulka übernehmen, weil ich einfach nicht weiterkomme an einer Schräge. Bei ihm sieht das Manöver relativ lässig aus. Der athletische 1,95-Meter-Glatzkopf arbeitet als Verkaufsleiter in einem großen Outdoorgeschäft und ist in unserer größtenteils aus ziemlich fitten Sportlern bestehenden Gruppe so etwas wie der Supersportler. Mit mehrtägigen Transalp-Radrennen, Trailrunning-Wettbewerben und Fahrrad-Ultramarathons hält er sich in Form, wenn er nicht gerade an irgendwelchen Nordwänden in den Alpen herumklettert. Seine Marathon-Bestzeit liegt deutlich unter drei Stunden.

Ich bin sehr erleichtert, als Expeditionsleiter Wilfried (Marathon-Bestzeit ebenfalls einschüchternd) endlich entscheidet, dass wir die Zelte aufbauen. Das kann ja heiter werden in Grönland.

Die nächsten Tage sind für mich ein Polar-Crashkurs. Ich lerne, dass man Schneeschaufeln und Skier abends immer senkrecht in den Boden rammt, damit sie am nächsten Morgen noch auffindbar sind. Wie man eine Schneemauer baut als Windschutz für die Zelte. Dass man sich beim Laufen etwa alle zwei Minuten umguckt, ob die anderen noch da sind. Und dass mein Wellness-Lauftempo, also das, bei dem ich mich kaum anstrengen muss, langsamer ist als das der anderen. Oder, positiv gesehen: Ich bin oft der Anführer der zweiten Gruppe, weil beim Gänsemarsch mit der Zeit die Lücke vor mir immer größer wird, aber hinter mir aus höflicher Zurückhaltung keiner überholt.

Ich lerne, sehr genau in mich hineinzuhorchen. Wie gut oder schlecht es mir gerade geht, kann ich vom Atemzug/Stockschlag-Quotienten ableiten. Ein Atemzug pro drei Stockschläge: alles entspannt. Zwei Atemzüge pro drei Stockschläge: ganz schön anstrengend. Drei Atemzüge pro drei Stockschläge: Stress. Viel zu oft trifft Letzteres zu. Ich ahnte nicht, wie sehr man sich nach der nächsten Pause sehnen kann.

Dazu macht auch noch der Pulkaschlitten Ärger. Immer wieder verrutschen die Gurte, die ähnlich wie ein Rucksack-Tragesystem angelegt sind. Plötzlich habe ich dann das ganze Gewicht auf dem Bauch statt auf der Hüfte, dann plötzlich den Großteil der Last auf der Schulter. Bei einer Acht-Stunden-Etappe raubt das einem den letzten Nerv, jeder einzelne Schritt tut weh. Und wer ständig anhalten muss, um den Gurt wieder neu zu justieren, kommt nie in einen vernünftigen Laufrhythmus.

Sichtweite: drei Meter. Finger: kalt.

Am dritten Tag erleben wir echte Whiteout-Bedingungen mit heftigem Sturm. Ich kann gerade noch den Schlitten vor mir erkennen und ab und zu einen der Äste im Boden, die als Routenmarkierung dienen. Aber die meiste Zeit ist es so, als würde man durch ein weißes Nichts laufen: Der Boden lässt sich vom Himmel nicht mehr unterscheiden. Meine Sonnenbrille beschlägt, mein rechtes Auge tränt vom Seitenwind. Auch Jan hat Probleme, seine Pulka ist zu hoch gepackt und fällt immer wieder um. "Das wäre schon einer der extremeren Tage in Grönland ", sagt Wilfried später.

Ich lerne, dass an meiner Hand zuerst Ring- und kleiner Finger, dann der Daumen, dann Zeige- und Mittelfinger frieren. Immer in dieser Reihenfolge. Wenn einem kalt ist, ist das schlimmer als die Anstrengung, schlimmer als Hunger oder Durst. Das alles spürt man erst wieder, wenn das Frieren aufgehört hat.

Ich lerne, dass Marzipan und Schokolade auf einer Wintertour zehnmal so gut schmecken wie zu Hause. Und selbst die Outdoor-Tütengerichte, bei denen nur noch warmes Wasser dazukommt, sind hier ganz erträglich.

Ich erfahre, wie sehr man unter solchen Bedingungen gute Ausrüstung zu lieben und schlechte zu hassen beginnt. Ich hasse nicht nur mein Pulka-Zuggeschirr, sondern zum Beispiel auch die Plastiktüten, die ich mir auf Anraten des Verkäufers immer in die Skischuhe stopfe, damit die nicht nass vom Schweiß werden. Sie reißen leicht und stinken abends extrem. Und meine Sonnenbrille hasse ich, die schon etwas zerkratzt ist und hier ständig beschlägt.

Verliebt bin ich dagegen in meine Daunenjacke, die ist wie Urlaub von der Kälte, pure warme Wonne. Die Wollunterwäsche, die sich trotz Schwitzens nicht kalt anfühlt. Die Daunen-Luftmatratze und den Schlafsack - der wiegt fast vier Kilo, ist aber jedes Gramm wert. Eine Hassliebe verbindet mich mit meinen norwegischen 600-Euro-Skischuhen: Einerseits habe ich mit denen wirklich nie kalte Füße - andererseits aber zwei riesige Blasen an der Ferse.

Zuletzt lerne ich noch, dass eine der besten Erfahrungen einer Expeditionsetappe die erste richtige Mahlzeit danach ist. Noch nie haben mir eine Banane, ein Stück Käse und eine Tomate so gut geschmeckt wie nach dieser Woche in Norwegen.

Dies ist ein gekürztes Kapitel aus "Opas Eisberg" von Stephan Orth. Hier können Sie das Buch direkt bestellen! 

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Autorenlesung in München: Donnerstag, 25.4., Buchhandlung Geobuch München, 19.30 Uhr.

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