Heli-Hiking in Alaska Mit dem Helikopter in die Wildnis

Die alte Goldgräberstadt Skagway ist Ausgangspunkt für ein Abenteuer, das es bislang nur hier gibt: Heli-Hiking - ein Panoramaflug mit dem Hubschrauber kombiniert mit einer Wanderung quer durch die Wälder Alaskas.

Von Hilke Maunder


Heli-Hiking: Der Helikopterpilot setzt die Wandertruppe am Warm Pass Valley ab
Hilke Maunder

Heli-Hiking: Der Helikopterpilot setzt die Wandertruppe am Warm Pass Valley ab

"Counter Assault" (Gegenwehr) steht auf der schwarzen Plastikflasche mit Bärenspray, die Bergführer Kip Wheeler, 33, noch schnell an seinem Gürtel befestigt, eher er in den Hubschrauber steigt. "So, wir können starten".

Sofort heben drei A-Star 350 Helikopter mit neun Gästen an Bord von der Temsco Base ab. Über die einstige Goldgräberstadt Skagway schweben sie und über Taiya Inlet, dem größten und mit bis zu 500 Metern tiefsten Fjord der Inside Passage. Craig Jennison zieht seine Maschine nach oben. 3885 Quadratkilometer blau schimmerndes Eis, Jahrtausende alt, erstreckt sich zwischen schwarz schimmernden Berggipfel - der Denver-Gletscher, das nördliche Ende der Juneau Ice Fields.

Verschnaufpause: Blick über den Skagway-River zum nahen kanadischen Grenzgebirge
Hilke Maunder

Verschnaufpause: Blick über den Skagway-River zum nahen kanadischen Grenzgebirge

Wie die namensgebenden Sägezähne ragen die Gipfel der Sawtooth Ridge vor dem breiten Panoramafenster auf. Nach 20 Minuten will Craig im unbewohnten Warm Pass Valley landen. "Warte!" ruft Kip, der den Landeplatz mit seinem Fernglas observiert. "Ein Schwarzbär!" Sekunden später spürt der Bär den heftigen Wind der Rotorblätter und verschwindet im Wald.

Das kleine Betonquadrat an der einstigen Bahnstrecke der White Pass & Yukon Route, auf der heute nur noch während der Saison einmal täglich ein Touristenzug verkehrt, ist Ausgangspunkt für ein Abenteuer, das bislang nur Skagway bietet: Heli-Hiking, eine Kombination aus Helikopterflug und Wandern. Das Terrain: der Tongass National Forest, mit 68.391 Quadratkilometern größtes Waldgebiet der USA. Mehr als 5000 Braunbären leben hier, dazu Tausende Schwarzbären, Berglöwen und Elche.

Hier leben Schwarzbären:Tourguide Kip Wheeler führt auf Plankenwegen durch den Wald, der den Skagway River säumt
Hilke Maunder

Hier leben Schwarzbären:Tourguide Kip Wheeler führt auf Plankenwegen durch den Wald, der den Skagway River säumt

Kips kleine Gruppe bleibt dicht beisammen, während der Führer das Gepäck entlädt. Tagesziel: der Lookout am Laughton Glacier. Entfernung: vier Meilen. Gehzeit: nicht unter drei Stunden. Die Stiefel sinken tief in das weiche Moos ein, verschwinden bis zum Rand in dem feuchten Waldboden. Unter stattlichen Sitka Spruce - die Rottanne ist der Nationalbaum Alaskas - blühen gelbe Buttercups. Immer wieder versperrt der Devil's Club mit Stängeln und Blättern voller Widerhaken den Weg. An einem Baum hängt die Rinde in Fetzen herab. "Hier hat kürzlich ein Bär seine Krallen gewetzt," doziert Kip. "Machen Sie jetzt lieber Lärm beim Gehen, erzählen Sie, lachen Sie laut."

Ob das Zotteltier vielleicht noch in der Nähe ist? Ein Bären sehen - live, ganz nah! Dieser Kitzel zwischen Angst und Aufregung lockt. Und bei Gefahr? "Bei Schwarzbären muss man kämpfen, den Bären anschreien, sich größer machen", sagt Kip. Nicht fliehen, sich umdrehen oder auf Bäume flüchten - der Bär käme hinterher. Bei Braunbären wie den Grizzlys helfe nur: sich tot stellen. Plötzlich wirkt die Flasche Bear Spray doch recht klein.

Nach einer Stunde folgt der Trail dem Skagway River. Große Granitblöcke blockieren den Fluss auf seinem Weg zur Taiya Bay. Hinter den Gebirgshängen am gegenüberliegenden Ufer beginnt Kanada. "Moose auf zehn Uhr!" ruft Kip. Das "Moose", eine Elchkuh, trinkt am Ufer und verschwindet im Unterholz, ohne jedoch nicht zuvor einige "Nuggets" zu legen. Bei den unscheinbaren Elch-Knödeln bricht bei den sonst so kruden Alaskern die Kreativität durch. Getrocknet und lackiert, werden sie in Supermärkten wie Souvenirläden als Ohrschmuck verkauft. Im Winter leuchten sie rot und silbern als Weihnachts-Deko; im Sommer fliegen die Elchhaufen beim Talkeese Moose Dropping Festival durch die Luft, Disziplin: Dungweitwurf. Hier fallen sie einfach zu Boden, sechs Stück, rollen unter den Farn und sind verschwunden. Das Sammeln ist vom Staat auf acht Stück begrenzt.

Der wohlverdiente kühle Schluck: Skagway-Bier mit Fichtennadelaroma
Hilke Maunder

Der wohlverdiente kühle Schluck: Skagway-Bier mit Fichtennadelaroma

Drei Stunden. Und kein Ende des Auf und Abs zwischen Felsbrocken, Wurzeln, Farnen. Jeder Schritt gleicht einem Balance-Akt. Immer wieder blockieren Rinnsale und kleine Schluchten, in denen sich meterdicke Baumstämme verkeilt haben, den Weg. Nur dort, wo im Winter Lawinen hinuntergegangen sind, öffnet sich der Blick auf eisbedeckte Zwei- bis Dreitausender. Nach der Laughton Cabin, einer einfachen Schutzhütte mit Feuerstelle vor der Tür, signalisiert ein Felslabyrinth den Aufstieg zum "Lookout". Mannshohe Granitblöcke stapeln sich aufeinander, mal locker, mal fester. Die hohen Fichten und Hemlock-Tannen weichen Buschwerk, dann Gras.

Die gefühlte Höhe beträgt weit über 2000 Meter, doch tatsächlich erreicht der Trail "nur" 600 bis 900 Meter. "Fürs Hochgebirgsfeeling sorgt die extreme nördliche Lage", sagt Kip. "Bei drei Monaten Sommer ist die Vegetationsperiode so kurz, dass nur alles langsam wächst - oder klein bleibt...Look at me: Just 1,68 metres!"

Eine halbe Stunde später hat auch der Letzte den Lookout erreicht: ein kleines Sandplateau mit atemberaubender Aussicht. In einigen Kilometern: das zerklüftete Eisfeld des Laughton-Gletschers, umgeben von tiefgrünen Tannen. Vor den Füßen: eiskaltes Bier aus Skagway - mit einem Hauch von "spruce", Fichte. Cheers!



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.