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22. November 2015, 09:51 Uhr

Heliskiing in Kanada

Bis die Oberschenkel glühen

Dieses weiße Pulver wirkt wie eine Droge: Beim Heliskiing in Kanada entwickeln Wintersportler schon bald Suchtsymptome. Zu viel Begeisterung kann allerdings gefährlich sein - wer sich nicht an die Regeln hält, bekommt Ärger mit dem Guide.

Die Schneekristalle wehen waagrecht durch die Luft, stechen ins Gesicht. Jeder duckt sich, um nicht umgeblasen zu werden, der Lärm ist ohrenbetäubend, eine Verständigung unmöglich. Wenige Sekunden später hört der Sturm auf, die Sonne scheint vom wolkenlosen Himmel, ringsum glitzert der Pulverschnee - und es ist absolut ruhig.

Die Stille inmitten des Gipfelmeers der Selkirk Mountains wirkt fast schon etwas unheimlich, der Ausblick auf die unberührten Berge ist grandios. Der Hubschrauber, der eben noch den mächtigen Sturm verursacht hat, ist hinter der nächsten Bergkuppe verschwunden, zurück bleiben Phil, der Guide, und elf bunte Skifahrer, die es kaum mehr aushalten, endlich ihre Schwünge im Powder zu machen.

Der 36-jährige Phil arbeitet seit acht Jahren ganzjährig als Heliguide, im Winter in Kanada, im Sommer in Neuseeland. Wie viele Tage er auf Skiern steht? "Keine Ahnung", sagt Phil, "ich zähle nicht in Tagen, sondern in Wochen. Allein in Kanada sind es bereits zwölf, über das ganze Jahr werden es wohl 25 Wochen sein." Seit neun Wintern wohnt er bereits in Revelstoke, einer Kleinstadt mit rund 7500 Einwohnern am Columbia River nahe British Columbias Grenze zu Alberta. Gleich daneben erheben sich die Selkirk- und Monashee-Mountains, sein Arbeitsgebiet.

Die Voraussetzungen sind bestens: Heliskianbieter Selkirk Tangiers fliegt in einem über 2000 Quadratkilometer großen Gebiet mit bis zu 3000 Meter hohen Gipfeln. Die durchschnittliche Länge der rund 200 Abfahrtsmöglichkeiten beträgt 1000 Höhenmeter, und Schnee gibt es mehr als genug - rund neun Meter sammeln sich über den Winter an. Bei solchen Aussichten bemüht sich Phil, ein bisschen die Euphorie zu bremsen: "Vergesst nicht: Ich fahre voraus, keiner überholt mich, Abstand halten - und ihr fahrt rechts von meiner Linie, Spur an Spur".

Wer zu weit fährt, gibt eine Runde aus

Weg ist er, verschwunden hinter dem glitzernd auffliegenden federleichten Schnee. Lässig carvt er mit seinen breiten Latten durch den Pulverschnee, und bevor der erste der Gruppe überhaupt startet, steht Phil schon im Auslauf des Hanges und schaut, wo sie bleiben. Sieht einfach aus, doch beim Blick zurück zeigt sich deutlich, dass nicht jede Spur so elegant wie die von Phil ausfällt.

Manche haben auch Probleme mit der Kondition: Schwer atmend und mit brennenden Oberschenkeln halten die ersten schon nach wenigen Schwüngen an, um Luft zu holen. Für den Guide nichts Neues, er kennt das und nimmt Rücksicht auf die Langsamen der Gruppe. Doch bei manchen Dingen versteht er keinen Spaß: "Wenn wieder einer nicht aufpasst und seine Spur woanders legt oder unterhalb von mir abschwingt, gibt er eine Runde aus". Heliski ist ein Traum, die Krönung eines Skifahrerlebens. Allerdings nur, falls das Wetter und die Schneeverhältnisse mitspielen und das nötige Kleingeld vorhanden ist.

Selbst eine günstige Kombination mit vier Skitagen in British Columbia und zwei Tagen Heliski (6000 Höhenmeter) kostet inklusive Übernachtung, Flug und Skitickets mehr als 3000 Euro. Wer eine ganze Woche Heliski bucht (sechs Tage, 26.000 Höhenmeter), muss mit dem Doppelten rechnen. Ein teurer Spaß, aber einer, der süchtig macht. Da wird gerne einmal unvernünftig weitergefahren, obwohl die Beine schmerzen und die inkludierten Höhenmeter abgefahren sind.

Das kann die Urlaubskasse noch mehr belasten, denn jeder weitere Run muss extra bezahlt werden. Wer hört schon freiwillig auf, wenn die Bedingungen perfekt sind und jede Abfahrt ein Traum ist? Hinter jedem Bergrücken liegt ein neues Tal, und an jedem Gipfel locken neue Hänge, die nur darauf warten, dass sie endlich befahren werden.

Landeplatz gesucht bei schlechter Sicht

Der nächste Tag beginnt mit enttäuschten Gesichtern. Es schneit. Der von allen so ersehnte blaue Himmel ist mit einem milchigen Weiß überzogen, die Stimmung auf dem Tiefpunkt. Nicht so bei den Guides, die bereits die Ski für die Fahrt zur Heli-Base in den Van laden. Schließlich kann das Wetter ein paar Täler weiter ganz anders sein, außerdem gibt es auch traumhafte Abfahrten zwischen den Bäumen. Genau so kommt es. Zwar herrscht oberhalb der Baumgrenze Whiteout, die Schneeflächen gehen scheinbar direkt in den weißen Himmel über, doch unterhalb davon reichen die Bäume als Kontrast, damit der Hubschrauberpilot gefahrlos landen kann.

"Dont't look at the tree, look at the white", gibt Phil noch Verhaltensregeln mit, "und fahrt zu zweit, damit ihr euch im Falle eines Sturzes gegenseitig helfen könnt." Weg ist er, verschwunden zwischen den Bäumen. Nur seine Spur hilft, im Wald nicht die Orientierung zu verlieren. Bei den Schwüngen durch den hüfthohen Schnee hellen sich die Mienen schnell auf.

Dank der extrabreiten Tiefschneebretter ist Treeskiing die reinste Freude. Inmitten einer Lichtung bereitet Phil bereits den Landeplatz für den Heli vor und nimmt die Ski entgegen, während sich die Gruppe in den Schnee kauert. Dann zieht der nächste Sturm herauf. Gekonnt öffnen die nun Tiefschneesüchtigen die Türen der Bell 205, steigen ein - und stehen schon wenige Minuten später am Start des nächsten Runs.

Stefan Herbke/srt/sto

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