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10. April 2007, 07:26 Uhr

Heliskiing in Neuseeland

Wilder Ritt durch Champagner-Schnee

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"No friends on powder days" - wenn der Pulverschnee glitzernd staubt und unberührte Hänge warten, kennt der Variantenfahrer kein Pardon. Der wilde Ritt durch Neuseelands schroffe Southern Alpes ist der ultimative Traum aller Tiefschneefans.

Abrupt beendet das laute Klingeln des Telefons um 6 Uhr den Schlaf. Und schlagartig ist alle Müdigkeit dahin: "Heute stimmt alles, perfekte Verhältnisse, um 8 Uhr geht es los!", verkündet die Stimme am Telefon. Die Ausläufer eines antarktischen Tiefs haben in der Nacht für einen der plötzlichen Wetterstürze gesorgt, die in den Southern Alps auf der Südinsel von Neuseeland typisch sind.

Das Resultat ist der Stoff, aus dem Skifahrerträume gemacht sind: Strahlend geht die Sonne über einem wolkenlosen Himmel auf, darunter glitzern mehr als 30 Zentimeter frischen Pulverschnees auf den Gipfeln der Arrowsmith Range. Das Bergmassiv auf der Ostseite der Alpen ist eines der Anfluggebiete des Heliski-Anbieters Alpine Guides – und damit das Ziel am heutigen Tag.

Bevor es aber in die Luft geht, stehen zwei Etappen auf vier Rädern an. Schnell sind die Geländeski im Auto verstaut, dann geht es los über die noch menschenleeren Straßen der Provinzhauptstadt Christchurch in Richtung des Wintersportorts Methven. Dazwischen liegen 60 Kilometer Fahrt über die Ebene von Canterbury, vorbei an Farmhäusern und Viehherden. Jäh ragt hinter dem Flachland die Wand der neuseeländischen Alpen auf.

In Methven angekommen, ist das Umsteigen in einen Jeep von Alpine Guides erforderlich. Warum, das wird schon bald klar: Nach einigen Kilometern über eine Landstraße biegt der Fahrer links ab auf eine schlaglochübersäte Schotterpiste. Entlang des gewaltigen Bettes des Rakaia-Flusses rumpelt das Fahrzeug seinem Ziel entgegen, verlangsamt nur durch Sturzbäche und kleine Gruppen freilaufender Merino-Schafe. Nach einer knappen Stunde ist die Scherstation Glenfalloch erreicht.

Kein Pardon beim Spurenlegen

Der idyllische Farmkomplex dient als Basis für die Helikopter von Alpine Guides. 16 Gäste aus aller Welt versammeln sich schließlich auf der Veranda des Hauses, wo sie von den Bergführern begrüßt und in Gruppen zu je vier Personen aufgeteilt werden. Dieses Vorgehen hat zwei Gründe: Einerseits kann der Hubschrauber nur fünf Personen pro Flug transportieren, andererseits sollen möglichst homogene Skigruppen geschaffen werden, um die Gefahr langer Wartephasen für die Kunden durch Stürze oder Probleme schwächerer Skifahrer zu vermeiden.

Als Grundlage für die Einteilung dient die skifahrerische Selbsteinschätzung. "No friends on powder days", kommentiert einer der Gäste das Geschehen. Der Satz ist ein ungeschriebenes Gesetz und bedeutet übersetzt, dass Variantenfahrer auf der Suche nach unverspurtem Neuschnee kein Pardon geben.

Zwar ist Heliskiing ein Luxusvergnügen und über die Umweltverträglichkeit wird immer wieder gestritten. Trotzdem gibt es nur wenige Tiefschneefans, die nicht davon träumen. Gerade für Besucher aus Europa ist ein Tag in Neuseeland ein willkommener Kontrast zu den Alpen, wo man sich nach ergiebigen Schneefällen Ringkämpfe um die beste Position in den Liftschlangen liefern muss.

Auch die Preisgestaltung ist vergleichsweise moderat. So verlangt man bei Alpine Guides für ein Basispaket, also fünf Abfahrten zwischen 800 und 1200 Höhenmetern, 825 neuseeländische Dollar, was ungefähr 450 Euro entspricht. Enthalten sind in diesem Preis der Service des Guides, das Mittagessen und die Benutzung von Verschüttetensuchgeräten. "Diese dürfen im Gelände nicht fehlen", erklärt Guide Jonathan Morgan den Gruppenmitgliedern, "denn trotz aller Sicherheitsmaßnahmen kann im hochalpinen Gelände das Restrisiko eines Lawinenabgangs nie ganz ausgeschlossen werden." Nachdem jedes Mitglied der Gruppe ein verstecktes Gerät aufspüren kann, geht es endlich los.

Grandioses Bergpanorama und Stille

Der Hubschrauber startet und hat nach wenigen Minuten die frühlingshafte Idylle im Tal hinter sich gelassen, man taucht ein in die hochalpine Szenerie der Arrowsmiths mit ihren Felszinnen und Steilwänden. Am Startpunkt der ersten Abfahrt kauern sich die Gäste nach dem Aussteigen zusammen, während der Guide die Skier aus der Box lädt. Sofort hebt der Hubschrauber wieder ab und taucht die Gruppe in eine Schneewolke. Dann lenkt der Pilot das Fluggerät auf direktem Weg zurück nach Glenfalloch. Das Prinzip, alle vier Gruppen von nur einem Helikopter bedienen zu lassen, ist ebenso einfach wie für Heliski-Novizen überraschend: Während drei Gruppen mit ihren Abfahrten beschäftigt sind, fliegt die vierte Gruppe jeweils den nächsten Startpunkt an.

Für einen kurzen Moment genießen alle das grandiose Bergpanorama und die Stille, nur unterbrochen vom Geräusch des eigenen Atems. Dann klicken die Bindungen und geht es mitten hinein ins Vergnügen. Der Guide legt die erste Spur in den Pulverschnee, die Gruppe folgt. Schwung an Schwung reiht sich aneinander, der sanfte Trampolineffekt des Tiefschnees und das Glitzern der aufgewirbelten Schneekristalle berauschen die Sinne.

Schließlich hält Jonathan an einem Flachstück an. "Genial, der Schnee hat die gleiche Qualität wie in den Staaten", sagt David Stevens, ein pensionierter Pilot aus San Diego. Auch das Grinsen auf Jonathans Gesicht verrät, wie er trotz aller Professionalität die Abfahrt genossen hat. "Ihr habt wirklich Glück, es hat bis tief nach unten geschneit. Heute kommen auf jeder Abfahrt rund tausend Höhenmeter zusammen", macht er Appetit auf mehr. Dann geht es weiter ins Tal, wo wenige Minuten später bereits das vertraute Geräusch der Rotoren zu hören ist.

Drei Stunden und mehrere tausend Höhenmeter später treffen sich alle Gruppen zum Mittagessen mitten im Hochgebirge. Jedem Gast ist die tiefe Befriedigung über das bisherige Tageswerk anzusehen. Nach der Stärkung steht die vermeintlich schwerste Entscheidung des Tages an, denn schon bis zur Pause sind die im Basispaket enthaltenen fünf Abfahrten zusammengekommen. Für jeden weiteren Flug werden jetzt einhundert Dollar pro Person fällig.

Doch die Beratung dauert nur kurz, dann votiert die eigene Gruppe für drei weitere Runs. "Lasst uns jetzt aber noch anspruchsvollere und längere Abfahrten anfliegen", formuliert der Australier Craig Fetterplace den Wunsch aller. Der Farmer besitzt ein Haus in Methven und ist Stammgast bei Alpine Guides. "Kein Problem", meint Jonathan, und tatsächlich hält der Nachmittag den Höhepunkt des Tages bereit.

Der nächste Anruf. "Morgen gibt's beste Bedingungen"

Der Helikopter fliegt einen schmalen Gipfelgrat an, und während die Gruppe auf der sanft geneigten Seite aussteigt, schwebt das Cockpit bereits über einem gähnenden Abgrund. Der obere Teil der Abfahrt besteht aus steilen Rinnen, die zur Sicherheit nur einzeln befahren werden dürfen. Das Geländes erzeugt Nervenkitzel, Erinnerungen an die Vorderseite des Mt. Gele in Verbier oder die Scharten unterhalb der Saulire in Courchevel werden wach. J

etzt ist schnelles Umspringen gefordert, teilweise wird es so eng, dass man das Gefühl hat, mit den Skispitzen in den scharfen Felsen am Rand hängen zu bleiben. Dann weitet sich das Gelände zu einer gigantischen Schneeschüssel, nun geht es mit hohem Tempo und langen Radien entlang der Skitaillierung talwärts. In der Heimat hätte man bei diesem Vorgehen ein schlechtes Gewissen ob der Vergeudung knapper Pulverschneeressourcen. Hier verschwendet man keinen Gedanken daran. Nach knapp 1200 Höhenmetern ist der wilde Ritt zu Ende, und damit auch der Skitag.

Der Helikopter bringt alle Gruppen wohlbehalten nach Glenfalloch, wo die Gäste Zeit und Muße haben, die Erlebnisse Revue passieren zu lassen. "Das war einer der besten Tage in den letzten zehn Jahren", meint Craig bei einem Glas Bier, das im weichen Licht der untergehenden Sonne golden leuchtet. In der Dämmerung geht es schließlich über Methven zurück nach Christchurch. Auf dem Anrufbeantworter findet sich spät am Abend die Nachricht eines Freundes: "Morgen gibt es beste Bedingungen, das müssen wir ausnutzen!" Allerdings redet er nicht vom Skifahren, sondern vom Surfen. Das Tief in der Nacht hat nämlich nicht nur für Neuschnee in den Bergen gesorgt, sondern auch für eine ordentliche Brandung am Strand von Christchurch.

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