Berg mit Meerblick: Der Pico Duarte ist mit 3098 Metern der höchste Berg der karibischen Welt
Berg mit Meerblick: Der Pico Duarte ist mit 3098 Metern der höchste Berg der karibischen Welt
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Claus Hecking

Wale, Wandern, Wasserfälle Hier ist die Dominikanische Republik am schönsten

Um die Dominikanische Republik zu entdecken, macht man am besten fern der Strandresorts selbstbestimmt Urlaub. Unser Autor stand auf dem höchsten Berg und an schillernden Wasserfällen.
Von Claus Hecking

Hätte ich bloß die Daunenfäustlinge eingepackt, für die Reise in die Karibik.

5.55 Uhr morgens: Reif überzieht die Kiefern um uns herum. Ein eisiger Wind schneidet auf die Hände, durch die Socken hindurch, die ich mir in der Not übergestreift habe. Die Finger werden starr, ich ziehe den Reißverschluss meiner Skijacke ganz hoch.

Im Sternenlicht zeichnet sich vor uns eine dreieckige Silhouette ab: der Gipfel des Pico Duarte. Die Zeit läuft ab – zum Sonnenaufgang um 6.53 Uhr müssen wir drei Bergsteiger oben sein.

3098 Meter misst der Pico Duarte, der höchste Berg der Dominikanischen Republik, ja der ganzen karibischen Welt. Keine 70 Kilometer Luftlinie trennen ihn vom Meer. Aber hier oben auf 2900 Meter Seehöhe erscheinen die Sandstrände und rot gebrannten Urlauberscharen von Punta Cana und Puerto Plata Lichtjahre entfernt.

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Dominikanische Republik: Eine Inselhälfte mit vielen Stränden

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»An diesem Tag werden höchstens fünf Menschen auf dem Gipfel stehen«, sagt Victor Serrata, der Guide, während er sich von seinem Maultier den Berg hochtragen lässt. Drei Touristen und zwei Bergführer haben in der einzigen Hütte auf dem 23 Kilometer langen Weg zwischen dem Dörfchen La Cienaga und dem Gipfel übernachtet. In einer Blechkonstruktion ohne Strom, ohne fließendes Wasser, ohne Heizung, ohne All-you-can-eat-Büfett.

Zum Abendessen gab es Bohnen, Reis und Dosenbier am Lagerfeuer. Und Victor Serrata, 52, Schnauzer und Bäuchlein, der das Meer seit Jahren nicht mehr aus der Nähe gesehen hat und den ganzen Aufstieg lang auf dem Maultier saß, hat von seiner letzten Ernte erzählt: Kartoffeln, Mais, Yams, er ist ja hauptsächlich Bauer. Der Pico Duarte ist der maximale Kontrast zur Welt des Massentourismus.

»Ballermann der Karibik«. So wird die Dominikanische Republik von vielen genannt, die noch nie da waren. Sonne und Strand, Sauf- und Sextourismus – die »DomRep« hat ein Imageproblem. Hier und da stimmen die Klischees ja auch: in Punta Cana oder Puerto Plata etwa. Dort, wo Urlaubergruppen vom Flughafenausgang mit Bussen direkt hinter meterhohe Resortmauern transportiert werden – die manche Besucher bis zum Ende des durchorganisierten Vergnügens nicht mehr verlassen.

Doch die »DomRep« ist besser als ihr Ruf. Abwechslungsreicher, farbenprächtiger, wilder.

Sehnsuchtsort auf der Samaná-Halbinsel

Um ihre Schönheiten zu entdecken, müssen Besucherinnen und Besucher nicht unbedingt eine 46 Kilometer lange Pico-Duarte-Wanderung auf sich nehmen. Es reicht, sich für 10, 12, 14 Tage ein Auto zu mieten. Und selbstbestimmt Urlaub zu machen auf der Insel Hispaniola, die sich die Dominikanische Republik und Haiti teilen.

Las Galeras ist so ein Sehnsuchtsort. Weiße, Hunderte Meter lange Palmenstrände mit azurfarbenem Wasser reihen sich aneinander, rund um den Fischerort auf der Samaná-Halbinsel im Nordosten der Insel. Manche dieser Strände hat man für sich in diesem Frühling, obwohl die offiziellen Coronainfektionszahlen stark gesunken sind. Denn in Las Galeras gibt es nur ein einziges, überschaubares Resort; die meisten Touristen nächtigen hier in Privatunterkünften.

Manchmal, so behaupten örtliche Vermieter, könne man vom Strand aus sogar die Buckelwale sehen, die sich von Mitte Januar bis Ende März vor der Küste tummeln, um ihre Jungen zu säugen. Wer ihnen näher kommen will, kann sich von den örtlichen Fischern rausfahren lassen. Allerdings ist das gerade bei Wellengang eine wackelige und nicht ungefährliche Angelegenheit. Größere, stabilere Ausflugsboote legen vom Nachbarort Samaná ab – ungefähr zum selben Preis, rund 50 US-Dollar pro Person, aber mit deutlich mehr Menschen.

Gut viereinhalb Stunden dauert die Fahrt von Punta Cana hierher. Unterwegs gibt es einiges zu entdecken: allen voran den Salto Socoa, einen Bilderbuch-Wasserfall mitten in Regenwald mit Naturpool. In dem smaragdfarbenen, warmen Wasser können auch mäßige Schwimmer planschen und baden. Touristenmassen verirren sich nur selten hierher. Der Parkplatz kostet ein paar Pesos, dafür wacht ein junger Mann den ganzen Tag lang darüber, dass den Gästen nichts passiert.

Wer immer mal in einem Wasserfall baden wollte, hat in der Dominikanischen Republik große Auswahl: Der vielleicht schönste ist der zitronenfarbige Salto Limón auf der Samaná-Halbinsel: erreichbar per Fußmarsch oder Maultierritt durch den Regenwald.

Der Salto Jimenoa nahe Jarabacoa in der Landesmitte ist berühmt für die Regenbögen, die sich manchmal über dem Wasser bilden. Und in den 27 Fällen von Damajagua kann man nicht nur schwimmen. Man kann einige von ihnen auch herunterspringen oder herunterrutschen. Das allerdings nur gegen Eintritt, unter Aufsicht eines Führers – und als Mitglied einer Tourgruppe, die am Parkeingang gebildet wird.

Knallbunte Torte für die Gringos

Bis vor einigen Monaten waren noch Russen eine der wichtigsten Klienteln. Doch die schaffen es seit Wladimir Putins Überfall auf die Ukraine kaum noch in die Dominikanische Republik. Ihre Bank- und Kreditkarten funktionieren oft nicht mehr, wegen der westlichen Sanktionen.

Eurowings und Condor bieten Direktflüge nach Punta Cana an. Mit Umsteigeverbindungen fliegen unter anderem auch die portugiesische TAP, die spanische Iberia oder Air France in die Dominikanische Republik.

Und so sind die meisten Menschen, die sich diesen Frühling in Damajagua und an vielen Stränden vergnügen, Einheimische: Dominikanerinnen und Dominikaner auf Kurzurlaub in ihrem Land. Sie sind oft fröhlich, gesprächig, für deutsche Ohren laut. Ihre Musikboxen schleppen manche sogar durch den Regenwald zum Wasserfall. Und wenn sie am Strand Geburtstag feiern, bekommen auch die Gringos daneben ein paar Stück knallbunt verzierte Torte ab.

Am stärksten brodelt das Leben in der Hauptstadt Santo Domingo am Rio Yaque del Sur. Hier, wo der wichtigste Fluss der Insel in die karibische See mündet und einen natürlichen Hafen bildet, errichteten die spanischen Eroberer vor einem halben Jahrtausend einen Stützpunkt – von dem aus ein Bruder von Christoph Kolumbus die Insel regierte.

Die Spanier hinterließen der Nachwelt ein schmuckes Kolonialviertel mit Kathedrale und einem Bilderbuchfort, von dessen Turm man weit über die Altstadt blicken kann. Und an der Ozeanpromenade treffen sich abends die Jungen, singen und skaten, trinken und tanzen, auch bei 30 Grad Hitze.

Auf dem Pico Duarte ist alles anders. Hier wird es noch mal richtig zugig und fröstelig, kurz nach halb sieben, auf den letzten Metern vor dem Gipfel. Dafür erleuchtet ein sattes Morgenrot den Himmel. Dann zeigen sich die ersten Sonnenstrahlen, über einem Meer aus Wolken und Bergkuppen. Sie tauchen die Wolken in Orange, Rot, Gelb. Wir Touristen fotografieren und genießen die Aussicht über die Insel.

Als wir eine Stunde später wieder absteigen, müssen wir mehrmals anhalten, um unsere Skijacken auszuziehen. So warm ist es plötzlich, 3000 Meter über Normalnull. Karibik bleibt Karibik.