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Skigebiet Telluride: Weiße Weine und schwarze Pisten

Foto: AP/ Colorado Ski Country

Höchste Weinbar der USA Erst Buckelpiste, dann Barolo

Auf 3600 Meter Höhe schmecken Pinot Grigio und Chardonnay noch mal so gut: Die höchste Weinbar Nordamerikas im Edel-Skigebiet Telluride gibt sich alle Mühe, Skifahrer von der Rückkehr auf die Piste abzuhalten. Befremdlich wirkt nur die bayrische Bierzeltmusik.
Von Barbara Schaefer

Der Alkohol und die Höhe, verträgt sich das überhaupt? "Wir mussten jedenfalls noch nie die Bergwacht holen", beteuert Cathy Schwindt. Dann stellt sie einen flight auf den Tisch im Freien, drei verschiedene Weißweine. Sie trägt ein Dirndl und serviert auf 11.996 Fuß Höhe, also auf 3656 Meter. Das Alpino Vino im Skigebiet von Telluride ist die höchstgelegene Weinbar Nordamerikas, aber alles andere als ein Après-Ski-Treff. "Bei uns nippen die Skifahrer an einem Glas Wein, sie kommen nicht, um zu feiern und sich zu betrinken", sagt Schwindt.

Probleme mit Betrunkenen habe es hier noch nie gegeben. Und das, obwohl der Wein auf der Höhe ganz schön knallt. Schon die drei leichten Weißweine aus Italien, ein Gavi, ein Vernaccia und ein Pinot Grigio, seien mit Vorsicht zu genießen, wenn man sich in den Pisten der Kategorie "Double Diamond Black", den extraschweren Hängen, verausgabt hat. Ganz zu schweigen davon, was ein 2005er Barolo von Domenico Clerico anrichten kann. Der wird hier für 190 Dollar die Flasche ausgeschenkt.

Das Alpino Vino sieht aus wie eine ganz normale Alpen-Skihütte. Aber für ein amerikanisches Wintersportgebiet ist das alles andere als normal. "In Europa gab es lange schon Dörfer in der Höhe, dann erst entstanden Skigebiete, bei uns ist das anders herum." Der Skiort Mountain Village wurde erst in den siebziger Jahren für Skifahrer gebaut, der Talort Telluride entstand im 19. Jahrhundert, als in den San Juan Mountains Silber gefunden wurde. "Hier gab es keine Almen, keine Weiden, deshalb keine Häuser, keine Hütten, keine Scheunen. Die Gegend war nie bewohnt, auch die Ute-Indianer zogen nur durch." Wer sollte sich auch auf über 3000 Meter Höhe niederlassen, mit acht Monaten Winter im Jahr. Wer, wenn nicht Skifahrer.

Von Hasenbergl nach Colorado

Das kleine Steinhaus mitten im heutigen Skigebiet wurde 1980 gebaut, Privatleute aus Telluride hatten einen mining claim gekauft. Mining claim, das klingt nach Goldrausch und Jack London, aber so heißen hier noch immer die Grundstücke. Viel Zeit verbrachte die Familie nicht hier oben, es ist zu kalt, es gibt zu viel Schnee. Aber Ulli Sir Jesse liebt die Region: "Ach, im Alpino Vino wart ihr." Da habe sie früher manchmal übernachtet, sich gefühlt wie mitten im Sternenhimmel.

Die 60-Jährige ist in Nürnberg aufgewachsen, was deutlich zu hören ist. Auch wenn die ehemalige Lehrerin schon vor über 20 Jahren von der Gesamtschule im Münchner Hasenbergl in die Wildnis Colorados geflüchtet war. Hier gibt sie Klavierunterricht und führt Gäste auf Schneeschuhen durch den Wald.

Auf der Sonnenterrasse spiegelt sich die Wilson Range in den Weißweingläsern. Würde man Flaschenbier bestellen, hätte man das Panorama verdoppelt. Nicht wegen des Alkoholkonsums - die Gebirgskette ziert das Coors-Etikett. Die Schneeberge blitzen um die Wette mit den strahlend weiß gebleichten Zähnen der Gäste. In diesem abgelegenen Skigebiet fahren fast nur Amerikaner. Die wenigen Europäer lockt der Champagne Powder an, der unglaublich leichte und trockene Schnee, der auch an einem sonnigen Tag nie pappt.

Doch auch für die Amis dürfte Telluride exotisch sein. Das denkmalgeschützte Bergarbeiter-Städtchen sieht immer noch beinahe so aus wie zu Zeiten des Schwerverbrechers Butch Cassidy, der hier seine erste Bank überfiel, worauf sie hier heute irgendwie stolz sind. Nur hört man nun statt Pferdegetrappel das tiefe Brummen der SUVs.

Hinter den Western-Fassaden hat keine einzige Filiale eines Schnellrestaurants Unterschlupf gefunden. Kein McDonald's, kein Burger King, nicht mal Starbucks gibt es hier, das soll Amerika sein? Feine Burger brät der Floradora Saloon, den XL-Cappuccino servieren lokale Coffee-Shops. Prächtige Wapitihirsch-Steaks füllen die Teller im Allred's an der Mittelstation. Zu diesem gehört auch das Alpino Vino, wie hier einfach alles zusammengehört, da alle Restaurants am Berg von der Liftgesellschaft betrieben werden.

Ein bisschen wie im U-Boot

Das Alpino Vino öffnete 2009 und wird angepriesen als "European Hütte", wie man sie überall in den Dolomiten Norditaliens finden könne. Und im Gegensatz zu landschaftlich zahmen Skigebieten wie etwa Aspen erinnern die schroffen Berge hier tatsächlich an die Alpen. Ist es riskant, Wein auf dieser Höhe zu lagern? Cathy Schwindt verneint, ein oder zwei korkende Flaschen im Monat hätten sie zu beklagen, auch nicht mehr als in einem tiefer gelegenen Lokal. 1000 Flaschen Wein lagern in den Wärme- und Kühlschränken des Alpino Vino oder, wie es die Weinliste formuliert, 100 verschiedene Weine aus zehn Ländern.

Das Kochen ist allerdings nicht ganz einfach, was aber weniger an der Höhe des Lokals liegt als an der Enge in der Küche. "Hier geht es zu wie in einem U-Boot", sagt Koch Ryan McMurdock. Bei manchen Produkten müsse er sich aufgrund der Höhe umstellen, man nehme mehr Eier, mehr Mehl beim Backen. Aber für alles andere sorge der edle Heißluftofen, ein Konvektomat. Der arbeite immer gleich, egal, auf welcher Höhe er steht. Eine Mikrowelle hat er nicht. "Wir sind ein gutes Team", ruft Schwindt und trägt dann das nächste Tablett mit Weingläsern hinaus.

Auch Schwindt ist in Nürnberg geboren, aber sie spricht fast kein Wort Deutsch. Ein Army-Kind sei sie gewesen, bald schon ging es zurück in die Staaten. Und ihr Dirndl, hat sie sich das aus der alten Heimat schicken lassen? Oh no, Cathy lacht, so etwas gibt es auch in Telluride, ihre vier Dirndl hat sie bei Schaussi's Alpen Schatz gekauft. Der Laden preist Traditionelles aus den versteckten Tälern der Alpen an. Wie das Original Schweizer Hundehalsband. Sein Herstellungsgeheimnis sei seit Jahrhunderten vom Vater auf den Sohn weitergegeben worden. Alpine Mythen.

Bierzeltmusik und Heizstrahler

Die Lautsprecher schicken bayerische Bierzeltmusik über die Terrasse des Alpino Vino. Das finden höchstens deutsche Besucher befremdlich. Die Gäste schälen sich aus den Lümmelliegen, die sind mit Schaffell bedeckt, von oben wärmen Sonne und Heizstrahler. Wie soll man jetzt bloß zum Gold-Hill-Express-Skilift kommen? Es ist weniger ein logistisches als ein konditionelles Problem. Dem erst kürzlich eingeflogenen europäischen Gast setzt die Höhe zu.

Glücklicherweise muss man am Nachmittag nicht wieder in die aberwitzigen Buckelpisten oder gar in die Gold Hill Chutes, steile Rinnen, zu denen Skifahrer am Grat entlang aufsteigen, sofern die Pistenwacht die Coloirs zum Fahren frei gegeben hat. Am Vormittag war das der Fall, aber am Nachmittag, nach dem Abhängen im Alpino Vino, erspart man sich das. Ist doch das Skifahren auf den weiten präparierten Pisten so entspannt. Wenige Skifahrer sind unterwegs, die Lifte sind langsam. Es ist keine Eile geboten, nie muss man Schlange stehen.

Gemütlichkeit prägt auch das Leben im Tal: Wer einen Tag ohne Sport entspannen will, der flaniert durch die Straßen von Telluride, was nicht lange dauert. Theoretisch könnte man Tom Cruise, der hier mit seiner Großfamilie zeitweise lebt, beim Einkaufen treffen. Wenn ein gelber Ferrari auf Rinnsteinhöhe vorbeibrummt, könnte man einen Blick riskieren, Ralph Lauren fährt so einen, wenn er nicht um seine riesige Double R Ranch reitet.

In den siebziger Jahren hatte eine zweite Goldgräberstimmung das Minenstädtchen erfasst. Das Straßenbild änderte sich, nicht die Häuser, sondern die Menschen. Zu den abgearbeiteten Minenarbeitern kamen plötzlich langhaarige Hippies. Blumenkinder. Skifahrer. Heute ist Telluride edel geworden. Auf 2500 Einwohner kommt die doppelte Zahl an Gästebetten. Im Chocolate Shop von Telluride Truffle kostet eine handgebastelte Schokopraline drei Dollar.

Einen Lift, den mit der Nummer zehn, nennen sie den Immobilien-Lift: Die Skifahrer schweben an der ehemaligen Villa von Oprah Winfrey vorbei, die bereits wieder verkauft ist. Skiguides deuten auf so manches Zwei-, Zehn- oder Zwölf-Millionen-Dollar-Anwesen. Das große Geschäft aber sind Condos, Eigentumswohnungen, vornehmlich in Hotels: "Own the Peak", wirbt eine Edelabsteige um Käufer. Heute gibt es in Telluride keine Hippies mehr, sagt die Frau im örtlichen Museum: Die seien alle Immobilienmakler geworden.

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