Hospitality-Internetseiten Von Allah gesandte Gäste

Es gehört einiges an Vertrauen dazu, bei wildfremden Leuten zu übernachten, die man nur aus ein paar E-Mails kennt. Oder kostenlos einen Unbekannten aufzunehmen. Doch Hunderttausende von Reisenden machen genau das – und erleben so manche Überraschung.

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Für Luis Garcia begann der Aufenthalt im verschlafenen lettischen Dörfchen Smiltene mit einer guten und einer schlechten Nachricht. Seine Gastgeberin Mara schrieb in einer E-Mail, sie und ihre ganze Familie seien leider unerwartet doch nicht zu Hause. Sie entschuldigte sich und erwähnte dann noch ihre Adresse, wo der Schlüssel versteckt sei und wie alles im Haus funktioniere. Ohne ihn je getroffen zu haben.

Couchsurfer Garcia in Lettland: "Die Atmosphäre war unglaublich"
Luis Garcia

Couchsurfer Garcia in Lettland: "Die Atmosphäre war unglaublich"

"Das Haus war uralt und heruntergekommen, ohne Badezimmer oder Ofen – aber die Atmosphäre war unglaublich", erinnert sich der Portugiese. "Ich duschte im Regen und wusch meine Kleidung in einem See." Ein paar Tage später kam die Familie zurück. Sie teilten, was zu essen da war, und abends gab es Konzerte auf einem uralten Klavier. "Alle konnten phantastisch spielen, und ich habe selten so eine herzliche Familie erlebt wie dort."

Von Zeltplatz bis Designer-Suite

Luis Garcia ist Mitglied bei Couchsurfing , einer Internet-Community, auf der Reise-Fans kostenlose Unterkunft anbieten. Das Spektrum reicht von der Luftmatratze auf dem WG-Fußboden bis zum King-Size-Bett im Gästezimmer mit Designer-Bad, vom Zeltplatz im Garten bis zum Hausboot. Wer sich bei Couchsurfing, Hospitalityclub oder Global Free Loaders anmeldet, sollte flexibel und auf Überraschungen gefasst sein.

Die Mitglieder brauchen kein teures Hotelzimmer mit Satelliten-TV und kontinentalem Frühstück, das sie zudem vom "richtigen" Leben am Zielort isoliere. Stattdessen investieren sie ein paar Euro für Internet-Café und Flasche Rotwein und wohnen bei Einheimischen, die genau wissen, wo in ihrem Ort die schönsten Ecken sind. Ob Rio oder Sydney, Tokio oder Kapstadt – potentielle Gastgeber warten überall auf der Welt.

Dainius Kinderis aus Litauen kann sich heute überhaupt nicht mehr vorstellen, ohne die Online-Communities zu leben. Für ein Jahr wohnte er in einem Haus mit fünf anderen Hospitalityclub-Mitgliedern – und wechselnden Gästen jeden Tag. Auch auf eigenen Reisen erlebte er Dinge, die kein Pauschalurlaub im Resort-Hotel zu bieten hat. "In Marokko übernachtete ich in einem kleinen Traumhaus direkt an der Atlantikküste," erzählt der 24-Jährige. "Mein Gastgeber Marhaban malte die Namen aller Hospitalityclub-Besucher an die Wand des Hauses, weil laut Koran Gäste von Allah gesandt sind."

Gastgeber von Turkmenistan bis Burkina Faso

Der im Jahr 2000 gegründete Hospitalityclub ist einer der Vorreiter der Idee. Lange bevor der Begriff Web 2.0 existierte, stellten hier Tausende von Reisenden ihre Profile ins Netz und trafen sich im richtigen Leben. Heute gibt es die Seite in 35 Sprachen, mit 40.000 Mitgliedern in Deutschland, 18.000 in den USA – und 13 in Burkina Faso, 4 in Turkmenistan, je einem in Samoa und Lesotho.

Die Idee an sich ist nicht neu: Schon seit 1949 stellt die Organisation Servas Kontakte zwischen Gästen und Gastgebern auf der ganzen Welt her. Hier müssen sich Mitglieder jedoch in einem Interview vorstellen und einen Jahresbeitrag zahlen – so wird sichergestellt, dass die Leute wirklich an kulturellem Austausch und nicht nur an billigen Unterkünften interessiert sind.

Weil die Online-Enkel von Servas für jeden zugänglich sind, ist die größte Herausforderung für die Betreiber die Sicherheit der User. Ähnlich wie bei eBay gibt es zwar die Möglichkeit, Kommentare über andere Mitglieder zu schreiben, letztendlich bieten die Seiten aber nur ein Forum und keine vollkommenen Vertrauenswürdigkeits-Garantien. Bei Couchsurfing gibt es deshalb eine Identitäts-Verifikation gegen eine Gebühr von 25 US-Dollar, beim Hospitalityclub untersuchen eifrige Freiwillige sämtliche versandten Mails auf Spam, Obszönitäten oder übertriebene Flirtfreudigkeit.

Taxi-Flucht um drei Uhr morgens

Eine hundertprozentige Sicherheit gibt jedoch es nicht. Leonor Villegas aus Peru traf ihren ersten Gastgeber Anfang Oktober in einem Vorort von Amsterdam. Über Internet-Messenger hatten sie seit zwei Monaten Kontakt, beide freuten sich auf das Treffen. Doch vom ersten Moment an begann er aggressiv zu flirten und ließ sich nicht von ihrer Abweisung beirren. "In der Kneipe legte er ständig seinen Arm um mich, in der Disko stand er hinter mir und lehnte sich immer wieder an, während ich tanzte", erinnert sich Villegas.

Schließlich hielt sie es nicht mehr aus, um drei Uhr nachts wollte sie ihre Sachen abholen, um in ein Hotel zu ziehen. Plötzlich war kein Licht mehr in der Wohnung – der Strom sei ausgefallen, und da sie jetzt im Dunkeln sowieso ihre Sachen nicht finden würde, könne sie doch auch bis morgen bleiben. "Da war es mir total egal, ob ich irgend etwas vergesse, ich packte so schnell ich konnte und nahm ein Taxi in die Stadt." Villegas entschied danach, nur noch weibliche Gastgeber oder Bekannte von Freunden anzuschreiben.

Nur positive Erfahrungen machte Simone Francis aus Sydney, die als Mitglied von Global Free Loaders alleine um die Welt reiste. "Ich vertraue einfach auf meinen Instinkt mit Menschen und hatte noch nie Probleme," sagt die 21-Jährige. Ihr Rat: "Wer sich unsicher fühlt oder nervös ist, kann sich ja erst auf einen Kaffee mit der Person treffen." Der "Solo Women's Guide to Couchsurfing" empfiehlt zudem, sich die Profile und Referenzen genau anzusehen und die als Freunde verlinkten Mitglieder zu kontaktieren.

Man weiß nie, was einen beim nächsten Gastgeber erwartet. Das lernte auch Josephine Batteau auf einer Nordamerikareise. Ihr Eintrag im Forum von Global Free Loaders: "Meine Gastgeber waren sehr nett zu mir, ich habe jetzt viele neue Freunde und einen Ehemann aus New Orleans."



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