Hotel auf Schienen Genuss der Langsamkeit

Zeitreise im Bummelzug: Im schmalsten Luxushotel Asiens tuckern Reisende von Bangkok nach Singapur und genießen den Blick auf die vorbeiziehende Landschaft. "Orient-Express"-Feeling inklusive.


Bangkok - Gemächlich rattert die Bahn durch die Landschaft. Teeplantagen ziehen vorbei, Reisfelder und Palmenwälder und scheinbar unendliche Kilometer dichter Dschungel. Die Fahrt mit dem "Eastern & Oriental Express" ist eine Reise durch die Vegetationen zwischen Bangkok und Kuala Lumpur - und sie ist eine Zeitreise.

Die Strecke zwischen Bangkok und Kuala Lumpur legen Flugzeuge in zwei Stunden zurück, der Express bietet bei 60 Stundenkilometern seinen Gästen Zeit für einen Blick auf ärmliche Hütten und prächtige Villen, auf winzige Dörfer und Metropolen. 2000 Kilometer lang.

"Erst dieses Bummeltempo des Zuges macht die Reise doch so einzigartig", sagt George Hodgson, ein älterer Herr aus Liverpool. Wer sonst durch die Welt rast, entdeckt im Zug den Genuss des Gemächlichen: "Wo sitzt man heutzutage denn noch einfach mal so da, tut nichts und lässt die Welt an sich vorbeiziehen?", beschreibt Zugmanagerin Evelyn Kocys das besondere Urlaubsgefühl an Bord.

Die Schweizerin liebt ihren Job im "schmalsten Luxushotel Asiens". Platzangst bekommt sie nicht, selbst wenn die 22 Waggons mit 132 Gästen ausgebucht sind. Überfüllt ist der Zug damit nicht, zumal Frühstück und der "Afternoon-Tea" vom Steward in den Privatabteilen serviert werden. Jeder der 14 Schlafwagen hat einen eigenen Steward. Ein Druck auf den Klingelknopf neben der Tür, und schon ist er da. "Erfunden" wurde der Zug einst - nach dem Vorbild des Orient-Express - von dem Eisenbahnfan James B. Sherwood, der einen alten japanischen Zug für viele Millionen Euro in ein rollendes Hotel umbauen ließ.

Dinner im Abendkleid

An die Enge des 5,8 Quadratmeter großen Standardabteils gewöhnen sich die Passagiere schnell. Jedes hat ein eigenes Bad mit Dusche und einen kleinen Kleiderschrank. Die tagsüber als Couch genutzte Liege verwandelt der Steward abends in ein Bett. Wer sich die Beine vertreten will, spaziert in die Bar-Wagen, die Bibliothek oder zum offenen "Observation Car" am Ende des Zuges - dem Lieblingsplatz vieler Gäste. Beim Verlassen der klimatisierten Waggons schlägt ihnen feuchte Hitze entgegen. Hier dringen die intensiven Gerüche Asiens in die Nase. Es riecht nach Curry, Fisch, tropischen Früchten und dem leicht modrigen Wasser auf den riesigen Reisfeldern.

Tagsüber ist die Kleidung leger, abends wird es festlich. Damen erscheinen zum Dinner im Abendkleid, die Herren zumindest in Anzug und Krawatte, viele auch im Smoking. Beim frisch an Bord zubereiteten Fünfgänge-Menü klirren schwere Kristallgläser. Jetzt wird der Zug zur Bühne, auf der Abend für Abend Agatha Christies Bestseller "Mord im Orient-Express" gegeben wird. Mit offenkundigem Spaß inszenieren die Gäste sich und ihre Nostalgiefahrt selbst. Vor allem unter den vielen englischen Gästen sind so manche charmante Exzentriker. Jeden Abend greift ein Pianist in die Tasten, und der Gin fließt in Strömen.

Ausflug zur Brücke am River Kwai

Nach ein paar Drinks scheint der Zug dann auch gar nicht mehr zu schwanken. Nüchtern dagegen wird man auf den schmalen Gleisen in Thailand und Malaysia ordentlich durchgerüttelt. "Den Fahrkomfort einer deutschen ICE-Trasse darf man natürlich nicht erwarten", gibt Zugmanagerin Kocys zu. Nach einigen Stunden an Bord aber haben sich die Passagiere meist eingewöhnt und nehmen das gleichmäßige Rattern des Zuges als beruhigendes Hintergrundgeräusch wahr. Langeweile kommt auch schon wegen der Ausflüge nicht auf. So hält der Zug einige Stunden an der malaysischen Insel Penang zum Rikscha-Ausflug in die Kolonialstadt Georgetown und an der berühmten Brücke am River Kwai.

Wer dann nach vier Tagen in Singapurs Keppel-Road-Bahnhof ankommt, wird von der Hektik der Metropole rasch erschlagen - und so mancher Gast wünscht sich, er besäße auch ein Rückfahrtticket nach Bangkok.

Bernhard Krieger, dpa



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