Hotel Grand Daddy in Kapstadt Mit John Lennon im Wohnwagen

Gäste im Bärenkostüm, Wohnwagen auf dem Dach: Das Grand Daddy ist das wohl ungewöhnlichste Hotel Kapstadts. Bei der Gestaltung des Trailerparks durften sich Designer so richtig austoben - und schufen Räume für Kinderbuch- und Beatles-Fans.

Von Karl-Ludwig Günsche


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Grand Daddy: Kapstadts verrücktestes Hotel
Der Name Grand Daddy ist pure Koketterie: Großväterlich ist wirklich nichts an diesem Vier-Sterne-Hotel mitten in Kapstadt. Bis auf den Lift vielleicht: Messing und dunkles Edelholz. "Der älteste Aufzug in der ganzen Stadt, der noch funktioniert. Er ist schon mehr als hundert Jahre alt", erklärt ein Hotelmitarbeiter stolz, drückt auf den Knopf und das Gefährt schwebt leise surrend nach oben. Aber sonst: ein Hotel mit Glanz und Glitter mitten in der Long Street, der Touristenmeile in Südafrikas "Mutterstadt", in der sich Bar an Bar, Pub an Pub und Restaurant an Restaurant reiht.

Hier bieten kleine Lädchen alles das an, was Touristen gern kaufen. Nichts für die Klientel von Edelboutiquen. Eher ein Pflaster für Pauschaltouristen. Noch vor fünf Jahren war die Long Street eher berüchtigt. "Hier kann man alles kaufen, Frauen, Waffen, Drogen", hieß es damals. Doch dann begann der große Bauboom in Kapstadt. Jody Aufrichtig und Nick Ferguson, zwei junge südafrikanische Unternehmer, stiegen in das gewinnträchtige Projektentwicklungsgeschäft ein und investierten selbst kräftig.

Jody Aufrichtig erläutert ihre Unternehmensphilosophie: "Es geht uns nicht nur ums Geld. Na klar, wir betreiben hier unser Business, und ein erfolgreiches Unternehmen muss auch Gewinn abwerfen. Aber man darf nicht zu gierig sein. Man kann auch Geld verdienen und trotzdem an seinen Wertvorstellungen festhalten." Aufrichtig möbelte zunächst die ehemalige Keksfabrik Old Biscuit Mill im früher übel beleumundeten Stadtteil Woodstock zu einem trendigen Komplex mit Bioständen, Restaurants und Trödelläden auf.

Daddy Cool, Daddy Long Legs, Grand Daddy

Doch sie und ihr Partner erkannten auch schon früh das touristische Potential der Long Street. "Heute gehören ihnen dort 80 Prozent der Grundstücke", erzählt Henry, der als Jung-Manager für die beiden arbeitet, nicht ohne Hochachtung. Auch das Art-Hotel Daddy Long Legs, nur einen Steinwurf vom Grand Daddy entfernt, gehört dem Paar. Vor zwei Jahren beschlossen Aufrichtig und Ferguson, auch das in die Jahre gekommene Hotel Metropol aufzupolieren, umzubauen, aufzuwerten.

Das war die Geburtsstunde des Grand Daddy. Führende südafrikanische Architekten und Innendesigner machten aus dem Traditionshaus ein flippiges Hotel, dessen Daddy-Cool-Bar schon kurz nach der Eröffnung zu einem gefragten Treffpunkt für Kapstadts In-Szene wurde: in Weiß- und Goldtönen gehalten, "bling-bling", sagt Henry. Von den Urinalen in der Herrentoilette geht der Blick durch ein Aquarium auf den Hotelkorridor. Die Zimmer sind dagegen in sanften Erdtönen gestaltet, eher ruhig und streng als flippig und hip.

Doch wo andere Hotels enden, beginnt das Grand Daddy erst so richtig: auf dem Dach. Dort entstand der einzige Airstream Penthouse Park der Welt: sieben betagte US-Wohnwagen, die Aluminium-Außenhaut auf Hochglanz poliert, im Hintergrund die Dächer Kapstadts und die mächtige Kulisse des Tafelbergs. Jody Aufrichtig ist wochenlang durch die USA gereist, um die nostalgischen Vehikel aufzutreiben.

In Kapstadt wurden sie sorgfältig restauriert, von südafrikanischen Künstlern gestaltet und mit Riesenkränen auf das vierstöckige Gebäude gehievt - und machten aus dem Grand Daddy das witzigste Hotel Kapstadts. Alle Wohnwagen bekamen Namen, jeder erzählt seine Geschichte - und die Gäste dürfen mittels uriger Kostüme in ganz ungewohnte Rollen schlüpfen. In "Goldlöckchen und die drei Bären" kann der männliche Besucher sich in ein wildes Zotteltier verwandeln, im Schrank hängt ein komplettes Bärenkostüm mit Pappmaché-Kopf. Die Dame kann in die züchtige Rolle von Goldlöckchen schlüpfen, mit goldblonder Perücke und Rüschenkleid. "Afro-Funked", der einzige im Ethno-Look designte Trailer, weckt vielleicht Dschungelkönig-Träume.

Dem Vorhersehbaren entfliehen

Beatles-Fans können in "Ballade von John und Yoko" kuschelig im John-Lennon-Feeling schwelgen: die Gitarre liegt auf dem Doppelbett, neben einem Leselämpchen eine Lennon-Brille, als sei er gerade weggegangen. Und natürlich gibt es jede Menge CDs von John, Yoko und den Beatles. Poppig, bunt und witzig sind sie alle.

Die einzige Suite heißt "Moontide": sieben Meter lang, Wohnzimmer, Schlafzimmer und Bad, verspielt, verträumt, sexy. "Hier treffen sich Liebe und Magie", sagt Designerin Brigitte Dewberry über ihre Schöpfung.

"Das ist sicher nichts für jedermann", gibt Jung-Manager Henry unumwunden zu. Aber die Penthouse-Wohnwagen sind meist voll ausgebucht. Die Übernachtung kostet genau so viel wie in einem der komfortablen Zimmer des Grand Daddy. "Viele Gäste kommen für eine Nacht in den Trailerpark, dann ziehen sie für den Rest ihrer Zeit in Kapstadt in eins unserer Zimmer oder in eine Suite", sagt Henry. Vor allem am Wochenende tobt das Leben über Kapstadts Dächern. "Dann mieten Freunde, Familien, Firmen oft den ganzen Trailerpark und feiern hier oben Partys, Geburtstag oder irgendein Event."

Auch bei Hochzeitsgesellschaften ist der Campingplatz mitten in Kapstadt zur gefragten Adresse geworden. Warum ausgerechnet ein Trailerpark auf dem Dach des Hotels? "Die Gäste sollen bei uns eine Erfahrung machen, die sie sonst nirgendwo machen können", sagt Jody Aufrichtig. "Sie sollen wenigstens für einen Moment dem Alltäglichen und Vorhersehbaren entfliehen können."



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