Hotels in Havanna Paradies der Gangster

Mit Glücksspiel, Alkohol und Prostitution lockte die US-Mafia in den Fünzigern scharenweise vergnügungssüchtige Amerikaner nach Kuba. Die Casinos sind längst geschlossen, die Gangster vertrieben - noch heute aber finden sich in drei berühmten Hotels Spuren der sündigen Zeit.

Alexandra Frank

Von Alexandra Frank


Ein paar Sekunden lang blickt der Mann, Mitte 40, mit dunklem Teint, unschlüssig in den bewölkten Himmel über der kubanischen Hauptstadt Havanna. Dann erhebt er sich langsam, nimmt Anlauf und stürzt sich kopfüber in den Sarg. Seine Frau schaut ihm kurz durch die getönten Gläser ihrer Sonnenbrille hinterher. Dann blättert sie weiter in einer Zeitschrift - während ihr Mann durch lauwarmes Wasser krault.

Für die Handvoll Touristen, die sich auf den Liegen rund um den Swimmingpool des Hotels Riviera räkeln, ist es ein Wasserbecken wie jedes andere. Doch wer sich nach oben, in den 20. Stock des Hotels begibt, der erkennt deutlich, dass der Pool eine ganz besondere Form hat: die eines Sargs.

Das ist gewiss kein Zufall. Der Mann, der Hotel und Pool erbauen ließ, war bekannt dafür, ohne große Worte deutliche Botschaften zu hinterlassen. Sein Name: Meyer Lansky, auch bekannt als "Bankier des organisierten Verbrechens" und führendes Mitglied der US-Mafia.

Während in den USA ab 1919 Prohibition herrschte, versuchte die ehrenwerte Gesellschaft durch illegale Geschäfte und einem engen Draht zu korrupten Politikern ihr Glück auf Kuba. Ihr Ziel war es, an Havannas Uferpromenade Malecón das anzusiedeln, was in ihrem Heimatland verboten war: Glücksspiel, Alkohol und Prostitution.

Architektonisches Vorbild war die legendäre französische Riviera, gepaart mit einer Prise Las Vegas. Edle Hotels, Casinos und Cabaret-Shows, bei denen kubanische Schönheiten mit Rhythmus und viel nackter Haut die Gäste bezirzten, sollten vergnügungssüchtige Amerikaner ins Land locken. Auch die Mafiosi selber waren gerne Gast in Kubas Nobelhotels.

Al Capone mietete ein komplettes Stockwerk

Eines der ersten Häuser, das zum Operationszentrum der US-Mafia avancierte, liegt im Herzen der Altstadt in unmittelbarer Nähe des Prado. Das Hotel Sevilla, ein koloniales Schmuckstück im maurischen Stil, empfängt heute wie zu Zeiten der Mafiosi seine Gäste mit angenehmer Kühle und Ruhe. An den Wänden der Lobby glänzen spanische Kacheln. An den Bistrotischen im kleinen Innenhof hinter der Empfangshalle sitzen ausländische Touristen, die Havannas paffen. Und hinter dem Tresen wartet Yamilyn Mederos Benítez, die besondere Gäste herumführt.

"25 Prozent unserer Besucher sind Stammgäste", sagt sie und drückt auf den Knopf des Aufzugs. Nur sie und andere "special guests" wie Geschäftsreisende oder Prominente hätten Zugang zum edlen Dachrestaurant im neunten Stock. "Hier liegt uns Havanna zu Füßen", sagt sie, als sich die Aufzugtür öffnet.

Einer der Glücklichen, der mit Blick auf die Dächer und Gassen Alt-Havannas speisen darf, verrät die Hotelangestellte mit gedämpfter Stimme, sei ein italienischer Geschäftsmann, der seit 15 Jahren im Hause einkehre. Sein Zimmer dürfe an keinen anderen vermietet werden, so wünsche es der Gast. Zwar sei er nur etwa acht Monate im Jahr im Land, doch bezahlen täte er für das ganze Jahr.

Zurück in der Lobby zeigt sie auf einen anderen Geschäftsmann mit breitkrempigem Hut, getönter Brille und einer Havanna im grinsenden Mund: Al Capone. Unter dem Schwarzweißfoto, das an einer Säule angebracht ist, gibt ein kleines Schild Auskunft über ihn und seinen Besuch: "Italo-Nordamerikaner, berühmter Mafioso", steht dort. Und: "Mietete mit seinem Gefolge inklusive einiger seiner Bodyguards den kompletten 6. Stock. Er belegte Zimmer 615."

Al Capone war einer der ersten US-Mafiosi, den lukrative Geschäfte mit Schwarzbrennerei und Prostitution nach Kuba lockten. Später taten es ihm andere nach, wie Salvatore Lucania alias Lucky Luciano, "der Pate der Paten", dessen Foto ein paar Meter weiter hängt. Er setzte vor allem auf Glücksspiel, das nach dem Zweiten Weltkrieg auf Kuba nur so boomte.

Den Weg von Italien nach Kuba hatte ihm sein Freund Meyer Lansky bereitet, als er 1934 die karibische Insel besuchte, um sich mit dem Militär und späteren Diktator Fulgencio Batista zu treffen. Bei seiner Rückkehr hatte Meyer Lansky ein großzügiges Geschenk im Gepäck: die Konzession über das Casino des Hotels Nacional, das später Lucky Luciano leiten sollte.

Mafia-Kongress im Nacional

Schon damals war das Nacional nicht irgendein Hotel. Hoch auf einem Hügel über dem Malecón gelegen, zog es von jeher die High Society des In- und Auslands an. "Als das Nacional 1930 eröffnet wurde", sagt Estela Rivas Vázquez, "hatten die Klatschkolumnisten der Stadt tagelang zu tun." Die ehemalige Professorin an der Universität von Havanna ist nun Historikerin des Nacional und führt mehrmals in der Woche Gäste auf eigenen "Geschichtstouren" durch das Fünf-Sterne-Haus.

Die Teilnehmer begutachten sevillanisches Dekor, durchschreiten kühle Arkaden und werfen einen Blick auf die alte Krupp-Kanone, die im Hotelgarten ausgestellt ist. Dann steuert die Historikerin auf eine Bar zu, deren Wände über und über mit Fotos prominenter Gäste gespickt sind: Walt Disney und Errol Flynn, Ava Gardner und Roman Polanski, Churchill, Baron Thyssen-Bornemisza und unzählige andere Politiker, Sportler und Promis lächeln - nach Jahrzehnten sortiert - von den Wänden herab.

Zwischen ihnen hängt das Bild eines ernst blickenden Mannes mit Hut und schlichtem grauen Anzug: Meyer Lansky.

"Dieser Herr und sein Freund Lucky Luciano", sagt die Historikerin und pocht mit dem Finger auf das Foto, "organisierten in diesem Hotel einen der größten Kongresse in der Geschichte der US-Mafia." Unter dem Vorwand, ein Frank-Sinatra-Konzert vor Ort besuchen zu wollen, versammelten sich im Dezember 1946 rund 500 Mafia-Bosse mitsamt Familien im Nacional, um die Geschäfte auf Kuba unter sich aufzuteilen.

Ein paar Jahre später, nach dem Staatsstreich Batistas, wähnten sich die Mafiosi am Ziel: Kubas Hotellerie lag fest in ihrer Hand. Meyer Lansky kontrollierte Ende 1957, als das Riviera eröffnet wurde, bereits sechs Hotels und neun Casinos der Stadt. Beim Riviera legte er Wert auf Details. Vom Teller bis zum Kronleuchter sollte alles der aktuellen Mode entsprechen.

Bis heute hat man daran nicht viel geändert: plüschige Teppiche, verspiegelte Türen mit dem Hotellogo und geometrische Wanddekorationen versetzen Besucher in die fünfziger Jahre. Doch das Casino, das in einem halbrunden, fensterlosen Gebäude direkt neben dem Eingang des Hotels untergebracht war, lockt heute keine Stars und Sternchen mehr an, sondern Kongressteilnehmer - oder dient von Zeit zu Zeit als Abstellkammer.

Höflich und zurückhaltend

Auf einem Schemel hinter der Hotelmauer, nur 20 Meter Luftlinie vom Sarg-Pool entfernt, sitzt Juan Díaz, genannt Papito, und wacht über die Autos der Hotelgäste. 82 Jahre ist er alt und gehört schon fast zum Inventar des Riviera. Seinen ersten Arbeitstag hatte er am 10. Dezember 1957, als das Hotel eröffnet wurde. Damals arbeitete er als Kofferträger.

"Jedes Wochenende brachten sie amerikanische Gäste her", sagt er, "die verbrachten dann die halbe Nacht im Casino." Er erinnert sich noch gut an Meyer Lansky, einen kleinen Mann, der den meisten gerade mal bis zur Schulter ging, stets umringt von bulligen Bodyguards. "Er kam mir gar nicht vor wie ein großer Mafiosi", erzählt Papito. "Er war höflich und wirkte sehr zurückhaltend, protzte nicht wie andere Amerikaner." Der perfekte Mann im Hintergrund.

Nur ein Jahr lang konnte Meyer Lansky den Glanz seines Hotels selber genießen. Dann kamen Fidel Castro und seine Revolution. Ausgerechnet im Cabaret-Saal des Hotels Riviera versammelte er am 21. Januar 1959 die internationale Presse um sich. Tage zuvor hatten hier noch wohlhabende Amerikaner ihre Rumcocktails geschlürft, während Meyer Lanskys Showgirls auf der Bühne Bein zeigten. Nun kündigte Castro den Medien das Ende des Regimes Batistas an - und das der US-Mafia. Sämtliche Casinos der Stadt wurden geschlossen.

Geblieben sind Fotos, Erinnerungen und natürlich die Hotels, wie das Riviera mit seinem Pool, der wie ein Sarg aussieht.



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