Iditarod-Hunderennen: »Es ist die Liebe zu den Hunden und zum Abenteuer«
Iditarod-Hunderennen: »Es ist die Liebe zu den Hunden und zum Abenteuer«
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Mike Kenney / Iditarod Trail Committee / AP

50 Jahre Hunderennen Iditarod in Alaska Auf dünnem Eis

Schneestürme, Extremtemperaturen und Einsamkeit in Alaskas Wildnis – Iditarod ist das härteste Hundeschlittenrennen der Welt. Doch Klimawandel, hohe Kosten und Kritik von Tierschützern machen den Teilnehmern zu schaffen.

Es führt über zwei Gebirgsketten, den zugefrorenen Yukon River und das tückische Eis der Beringsee: Zu Recht hat das Iditarod den Ruf als das härteste Schlittenhunderennen der Welt – die rund 1600 Kilometer durch die Wildnis Alaskas bei heftigen Minustemperaturen und in Schneestürmen haben es in sich.

Zu seinem 50. Jubiläum gehen an diesem Wochenende 49 Musher, so heißen die Menschen, die Hundeschlitten lenken, darunter 17 Frauen, mit ihren Gespannen an den Start. Am Samstag zunächst zu einem zeremoniellen Lauf ab Anchorage, am Sonntag zum wirklichen Rennen ab Willow, etwa 121 Kilometer nördlich von Anchorage, mit Ziel Nome, einer alten Goldgräberstadt an der Westküste Alaskas.

Die meisten Teilnehmer sind gebürtige Alaskaner. Darunter Dallas Seavey, der einer von zwei Hundeschlittenführer ist, die mit fünf die meisten Siege bei Iditarod gewonnen haben. Der 35-jährige Seavey, dessen Großvater Dan und Vater Mitch ebenfalls Teilnehmer des Rennens waren, könnte jetzt den Rekord brechen. Nur eine Handvoll Teilnehmer aus anderen Ländern – in diesem Jahr aus Norwegen, Schweden, Dänemark und Frankreich – trauen sich die Strapaze zu.

»Es ist eines der letzten großen Abenteuer«, sagt der Deutsche Sebastian Schnülle im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa. Der gebürtige Wuppertaler, in Ostfriesland aufgewachsen, war seit 2005 siebenmal dabei. 2009 schaffte er die Strecke von Anchorage bis Nome in zehn Tagen und fünf Stunden – und ging damit als Zweiter durchs Ziel.

Musher müssen geimpft sein

Was ist das Schwierigste daran? »Mit Abstand der Schlafentzug«, sagt Schnülle. Denn nach rund sechs Stunden Fahrt dürfen die Hunde pausieren, doch für den sogenannten Musher geht die Arbeit weiter. »Man ist Koch, Masseur und muss sich um alles kümmern«, erzählt der 51-Jährige. Das Futter für die Hunde wird zubereitet, deren Gelenke und Pfoten massiert, die Schuhe der Tiere müssen gewechselt werden. Für die Schlittenlenker bleibt kaum Zeit zum Schlafen. Dann geht es schon zum nächsten Checkpoint weiter.

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50 Jahre Iditarod: Durch Schneestürme, Eisbrücken und der Klimawandel

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Ron Levy / ZUMA Press / IMAGO

Als Musher ist Schnülle, der vor 25 Jahren nach Kanada auswanderte, nun im Ruhestand. Doch als Rennrichter ist er bei dem Wettbewerb weiter dabei. Wegen Corona war das Rennen im vorigen Jahr verkürzt worden, einige Ortschaften wurden umfahren. Doch in diesem Jahr geht es wieder auf die traditionelle Strecke bis ins entlegene Nome an der Beringsee, ein Ort, der nur per Schiff oder Flugzeug, aber nicht mit dem Auto zu erreichen ist.

Die Organisatoren wollen auch dieses Jahr verhindern, das Coronavirus auf die Bewohner der Dörfer zu übertragen, die als Kontrollpunkte entlang der langen Strecke dienen. Die Musher müssen geimpft sein und werden von der Öffentlichkeit abgeschirmt, sodass Fans bei den Startveranstaltungen nicht wie üblich mit den Mushern ins Gespräch kommen können.

Sieger von 2020: Der Norweger Thomas Waerner fährt am 18. März nach 9 Tagen, 10 Stunden und 37 Minuten im Ziel in Nome ein

Sieger von 2020: Der Norweger Thomas Waerner fährt am 18. März nach 9 Tagen, 10 Stunden und 37 Minuten im Ziel in Nome ein

Foto: Marc Lester / Anchorage Daily News / AP

15 Musher haben ihre Teilnahme zurückgezogen, darunter der Sieger von 2020, Thomas Waerner aus Norwegen. Nach dem Rennen saß er aufgrund von Coronareiseverboten monatelang in Alaska fest. Schließlich gelang es ihm, in einem betagten Flugzeug mitzufliegen, das von Alaska zu einem Museum in Norwegen unterwegs war. Da er sich nicht offiziell in den USA abgemeldet hatte, durfte er dieses Jahr nicht einreisen. »Iditarod wird mir helfen, ein Sportvisum zu bekommen, damit ich nächstes Jahr reisen kann«, sagte Waerner AP über den Facebook Messenger. »Es ist kein gutes Gefühl, nicht am 50. Iditarod teilnehmen zu können.«

Vom Rennen um Menschenleben zum Sportrennen

Das Iditarod-Rennen  verdankt seinen Namen einem alten Pfad, der seit Ende des 19. Jahrhunderts entlegene Goldgräber- und Hafenorte im hohen Norden verband – durch menschenleere Tundren, dichte Wälder und über vereiste Flüsse hinweg. Berühmt wurde die Strecke 1925, als eine Diphtherieepidemie vor allem die Kinder der Ureinwohner in Nome bedrohte. Musher transportierten damals rettendes Serum in den entlegenen Ort.

1973 ging es um eine andere Rettungsaktion. »Damals wurden die Schlittenhunde in den Orten immer mehr von motorisierten Schneemobilen verdrängt«, erzählt Chas St. George, Mitglied im Iditarod-Vorstand. Um die Tradition zu retten, riefen eine Handvoll Musher das Rennen ins Leben. Das erste Iditarod war reine Männersache, der Sieger benötigte 20 Tage.

»Das hatte wahren Expeditionscharakter«, sagt Schnülle. Mit leichterer Ausrüstung, besserem Futter und schnelleren Hunden habe sich der Wettbewerb nun »komplett« verändert. 1985 gewann die 29 Jahre alte Libby Riddles als erste Frau das Rennen – in 18 Tagen. Inzwischen liegt der Streckenrekord bei gut acht Tagen. Doch das Motiv, warum Musher diese Strapazen auf sich nehmen, ist für Schnülle gleichgeblieben: »Es ist die Liebe zu den Hunden und zum Abenteuer.«

Schnülle gründete nach seiner Auswanderung zunächst eine eigene Hundeschlittenfirma. Im Sommer bot er auf Gletschern in Alaska Touren für Touristen an, im Winter trainierte er für die Rennen. Der Sport sei sehr teuer geworden, mit rasant steigenden Kosten für Hundefutter und Ausrüstung, sagt Schnülle. 2018 gab er die Schlittentouren auf, eine wirtschaftliche Entscheidung, die auch mit Klimawandel zu tun hatte. Eine kürzere Saison im Eis, ein höheres Risiko wegen gefährlicher Gletscherspalten.

Peta kritisiert, Sponsoren springen ab

Am Polarkreis wird es wärmer, und das macht auch den Iditarod-Teilnehmern in den letzten Jahren zu schaffen. Wegen Schneemangel musste schon mal die Strecke weiter nach Norden verlegt werden. »In diesem Jahr haben wir genug Schnee, aber der Klimawandel ist eine große Sorge, es gibt mehr extreme Stürme«, sagt Chas St. George. 2019 sei bei stürmischem Wetter das Eis am Meeresrand eingebrochen. Es müssten häufig mehr Eisbrücken gebaut werden, damit die Musher die Strecke abfahren können.

Kritisch sieht die Tierschutzorganisation Peta das Hunderennen. Die Organisation hat namhafte Sponsoren des Rennens angeprangert, einige wie Coca-Cola und ExxonMobil seien laut der Peta-Webseite deswegen bereits abgesprungen. In diesem Jahr hat das Lakefront Anchorage Hotel, seit drei Jahrzehnten Hauptsitz des Rennens, erklärt, dass es seine Zusammenarbeit mit dem Iditarod 2023 beenden wird. Offiziell wird der Stopp mit der Coronapandemie begründet, die Eigentümer hatten den Rückzug allerdings einen Tag vor einer Peta-Protestaktion in einem ihrer Hotels in Chicago angekündigt.

Für Schnülle, der in der Yukon-Wildnis in einer Holzhütte lebt, waren die Iditarod-Rennen ein »Lebensabenteuer«, das er sich erfüllen konnte. Dort erlebe man Kameradschaft, nicht nur mit den anderen Schlittenlenkern und den Dorfbewohnern, auch mit den Hunden, die wie Partner ans Herz wachsen. »Da liegt man im Sturm in einem Schlafsack, mitten im Nichts, und man ist absolut im Hier und Jetzt.«

dpa/AP/abl