Händler in Hurghada "Bitte keine Revolutionen mehr"

Die Ägypten-Krise trifft die Tourismusindustrie des Landes hart, das bekommen die Souvenirhändler im Ferienort Hurghada zu spüren. Auch bei Alaa al-Din Mahmud herrschen Leere im Laden und Ebbe in der Kasse. Er wünscht sich vor allem eins: Stabilität, damit die Urlauber aus Europa zurückkommen.

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Aus Hurghada berichtet


Es ist erst Mittag, als Alaa al-Din Mahmud sich von seinem Neffen schon zum zweiten Mal die Wasserpfeife anzünden lässt. Zu tun gibt es für Mahmud ohnehin nichts, seinen letzten Kunden hat er vor vier Tagen bedient. Der 33-Jährige führt einen kleinen Souvenirladen in Hurghada. Er verkauft Öle und Parfums auf Naturbasis, Papyruszeichnungen, Schmuck und außerdem allerhand Nippes wie Plüschkamele, Plastiksphinxen und Minipharaonen. Es ist ein Geschäft, wie es Hunderte in dem Badeort am Roten Meer gibt.

Mahmud und die anderen Ladeninhaber leiden besonders stark unter der Krise in Ägypten. Wegen der instabilen Lage und der Unruhen in Kairo sind die Touristenzahlen eingebrochen. Im Rekordjahr 2010 kamen noch mehr als 14 Millionen Urlauber nach Ägypten, im Revolutionsjahr darauf sank ihre Zahl um ein Drittel auf unter zehn Millionen. 2012 ging es wieder aufwärts, und auch im ersten Halbjahr 2013 stieg die Zahl der Übernachtungen im Vorjahresvergleich um 13 Prozent. Doch mit den Demonstrationen Ende Juni und dem Putsch gegen Präsident Mohammed Mursi kam der Einbruch - viele Touristen aus Europa haben ihre Reisen nach Ägypten storniert oder sind vorzeitig abgereist. Und jene, die trotzdem ans Rote Meer gekommen sind, bleiben aus Angst vor Unruhen lieber im Hotel.

Mahmud versteht das nicht. "Hurghada ist die sicherste Stadt in ganz Ägypten", sagt er. "Hier stehen alle auf Seiten der Armee, weil nur sie für Sicherheit sorgen kann." Er zeigt auf den Zeitungssausschnitt, der in seinem Laden hängt. Militärchef Abd al-Fattah al-Sisi grüßt militärisch von der Wand, Mahmud hofft darauf, dass er dem Land Stabilität zurückbringt.

Ägypter kaufen keine Souvenirs

Für den Ladenbesitzer hat die Tourismus-Krise schlimme Folgen. Seit 2000 führt er das Geschäft in Hurghada. Eigentlich kommt er aus Luxor, aber weil dort seit dem Terroranschlag auf den Hatschepsut-Tempel 1997 kaum noch Touristen hinkommen, versuchte Mahmud sein Glück am Roten Meer. In guten Jahren wie 2010 hat er pro Monat im Schnitt 4000 Euro verdient - genug, um seiner Frau und seinem Sohn ein sorgenfreies Leben zu bieten und auch seine drei Neffen zu versorgen, die bei ihm im Laden arbeiten. Im gesamten Juli 2013 hat er etwas mehr als 300 Euro verdient, im August bislang weniger als 200 Euro.

Das Hotel an der Uferstraße von Hurghada, dem das Haus mit Mahmuds Laden gehört, hat die sonst übliche Monatsmiete in Höhe von 2000 Euro aus Kulanz halbiert. Doch auch 1000 Euro kann er derzeit nicht aufbringen. Mahmud hofft darauf, dass die deutschen Urlauber nach dem 15. September zurückkehren, wenn Reiseveranstalter wie TUI, Thomas Cook oder Alltours ihre Touren nach Ägypten wieder aufnehmen.

Dann will er seine Mietschulden zurückzahlen. Falls nicht, verliert Mahmud nicht nur seinen Laden, sondern auch seine Wohnung direkt über dem Geschäft. Auf drei Zimmern wohnt er dort mit Frau, Sohn und drei Neffen. Das ist eng, der Blick aufs Rote Meer dennoch traumhaft.

"Viele Deutsche, die in diesem Sommer trotzdem nach Hurghada gekommen sind, sind schon zum fünften oder sechsten Mal hier. Denen kann ich keine Souvenirs mehr verkaufen. Das haben die alles schon", sagt Mahmud. Manche Hotels konnten ihre wirtschaftliche Not dadurch lindern, dass sie freigewordene Zimmer an einheimische Reiseveranstalter abgaben. Die Preise sind inzwischen so im Keller, dass sich auch ägyptische Mittelklasse-Familien Badeurlaub in Hurghada leisten können. "Aber die kaufen meine Sachen natürlich auch nicht", sagt Mahmud.

Die Islamisten haben den Tourismus vernachlässigt

Er wirft dem gestürzten Präsidenten Mursi vor, die Tourismusindustrie völlig vernachlässigt zu haben. Anders als Husni Mubarak, der vorher jahrzehntelang an der Macht war. "Der hat vieles falsch gemacht, aber er hat hier in Hotels, den Flughafen und die Infrastruktur investiert", sagt Mahmud. "Mursi hatte von alldem keinen Schimmer." Stattdessen hätten die Islamisten vorgeschlagen, Hotels zu bauen, in denen männliche und weibliche Gäste getrennt voneinander untergebracht werden sollten. Das habe viele Europäer zusätzlich verunsichert, ist Mahmud überzeugt.

Anstatt die zahlungskräftigen Kunden aus Deutschland, Russland oder Skandinavien zu umgarnen, habe der Muslimbruder falsche Prioritäten gesetzt. In Iran habe Mursi um Urlauber geworben. "Iraner!", sagt Mahmud und schüttelt den Kopf. "Die geben hier doch auch kein Geld aus."

Er setzt darauf, dass die neue Führung in Kairo das Vertrauen des Westens zurückgewinnen kann. Mahmud wünscht sich Stabilität und Kontinuität für sein Land. Demokratie sei dafür gar nicht so wichtig, die komme eh nicht über Nacht. "Das Letzte, was Ägypten gebrauchen kann, ist noch eine Revolution", sagt er. "Wenn ich meinen Laden auch jedes Jahr renovieren würde, hätte ich das Geschäft schon längst dichtmachen müssen."



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Seite 1
systemfeind 24.08.2013
1. Bhl
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEDie Ägypten-Krise trifft die Tourismusindustrie des Landes hart, das bekommen die Souvenirhändler im Ferienort Hurghada zu spüren. Auch bei Alaa al-Din Mahmud herrschen Leere im Laden und Ebbe in der Kasse. Er wünscht sich vor allem eins: Stabilität, damit die Urlauber aus Europa zurückkommen. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/hurghada-in-aegypten-souvenirhaendler-in-der-krise-a-918302.html
der soll sich bei Bernard Henry Lévy melden und uns hier nicht sein Leid klagen . Das Wetter .
Andrea.M 24.08.2013
2.
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEDie Ägypten-Krise trifft die Tourismusindustrie des Landes hart, das bekommen die Souvenirhändler im Ferienort Hurghada zu spüren. Auch bei Alaa al-Din Mahmud herrschen Leere im Laden und Ebbe in der Kasse. Er wünscht sich vor allem eins: Stabilität, damit die Urlauber aus Europa zurückkommen. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/hurghada-in-aegypten-souvenirhaendler-in-der-krise-a-918302.html
Schön das man auch mal auf die Probleme hinweist. Wer garantiert das nicht irgendwelche Islamisten (müssen ja nicht aus Ägypten kommen) mein Hotel besetzen und uns als Geisel nehmen? Abgesehen von den aufdringlichen Verkäufern, den Kellnern usw. die meine Tochter anmachen (und auch vor mir nicht zurückschrecken..). Zudem werden dort religiöse Minderheiten verfolgt. Wie viele Kirchen wurden angezündet, wie viele Kopten aus Hass ermordet? Schiiten übrigens auch! Wer zu fast 50% Islamisten wählt (und 2 Regionen sind an Salafisten gegangen) muss sich nicht wundern das UrlauberInnen "komisch" werden und z. B. lieber nach Griechenland fahren oder in die Türkei.
micromiller 24.08.2013
3. Sisi ist fuer Ägypten sicher die beste Loesung
So schlimm es klingen mag, die Menschen gebrauchen Fuehrung, Orientierung, Geburtenkontrolle und Arbeit, dann werden sie mit Glueck in 10 Jahren schrittweise in eine demokratieaehnliche Gesellschaftsform wechseln koennen.
SozLib 24.08.2013
4.
Zitat von micromillerSo schlimm es klingen mag, die Menschen gebrauchen Fuehrung, Orientierung, Geburtenkontrolle und Arbeit, dann werden sie mit Glueck in 10 Jahren schrittweise in eine demokratieaehnliche Gesellschaftsform wechseln koennen.
Warum sollten Sie? Demokratie ist nicht für alle und jeden geeignet und auch nicht gewünscht.
pharo777 24.08.2013
5. So sieht wirklich die Lage in Hurghada aus.
Wer werklich in der Tourismusindusterie in Hurghada gearbeitet hat, kann Mahmud sofort glauben ,weil Hurghada ohne Tourismus , ist genau wie Fernseher ohne Strom.Der Konflikt zwischen politiker in dem Land hat viele industerie zerstoert und ruiniert.Man denkt an sich und nicht an die Mitmenschen .Die Versoehnung zwischen den Politiker ist nicht unmoeglich , wenn sie fuer das land arbeiten moechten nicht fuer eigene Agenda.Ich hoffe , dass die Welt und besonders die Deutschen verstehen , dass Badeorten wie Hurghadda und Scharm Elscheikh fuer Ihren Uralub heutezutage geeignet ist.Ich schreibe hier keine verantwortungslosen Zeilen, sondern ich beschreibe Ihnen die richtige Lage, von einem Expert, der bei den groessen Reiseunternehmen in Hurghada gearbeitet hat. Meine 7 Jahre Erfahrung bedingen , dass ich auch die Welt darueber informiere .
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