Iditarod in Alaska "Ein Rennen wie ein Schachspiel"

Das härteste Hundeschlittenrennen der Welt steht wieder bevor: Beim Iditarod-Rennen gehen Mensch und Hund an die Grenzen ihrer Kraft. Mit dabei ist der Wuppertaler Sebastian Schnülle - in den Weiten Kanadas und Alaskas ist der deutsche Musher ein Star.
Von Christian Schnohr

Sebastian Schnülle wäre die Erstbesetzung für einen "Robinson Crusoe"-Film. Seine langen braunen Haare stehen wirr in alle Richtungen, sein Bart durfte jahrelang wachsen. Nur die Schneekristalle und Eiszapfen, die wie Kletten in seiner Haarpracht hängen, stören das Bild. Da passt schon eher die Rolle des John Thornton aus Jack Londons Roman "Ruf der Wildnis" - denn Sebastian Schnülle ist Musher, ein Hundeschlittenlenker.

Das ganze Jahr über trainiert Schnülle seine insgesamt 80 Alaskan Huskys, um im nordamerikanischen Winter an Rennen teilzunehmen. Wie am Iditarod, dem härtesten Schlittenhunderennen der Welt: 1150 Meilen hetzen die Musher durch die verschneite und vereiste Landschaft Alaskas, von Anchorage bis Nome. Durch dichten Urwald und verlassene Goldgräbersiedlungen, über karge Hochebenen und das Eis des Beringmeers. 1150 Meilen, auf denen die Männer und wenigen Frauen auf sich alleine gestellt sind und die am 7. März wieder bezwungen werden wollen.

Im vergangenen Jahr überquerten Schnülle und seine Huskys am 12. März um 13.14 Uhr die Ziellinie, sensationell als Zehnte. Er errang damit die beste Plazierung, die je ein Deutscher erreicht hat. Knapp zehn Tage zuvor hieß es: "Let's go". Der langgezogene Ruf wird vom Wind förmlich verschluckt. Doch die 16 Hunde vor Schnülles Schlitten rennen los – mit zwölf km/h gleitet das Gespann über den Schnee. An Bord dabei sind eine Axt, Schneeschuhe, Schlafsack, eine Stirnlampe für nächtliche Fahrten sowie Kocher und Proviant.

"Schlittenführer, Koch und Masseur gleichermaßen"

"Kulinarisch ist das kein Highlight", sagt Schnülle und lacht. Vorgekochte Nudeln und Pizza, alles vakuumverpackt, und jede Menge Schokoriegel stehen auf dem Menüplan, dennoch nimmt Schnülle während des Rennens rund sechs Kilogramm ab. Viel wichtiger sind jedoch die Sachen für seine Hunde: Decken und Stroh als Unterlage, Hundeschuhe, Massageöle und Fußpflegecremes sowie massenhaft Futter. "Ich bin Schlittenführer, Koch und Masseur gleichermaßen", sagt Schnülle.

Nach rund sechs Stunden Fahrt müssen sich die Hunde sechs Stunden erholen. Zeit für Schnülle, um das Futter aufzuwärmen, die Hundeschuhe zu wechseln und den Hunden Schultern und Gelenke zu massieren. "Für mich bleibt maximal eine Stunde Schlaf, bevor wir wieder aufbrechen. Auf den Schlafmangel muss man sich mental einstellen, am dritten Tag kommt der körperliche Einbruch." Das Geheimnis des Erfolgs liegt in der Strategie: "So ein Rennen ist wie ein großes Schachspiel: Welche Hunde nehme ich, zu welchen Uhrzeiten fahre ich, und wie schonend kann ich fahren – denn das härteste Teilstück kommt zum Schluss." Er wählt vor allem ältere und damit erfahrenere Hunde aus.

"Gee!" Das Kommando lässt die Hunde zielsicher nach rechts abbiegen. Dort liegt ein Indianerdorf, einer von 22 Checkpoints. An 18 von ihnen hat Schnülle vor dem Rennen Proviant und weitere Hundeschuhe deponiert. Von denen braucht er insgesamt 1200. Wechselkleidung für sich hat er nicht dabei: "Inzwischen habe ich auf der Strecke so viel Selbstvertrauen, dass ich darauf verzichte. Nach zwei Tagen riechen meine Hunde und ich eh gleich."

Geboren in Wuppertal und aufgewachsen in Ostfriesland, arbeitete Schnülle bis in die Neunziger als Industriemechaniker bei Mercedes und studierte parallel Umwelttechnik. Doch sein Praxissemester in Ontario und eine erste Hundeschlittentour veränderten ihn. "Meinen nächsten Jahresurlaub nahm ich im Winter und fuhr zurück in die Kälte." Wieder in Deutschland, schmiss er sein Studium im vorletzten Semestern und wanderte nach Yukon aus. Seither züchtet er Schlittenhunde und bietet Exkursionen für Touristen an.

"Eine Art Langzeitmeditation"

97 Teilnehmer sind im vergangenen Jahr beim Iditarod an den Start gegangen. Auf der Strecke blieben vor allem Anfänger, die sogenannten Rookies. So wie Schnülle bei seinem Debüt. 1999 meldete er sich zum ersten Mal beim Yukon Quest an, ebenfalls ein Rennen von mehr tausend Meilen. "Doch ich bin kläglich gescheitert", gesteht der 38-Jährige. Erst fünf Jahre später unternahm er den nächsten Anlauf – und wurde Zehnter. "Danach konnte ich es nicht mehr lassen. Es ist wie ein Virus. Eine Sucht." Was den Reiz ausmacht, diese harten Rennen zu fahren? "Für mich ist das eine Art Langzeitmeditation. Du vergisst unterwegs alles und lebst nur im Hier und Jetzt, bei deinen Hunden."

Yukon Quest und Iditarod sind in Alaska und Kanada richtige Großveranstaltungen. Schnülle ist vor allem deshalb bekannt, weil er als einer der wenigen Fahrer im Jahr gleich an beiden Tausend-Meilen-Rennen teilnimmt. 2008 waren zum Iditarod rund 50.000 Zuschauer am Start in Anchorage. Im Ziel in Nome waren es immerhin rund tausend, obwohl man dort nur mit dem Flugzeug hinkommt. Es gibt Autogrammstunden und viele der Teilnehmer haben eigene Mushing Cards, vergleichbar mit den amerikanischen Baseball Cards. Alle Schlitten haben ein GPS dabei, damit die Fans im Internet ihren Favoriten verfolgen können. Dazu werden Musher aus Hubschraubern gefilmt.

Freundin Libby war erste weibliche Iditarod-Siegerin

Um vorne mitzumischen, muss man hart trainieren. 365 Tage im Jahr fast 16 Stunden täglich ist Schnülle mit seinen 80 Huskys beschäftigt, mit Training, Pflege, Füttern. Im Sommer lebt er zusammen mit befreundeten Mushern im Zelt auf einem Gletscher bei Juneau. Durch Ausflüge mit Touristen verdient er während des Trainings seinen Lebensunterhalt. Sponsoren und Preisgelder lassen ihn über die Runden kommen, mehr nicht. "In die Rentenversicherung habe ich seit zehn Jahren nicht mehr eingezahlt. Wenn ich in den nächsten Jahren nicht unter die ersten fünf komme, muss ich den Absprung schaffen."

Vielen älteren Mushern geht es im Alter nicht sonderlich gut. "Aber durch den Tourismus und meine Mechanikkenntnisse sollte ich das schon hinbekommen. Ich könnte nirgendwo anders leben", sagt Schnülle. "Die Freiheit hier ist unersetzlich." Urlaub ist eigentlich nicht drin. Doch die Musher auf dem Gletscher wechseln sich so ab, dass jedes Jahr einer länger wegfahren kann. "An Deutschland vermisse ich vor allem das kulturelle Angebot und das Essen: Grünkohl und Flammkuchen zum Beispiel."

Wenn Schnülle nicht auf dem Gletscher campiert, lebt er ohne fließend Wasser und Strom auf seinem Farm in Whitehorse oder bei seiner Freundin Libby in Homer. Sie muss wegen der Hunde einige Abstriche machen. Aber wer könnte das besser als sie? Libby stammt aus Alaska und war die erste Frau, die den Iditarod gewonnen hat.

Das Post-Mushing-Syndrom

"Easy", ruft Schnülle, wenn sein Gespann langsamer werden soll. Zum Beispiel, wenn wilde Tiere in Sicht kommen. Besonders Elche können eine Gefahr für die Hunde darstellen. Auch Karibus, Hasen und Kojoten tauchen immer wieder in Sichtweite auf. Die größte Gefahr unterwegs droht aber, wenn die Musher vom Schlaf übermannt werden. "Um das zu verhindern, jogge ich mal ein Stück mit, singe vor mich her oder mache meinen MP3-Player an."

Nach neun Tagen und 22 Stunden war es soweit – Schnülle passierte die Ziellinie in Nome. Der Lohn sind 39.000 Dollar Preisgeld. Das reicht gerade, um die Kosten zu decken. Allein für Anmeldung und das Verschicken des Proviants gingen 5000 Dollar drauf. Pro Winter benötigt Schnülle zehn Tonnen Fleisch für seine Hunde. Außerdem muss er vier Helfer bezahlen, die ihn beim Training und beim Füttern unterstützen.

Nach dem Iditarod fällt Schnülle in ein richtiges Loch. Mental und körperlich. "Ich nenne es Post-Mushing-Syndrom", grinst Schnülle. "Das, worauf du hingearbeitet hast, ist vorbei. Und ich brauche Tage, bis ich meinen Rhythmus wiederzufinden. Es kommt vor, dass ich panisch aus dem Schlaf schrecke, weil ich denke, dass ich während der Fahrt eingenickt bin."

Vier Tage nach dem Rennen brütete er schon wieder über den Rennzeiten. Um zu analysieren, wo er im nächsten Jahr Zeit gutmachen kann. "Eigentlich hatte ich vor dem letzten Rennen überlegt, kürzer zu treten. Doch durch Platz zehn habe ich wieder richtig Blut geleckt", gesteht Schnülle.

Und so ist der Mann mit den langen Haaren und dem wilden Bart auch in diesem Jahr wieder dabei, wenn die härtesten Musher der Welt an den Start gehen.

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