Im Monstertruck durch Alaska Tanz der Polarlichter

Mit 565 PS unter der Haube immer gen Norden: Im Führerhaus eines Monster-Lkw durchquert Brigitte von Imhof die Tundra Alaskas, entdeckt Elche, Karibus und Wölfe in der menschenleeren Landschaft - und wie groß die Liebe eines Truckers zu seinem Beruf sein kann.


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Dalton Higway: Unterwegs in Alaska Norden
"Die Polarlichter am Himmel ziehen eine dermaßen spektakuläre Show ab, dass es mich jedes Mal wieder umhaut": John Schenk liebt Alaska - und seinen Job, besonders im Winter. Der 58-jährige Lkw-Fahrer legt mit seinem Monstertruck regelmäßig die Strecke von Fairbanks in Zentralalaska bis zu den Ölfeldern an der Beaufort-See, zur sogenannten Prudhoe Bay, zurück. Heute, an einem grauen Apriltag, werde ich ihn auf seiner zwölfstündigen Tour durch die menschenleere Landschaft begleiten.

Nach zwei Stunden von Fairbanks auf dem Elliott Highway biegen wir in den Dalton Highway ein, offiziell die "Alaska Route 11". Zweimal pro Woche fährt John die 670 Kilometer lange Strecke hin und zurück. "Aber keine Tour ist wie die andere", versichert er. Daran zweifle ich keine Sekunde. Stand da doch gerade eine riesige Elchkuh mit ihrem Kalb am Straßenrand, völlig unbeeindruckt von unserem Riesentruck. Der Highway führt im Auf und Ab über sanfte Hügel, mit einer silbern glänzenden Pipeline daneben sieht die Landschaft schön-unwirklich aus wie in einem Science-Fiction-Film.

Der Dalton Highway führt weite Strecken parallel zur Trans-Alaska-Pipeline. Die Straße wurde 1974 innerhalb von fünf Monaten als Versorgungsstraße für den Bau der 1287 Kilometer langen Rohrverbindung gebaut, daher heißt sie auch umgangssprachlich Haul Road, Transportstraße. Die Pipeline ist größtenteils überirdisch auf Stelzen verlegt, teils unterirdisch, und verläuft von den Ölfeldern an der Prudhoe Bay am Nordpolarmeer bis in den Süden nach Valdez. Dort wird das Öl in die Tanker verladen und verschifft.

Auch unsere Fracht ist für die Ölförderung bestimmt. Sie besteht aus einem Dutzend sogenannter Rig Mats, das sind stabile Plattformen, die den Ölbohrtürmen als Unterlage dienen. 565 PS stark ist Johns Truck der Marke Peterbilt, und die braucht es auch, um die schweren Lasten über die Berge zu schleppen.

Von der US-Ostküste nach Alaska

John ist seit 35 Jahren bei Lynden Transport, einem der führenden Logistikunternehmen des Landes, angestellt und genauso lange als Truck Driver in Alaska unterwegs. Rund fünf Millionen Dienstkilometer hat er schon unterm Hintern - unfallfrei. Als junger Mann kam er von der Ostküste der USA nach Alaska, um einem Freund auf dessen Schlittenhunde-Farm zu helfen. Er verliebte sich in dieses Land und fand bei Lynden seinen Traum- und Lebensjob. John entspricht ganz dem Klischee eines Truckers: Vollbart, die ergrauten Haare schulterlang, schelmisch blitzende Augen und eine tiefe Stimme.

Regelmäßig kommen andere Trucks entgegen, die oft schon aus mehreren Meilen Entfernung sichtbar sind. Die Fahrer nehmen über Radio Kontakt miteinander auf. John kennt die meisten seiner Kollegen. Man berichtet von Vorfällen auf der Strecke, wünscht sich einen "safe trip", und schon folgt der nächste Funkspruch. Meist beschränkt sich die Kommunikation auf Small Talk, manchmal aber sind die Themen ernster, eine überstandene Krebsoperation einer Ehefrau etwa.

Ich lausche Gesprächen über eine Tochter, die als Cheerleaderin eines College-Footballteams genommen wurde, und über Urlaubspläne. Johns Reiselust hält sich in Grenzen. Er liebt sein Alaska und geht in seiner Freizeit am liebsten Fischen oder Harleyfahren mit seiner Frau. Die ist übrigens auch in der Transportbranche tätig: Sie steuert die Begleitfahrzeuge für übergroße Schwertransporter.

Es wird winterlicher. Die entgegenkommenden Trucks sind in dem aufgewirbelten Schnee kaum zu erkennen, sehen aus wie dampfende Ungetüme. In der frostigen Tundra entdecken wir immer wieder Elche mit riesigen Schaufelgeweihen, Füchse, kleinere Karibu-Herden und sogar einen Wolf. Die Bären, Alaskas Stars unter den wilden Tieren, sind in diesen frühen April-Tagen noch im Winterschlaf.

Diese Region kennt große Temperatur-Extreme: Im Winter kann es bis zu minus 50 Grad Celsius kalt werden, im Sommer klettert das Thermometer auf über 30 Grad plus. Kein Haus ist in Weiten der Tundra auszumachen. Allmählich bekomme ich ein Gefühl für die Dimensionen dieses Landes, das fünfmal so groß ist wie Deutschland, aber nur 680.000 Einwohner zählt.

Fotostopp am Polarkreis

Nach vier Stunden fahren wir auf einer 700 Meter langen Brücke über den mächtigen, zugefrorenen Yukon River. Dieser Strom hat um das Jahr 1880 Tausende von Glücksritter in diese unwirtliche Gegend gelockt, als sich die Nachricht über Goldfunde herumgesprochen hatte.

Bald haben wir den Polarkreis überquert. John hält zum Fotostopp. Es ist empfindlich kalt geworden. Zehn Grad minus und dazu ein eisiger Wind. In Coldfoot, einer alten Goldgräbersiedlung am Koyukuk River, gibt es die einzige Tankstelle und das einzige Restaurant auf der Strecke. Es duftet nach Kaffee und Chicken Wings. An unserem Tisch sitzen drei Trucker, die gebannt ein Baseballspiel im TV verfolgen.

Mit jeder Meile wird es gebirgiger. Wir haben die Brooks Range erreicht, eine Gebirgskette, die sich 1000 Kilometer durch Nordalaska zieht. Leichter Schneefall setzt ein, und nach einer kurzen Zeit fliegen die Flocken waagerecht am Fenster vorbei. Stürme haben hier schon viele Trucks von der Straße geholt, vor allem wenn sie unbeladen auf dem Rückweg waren.

Der Atigun-Pass steht uns bevor, der schwierigste Abschnitt auf der gesamten Strecke. Auf der steilen, vereisten Serpentinenstraße kommen die schweren Lkw leicht ins Rutschen, und über viele Meilen herrscht Lawinengefahr. John kann die vielen Stunden nicht mehr zählen, die er hier am Pass schon warten musste, bis die verschüttete Straße von Schnee- und Geröllmassen befreit war. Diesmal verläuft alles reibungslos, auch wenn wir wegen des Schneetreibens kaum etwas sehen.

Im April ist es im Norden des Landes schon 20 Stunden hell, im Hochsommer geht die Sonne gar nicht unter, im Winter bleibt es stockfinster. Eigentlich mag John das gerne. Im Scheinwerferlicht sieht er besser. Gerade hatte er Geburtstag, er könnte in den Ruhestand gehen. Doch davon will John nichts wissen. "Schau, wie schön dieses Land ist! Die Leute fliegen um die halbe Welt und zahlen viel Geld, um diese Strecke abzufahren. Und ich werde bezahlt dafür."

Container statt Hotel

Kaum ist gegen 23 Uhr die Dunkelheit hereingebrochen, wird es schon wieder hell. In der Ferne machen wir ein Lichtermeer aus. Doch Deadhorse, unsere Endstation, ist keine Stadt, sondern ein riesiges Versorgungscamp für Ölarbeiter. Kein Haus, nur Industriegebäude und Öltürme; kein Hotel, nur Container; kein Restaurant, nur Camp-Kantinen.

Im Terminal von Lynden Transport ist die Fahrt auf der Haul Road nach zwölf Stunden zu Ende. John und ich sagen Byebye. Ich werde in einem der Camps übernachten und morgen früh nach Anchorage fliegen. John wird eine Kleinigkeit essen und gleich wieder die Rückfahrt antreten. Nach insgesamt 15 Stunden Fahrzeit muss er vorschriftsmäßig eine mehrstündige Pause einlegen.

Wahrscheinlich wird er mit seinem Truck auf einen Rastplatz fahren und den tanzenden Polarlichtern am Himmel zusehen. Und er wird sich jenem Erlebnis hingeben, das er mir so erklärt hat: "sich gleichzeitig winzig klein und großartig zu fühlen".



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