Im Outback Australiens Brian und das steinerne Amphitheater

Das Outback im Süden Australiens ist einsam, wild und von Menschen kaum besucht. Wer tief in die schroffe Landschaft der Flinders Range eindringen will, muss sich auf Führer wie Brian, Ryan oder den Cessna-Piloten Todd verlassen.


Wilpena - "Rock'n'Roll forever", schreit Brian Dobson durch den Jeep, als die steile Geröllpiste den Wagen mal wieder durchschaukelt. Fast nur noch im Schritttempo geht es über das Gelände der Arkaba-Schaffarm an der Grenze zum Flinders-Ranges-Nationalpark. Brian lebt schon seit 52 Jahren in der Gegend. Mit 14 ist er zu Hause ausgerissen, er hat in den Flinders Ranges Wildpferde gefangen und ist Lastwagen gefahren. Jetzt zeig er schon seit 20 Jahren Gästen seine neue Heimat.

Ein Geheimtipp sind die Flinders Ranges nicht mehr - wenn Urlauber in South Australia ihre Route festlegen, stehen die uralten Berge am Rande des Outbacks oft auf dem Etappenplan. Allerdings liegt der Gebirgszug nicht unmittelbar am Stuart Highway, der Alice Springs mit Adelaide verbindet. Wer auf der Durchreise auf dieser "Touristen-Autobahn" ist, muss sich also bewusst für den Abstecher entscheiden - und dafür am besten mehrere Tage veranschlagen. Denn die Flinders Ranges haben viel zu bieten: faszinierende Felsen, gute Chancen auf Begegnungen mit Kängurus - und Typen, die tief in diesem Land verwurzelt sind.

Gesicht und Hände des starken Rauchers Dobson sind von Falten überzogen - die viele Sonne in seinem Leben hat ihre Spuren hinterlassen. "Als Truckfahrer habe ich den ganzen Kontinent gesehen", erzählt Brian. "Gut gefallen hat es mir überall. Aber diese Landschaft hier liebe ich." Dann bringt er den Wagen auf einer Anhöhe zum Stehen. Die Sonne brennt, Fliegen umschwirren die Besucher. Ansonsten herrscht Stille.

Steinernes Amphitheater

Nach Osten fällt der Blick auf die schroffe Außenwand von Wilpena Pound, einem großen ringförmigen Gebirgszug, der oft als "natürliches Amphitheater" beschrieben wird und die meist besuchte Attraktion in den Flinders ist. In der Hochsaison verbringen hier bis zu tausend Camper und Hotelgäste die Nacht im Resort, das nahe am einzigen Eingang zum Kessel liegt. Einen guten Blick in die Arena ermöglicht ein Aufstieg zum Wangarra Lookout - am besten am frühen Abend, wenn die Chancen groß sind, dass wenige Meter entfernt ein Emu-Paar auf den Pfad spaziert und Kängurus die Hänge hoch hüpfen.

Die Wappentiere Australiens müssen das Innere von Wilpena Pound heute nicht mehr mit Schafen teilen. Die im späten 19. Jahrhundert begonnenen Versuche, die Flinders Ranges landwirtschaftlich zu nutzen, sind weitgehend im Sande verlaufen. Zunächst hatten die Siedler damals zwar Glück mit dem Wetter und konnten Weizen und andere Feldfrüchte anbauen. Dann aber kamen zur Zeit des Ersten Weltkriegs viele trockene Jahre, die Menschen zogen fort und hinterließen viele Ruinen alter Gehöfte.

Ganz verschwunden ist die Schafhaltung in den Flinders Ranges aber nicht, wie die Arkaba-Farm beweist. Gut 7000 Tiere leben auf dem Gelände, auf dem auch einige Ruinen stehen - es sind alte Außenposten der Cowboys, die hier einst im Sattel sitzend Schafe zusammentrieben. "Heute erledigen zwei Hunde und ein Mann auf dem Motorrad die Arbeit, für die früher drei Cowboys nötig waren", erzählt Brian Dobson.

Schweißtreibend ist nach wie vor die Schafsschur Anfang Februar: Wanderarbeiter erledigen das in einer Scheune, die seit 1856 hier steht. "Wir machen das bei großer Hitze, weil die Tiere dann an den Wasserlöchern leicht zu finden sind", erzählt Farmer Raydon Thomas. "Fünf Scherer schaffen in acht Tagen die komplette Herde." Zu Dancefloor-Musik von Madonna laufen die Ventilatoren in der Scheune auf Hochtouren, und der Schweiß der Akkordarbeiter rinnt in Strömen.

Postkarten-Panorama aus Vogelsicht

Ganz entspannt verdient dagegen Todd Edwards sein Geld. In 30-minütigen Flügen mit einer einmotorigen Cessna 182 zeigt der Pilot seinen Gästen die Flinders Ranges von oben. Pro Person kassiert sein Arbeitgeber dafür 95 Dollar (etwa 53 Euro). In der Hochsaison starten drei Piloten insgesamt bis zu 30 Mal täglich. Den ersten Höhepunkt gibt es schon bald nach dem Start: Das "Postkarten-Panorama" mit Wilpena Pound kommt ins Blickfeld. Weiter im Norden ist die offene australische Ebene zu erkennen, ganz im Westen der Lake Torrens. Der zweitgrößte Salzsee des Landes hat seit Beginn der europäischen Besiedlung der Region nur einmal Wasser geführt, und zwar 1989.

In Wilpena Pound endet die Teerstraße - wer weiter in die Flinders Ranges vordringen will, muss das Fahren auf Schotterpisten mögen. Am besten geht es gleich morgens los in Richtung Arkaroola. Dann sind die Temperaturen erträglich, und viele Tiere grasen nahe der Strecke. Irgendwann hört man auf, die Kängurus zu zählen und zu raten, zu welcher Art sie gehören könnten. Denn die Flinders Ranges sind einer der wenigen Orte, an denen mehrere Känguru-Arten nebeneinander leben: Western Grey, Eastern Grey, Red Kangaroos und sogenannte Euros.

In Arkaroola wartet das nächste typische Outback-Gesicht: Ryan McMillan. Der 29-Jährige ist das Gegenstück zum Klischee des braun gebrannten, durchtrainierten Strand-Australiers: Er ist blass, hager und rothaarig. "Ich war mal in Queensland an der Küste, aber das war nicht mein Ding", sagt er, "ich bin lieber in den Bergen." Ryan nimmt Touristen mit auf die "Ridgetop-Tour", eine 42-Kilometer-Fahrt über Stock und Stein.

Einsames Outback

In den bis zu 1,8 Milliarden Jahre alten Bergen bei Arkaroola wurde 1910 Radium-Erz gefunden. Kamele trugen das Gestein fort, ihre Trampelpfade wurden später für die Geländewagen ausgebaut. Bereits 1967 kauften die Gründer des Öko-Resorts in Arkaroola, Griselda und Reginald Sprigg Teile des weitläufigen Geländes, ein Jahr später standen die ersten Urlauberunterkünfte.

Wendepunkt der "Ridgetop-Tour" ist "Sillers Lookout", ein markant aufragender Felsen. Spitzes Spinifex-Gras überzieht die Hänge, im Osten ist von hier ein großer Salzsee zu sehen, der seit Menschengedenken nur einmal - 1974 - mit Wasser gefüllt war. "Das Salz am Boden des Lake Frome bietet immer dasselbe strahlende Weiß. Die Oberfläche des Sees wird deshalb zum Kalibrieren von Farbkameras in Satelliten genutzt", erzählt Ryan.

An "Sillers Lookout" gibt es für Touristen nur eine Richtung: zurück nach Arkaroola, in eines der im Sommer heißesten und stärksten isolierten Urlaubsgebiete Australiens. Bis zur nächsten Teerstraße sind es mindestens 130 Kilometer. Ryan McMillan aber zieht es manchmal weiter auf das Mawson-Plateau, eine große Hochebene voller Granitfelsen und Wasserlöcher, die vom Aussichtspunkt aus zu sehen und nur durch das Klettern an steilen Hängen erreichbar ist.

Organisierte Touren dorthin gibt es nicht, weil es ein Problem wäre, verletzte Wanderer abzuholen. "Ich war schon dreimal für je fünf Tage dort", erzählt Ryan. "An Orten, an denen seit 140 Jahren kein Mensch war, vielleicht sogar noch nie ein Mensch." Auf dem Plateau ist es immer so, wie Ryan das Outback mag und wie er es auch nahe Arkaroola häufig erlebt: einsam und ganz wild. Auch wenn die Flinders Ranges insgesamt kein Geheimtipp für Australien-Reisende mehr sind: Weiße Flecken auf der Landkarte gibt es hier immer noch.

Von Christian Röwekamp, gms



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