Indian Summer Showtime am Nord-Atlantik

Wenn Zuckerahorn und Roteiche in einer wahnsinnigen, verzückten Leuchtkraft schreien, dann kommt der Indian Summer, schrieb schon Carl Zuckmayer. In den kanadischen Atlantikprovinzen findet die herbstliche Farborgie vor maritimer Kulisse statt.

Von Ole Helmhausen


"Leaf Peeper" auf dem Cabot Trail: Wenn die Seele in der knackigen, klaren Luft abhebt
www.novascotia.com

"Leaf Peeper" auf dem Cabot Trail: Wenn die Seele in der knackigen, klaren Luft abhebt

Nach 15 Jahren in Florida ist Sean McGregor nach Ingonish auf Cape Breton Island zurückgekehrt. "Da unten fehlten mir einfach die Jahreszeiten", sagt der Werbefachmann. "Immer nur Sonne, am Ende ging mir das mächtig auf die Nerven." Zuletzt saß der gelernte Werbefachmann den Winter über schwitzend in Strandcafés herum und hatte Visionen. Von winzigen Fischerdörfern und Wäldern, die vor lauter Farben zu bersten scheinen, von Wanderwegen durch die Highlands und von salzgeschwängerter Meeresluft, die in den Lungen gründlich reinemacht. Jetzt ist Sean wieder zu Hause.

Es ist Oktober. Der Himmel ist wolkenlos blau, und die Berghänge, die in Ingonish unmittelbar hinter dem letzten Haus 300 Meter hoch aufragen, scheinen von einem Flammenmeer bedeckt. Unten an der Pier lehnen ein paar Fischer über die Reling ihres Kutters, tief versunken in die Farbenpracht. Es riecht stark, und zwar nach Tang, nach Humus und nach absterbenden Blättern. Die letzten Mücken tanzen im gelben Licht, die Luft ist so klar, dass selbst die Konturen kilometerweit entfernter Objekte messerscharf erscheinen. Eilig hat es in Ingonish während dieser Jahreszeit kein Mensch. Sean lächelt: "Das ist Lebensqualität. If you know what I mean." Und ob.

Hotlines für Blätter-Gucker

Man könnte glauben, dass hier die Wälder im Oktober wirklich brennen. Zu gelb, zu rot, zu orange strahlen die Blätter der Ahornbäume, Eichen und Erlen, fast fühlt man sich von Hollywood mit digitalen Tricks in ein impressionistisches Gemälde entführt. Die Rede ist - natürlich - vom Indian Summer. Die berühmteste und zugleich kürzeste Jahreszeit Nordamerikas findet zeitgleich mit dem deutschen Altweibersommer statt.

Und damit hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Oder gibt es daheim etwa "leaf peeper", die aus allen Ecken Europas anreisen, nur um dem Schauspiel der Laubfärbung in deutschen Landen beiwohnen zu dürfen? Und Hotlines, wo sich diese Blätter-Gucker rund um die Uhr über den Stand der Laubfärbung in einem Bundesland, in einem Bezirk, in einem Kreis, ja selbst in einem ganz bestimmten Waldabschnitt informieren können?

In Nova Scotia heuert die Regierung sogar eigens Beobachter an, die von Anfang September bis Ende Oktober nichts anderes tun, als die "Fall Foliage", die Laubverfärbung, zu beobachten und ihre Informationen der Arbeitsgemeinschaft " "Leaf Watch" zuzuspielen. Diese speichert die stündlich hereinkommenden Infos unter in Nordamerika gebührenfreien Telefonnummern ab und stellt sie auch ins Netz. Das liest sich dann so: "Region Cape Breton Island. Bezaubernde Kaskaden herbstlicher Farben baden die Insel in sanftem Licht." Ein Link "Leafwatch Update" unten rechts führt zu ausgewählten Orten. Dort steht, dass sich in Pleasant Bay der Rot-Ahorn (Red Maple) in den oberen Bereichen der Berghänge gelb und rot färbt, während näher zum Talboden sich ein Viertel der Birken gelb verfärbt habe, mit orangenen, roten und braunen Einsprengseln dazwischen.

Orange-braun getupft, leicht gelb getönt

Marble Mountain hingegen bescheinigt seinem Rot-Ahorn ein eher flaches, langweiliges Rot. Dafür seien hier die Buchen orange-braun getupft und der Zucker-Ahorn ganz leicht gelb getönt. Die Espen hätten inzwischen ein kräftiges Purpur angenommen, und die ersten Birkenblätter zeigten gelbe Ränder. Am unteren Bildschirmrand: Hinweise auf aktuelle Veranstaltungen, Square Dances, Flohmärkte, Musikfestivals.

Granville Ferry in Nova Scotia: Es riecht nach Tang, nach Humus und nach absterbenden Blättern
www.novascotia.com

Granville Ferry in Nova Scotia: Es riecht nach Tang, nach Humus und nach absterbenden Blättern

Vielleicht ist der deutsche Leser, wenn er über diese Seiten surft, noch immer nicht von der Einzigartigkeit des Indian Summer überzeugt. Für ihn seien Reisende zitiert, deren Wortgewalt ihnen einen Stammplatz im Literaten-Olymp bescherte. John Steinbeck schrieb zum Indian Summer im benachbarten Neuengland: "Das Klima änderte sich rasch, es wurde kalt und die Bäume barsten in Farben, Rots und Gelbs, die man sich nicht vorstellen kann. Es ist nicht nur Farbe, sondern ein Glühen, als ob die Blätter das Licht der Herbstsonne gierig festgehalten hätten und es dann langsam wieder freigäben. Es ist etwas von Feuer in diesen Farben."

Auch Carl Zuckmayer geriet ins Schwärmen: "Noch nie, in keinem der Laubwälder Europas, hatte ich solche Herbstfarben gesehen. Der Höhepunkt liegt in der ersten Oktoberwoche, wenn es nachts schon friert und die Sonne durch Frühnebel bricht, dann schreien Zuckerahorn und Roteiche in einer wahnsinnigen, verzückten Leuchtkraft. Es kommt der Indian Summer, Nachsommer, eine frühlingshaft milde Witterungsperiode, die Blätter fallen, die Bäume werden kahl, der Wald enthüllt ein fremdes, verändertes Gesicht."

Das Blut des Großen Bären

Natürlich haben sich die Großen des Genres nicht mit Kleinigkeiten wie der Erklärung dieses Naturschauspiels aufgehalten. Wie kommt es zu dieser Laubfärbung? Und warum ist der Altweibersommer daheim nicht ebenso Feuer und Flamme? Die Legende der Indianer ist von allen Deutungen am schönsten: Danach ist es das Blut des Großen Bären, das die Wälder im Herbst rot färbt, und sein Fett, das aus dem Kochtopf des himmlischen Jägers spritzt, das für die Gelb- und Goldtöne sorgt. Aber ebenso wenig, wie die Indianer sich selbst Indianer nannten, bezeichneten sie die Laubfärbung als "Indian Summer". Diese Bezeichnung stammt von den weißen Siedlern. Sie nannten die kurze Warmwetterperiode nach dem ersten Frosteinbruch so, weil sich dann die Indianer noch einmal auf den Kriegspfad begaben.

Fluss Margaree auf Cape Breton Island: "Bezaubernde Kaskaden herbstlicher Farben baden die Insel in sanftem Licht"
www.novascotia.com

Fluss Margaree auf Cape Breton Island: "Bezaubernde Kaskaden herbstlicher Farben baden die Insel in sanftem Licht"

Die Erklärung der Biochemiker dagegen nimmt aller Poesie den Wind aus den Segeln. Während der Nährstoffproduktion findet in den Blättern eine Umwandlung von Kohlendioxid und Wasser in Kohlenhydrate statt. Angetrieben wird dieser Prozess vom Tageslicht und vom Chlorophyll, dem Pigment, das für die grüne Farbe der Blätter verantwortlich ist. Den ganzen Sommer über dominiert im Blatt das Chlorophyll. Die Stunde der übrigen, ebenfalls im Blatt vorhandenen Pigmente schlägt erst im Herbst, wenn das Chlorophyll abgebaut wird. Dann treten diese Pigmente in den Vordergrund - Showtime! Forciert wird dieser Prozess in Atlantik-Kanada durch die extremen Temperaturschwankungen: kalte Nächte mit Frost, warme, sonnige Tage.

Wohin während der Fall Foliage?

Die Ahornarten Red Maple und Silver Maple sowie die Eichenarten Northern Red Oak und Scarlet Oak zum Beispiel produzieren das Pigment Anthocyan. Mit Farbtönen von Blutrot bis Dunkelviolett gibt es der Foliage den unverwechselbaren Indian-Summer-Touch. Wie die Laubfärbung letztlich ausfällt und wann genau sie stattfindet, hängt letztlich von Mutter Natur ab. Reiseveranstalter können davon ein Lied singen: So manche Reisegruppe, die für den Farbenrausch teuer bezahlt hatte, stand nach langer Anreise tief enttäuscht in einem Wald, der noch so sommerlich grün aussah wie der daheim im Teutoburger Wald. Oder schlimmer noch, die Show hatte bereits ohne sie stattgefunden.

Margaree Valley auf Cape Breton Island: "Es ist nicht nur Farbe, sondern ein Glühen"
www.novascotia.com

Margaree Valley auf Cape Breton Island: "Es ist nicht nur Farbe, sondern ein Glühen"

Wohin nun während der Fall Foliage? In New Brunswick erlebt das Hinterland von Saint John den Farbenrausch am intensivsten. Das Loyalistenerbe - niedliche kleine Dörfer mit grünem Village Green und schneeweißer Kirche im Zentrum - zaubert hier zusätzlich Neuengland-Atmosphäre. Überall finden Thanksgiving-Festlichkeiten, Farmer Markets und Musikfestivals statt, wie auch auf Prince Edward Island, das berühmt ist für seine Antiquitätenmärkte, und wie in Nova Scotia. Hier bietet das Annapolis Valley, berühmt wegen seiner Obstplantagen, die vielleicht schönste Kombination von Indian Summer und Erntedank-Aktivitäten.

Am besten, man lässt sich einfach treiben und folgt den oft handbemalten Postern, die an Bäumen, Häuserwänden und Verkehrsschildern angebracht werden. Wessen Seele in der knackigen, klaren Luft abhebt, der nimmt den Indian Summer am besten unter die Füße. Trails durch die flammenden Wälder gibt es genug. Vielleicht am schönsten, sind die von der Panoramastraße Cabot Trail auf Cape Breton Island in den Cape Breton Highlands National Park führenden Wanderwege - wegen der knalligen Rot- und Orangetöne vor dem tiefen Blau des Nordatlantiks.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.