Indianische Hotellerie Luxus für Stamm-Kunden

Nach den Kasinos entdecken die Indianer im Südwesten der USA die Hotellerie als Einnahmequelle. In ihren nagelneuen Luxusresorts machen die Ureinwohner aber nicht nur harte Dollar, sondern bieten ihren Gästen auch interkulturelle Begegnungen.

Von Ole Helmhausen


Früher war Sean Feuerwehrmann. Meist hat er Buschfeuer bekämpft, drüben in den Estrella Mountains, erzählt er. Der Wind hat sich oft sehr schnell gedreht, so dass man verdammt aufpassen musste. Der 23-Jährige zeigt auf eine v-förmige Kerbe in den Bergen: Dadurch seien vor 150 Jahren die weißen Siedler gekommen. Seans Vorfahren, friedliche Bauern vom Stamm der Pima und Maricopa, fütterten die wüstenunerfahrenen Bleichgesichter die ersten Jahre durch. Doch die dankten es ihren Gastgebern nicht. Sie stauten den Gila River, der das Sun Valley zum Brotkorb Arizonas gemacht hatte, oberhalb des Tals und nahmen den Bauern damit das Wasser weg. Hunger und Elend im ausgetrockneten Sun Valley waren die Folge.

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Wild Horse Pass Resort: Hotel der Pima und Maricopa

Doch das ist längst Geschichte. Wo seine Vorfahren einst hungern mussten, begrüßt Sean heute als Angestellter des luxuriösen Wild Horse Pass Resort 17 Kilometer südlich von Phoenix die Gäste und beantwortet ihre Fragen nach Kultur und Vergangenheit seines Volkes. Seans Berufswechsel ist symptomatisch für den neuen Trend im amerikanischen Südwesten. Mit Hilfe ihrer Kasinoeinnahmen stellen immer mehr Indianerstämme in Arizona und New Mexiko Luxusresorts in ihre Reservate, die nicht nur Geld einbringen, sondern den Besuchern auch indianische Kultur vermitteln sollen.

Darling der amerikanischen Gourmet-Zeitschriften

Das vorerst Letzte dieser Reihe ist das im Frühjahr 2005 eröffnete Inn of the Mountain Gods in den Bergen New Mexicos. Das luxuriöse Hotel, das den Stamm der Apache 200 Millionen Dollar kostete, trägt die Handschrift berühmter Apache-Künstler: Überlebensgroße Figuren traditioneller Tänzer am Eingang und Zeremonienwerkzeuge wie Adlerfedern und Rasseln aus Hirschhufen erinnern daran, dass dies keines der üblichen Resorts ist.

Die Santa Ana Pueblo bei Santa Fé bieten in ihrem Hyatt Regency Tamaya Resort & Spa den kleinen Gästen "Srai-wi"-Aktivitäten an, die Teilnahme an traditionellen Pueblo-Kinderspielen. In der Nähe betreiben die Pojoaque Pueblo das nagelneue Homewood Suites by Hilton, einen Adobe-Komplex à la "High Chaparal", der demnächst um das Buffalo Thunder Resort erweitert werden soll. Schon 1991 eröffneten die Picuris Pueblo bei Santa Fé außerhalb des Reservats das Hotel Santa Fé, dessen Restaurant mit seinen indianischen Rezepten der Darling der amerikanischen Gourmet-Zeitschriften ist.

Selbst nicht-indianische Resorts bedienen sich indianischer Themen. In Arizona betreibt das Hyatt Regency Scottsdale at Gainey's Ranch ein "Native American Learning Center", wo Navajo-Künstler und "Cultural Interpreters" vom Stamm der Hopi ihr traditionelles Wissen an die Besucher weitergeben.

Luxusresorts, die "richtige Indianer" versprechen? Fünf-Sterne-Etablissements als interkulturelle Begegnungsstätten? Seit die US-amerikanische Ethnologin Margaret Mead in den Zwanzigern die sexuellen Gebräuche der Samoaner studierte, ist bekannt, dass selbst ein noch unsichtbarer Beobachter das Verhalten seines Gegenübers beeinflusst. Und so grübelt denn auch der von bronzefarbenem Personal ("Can I get you anything else?") professionell verwöhnte Hobby-Ethnologe zwischen Pool und Spa über das viel bemühte Wörtchen "authentisch" nach.

"Jetzt sind wir an der Reihe"

Zweifellos hat der Kasino-Boom - die von Indianern betriebenen Kasino setzten letztes Jahr landesweit 18, 5 Milliarden Dollar um - den Trend beflügelt. Für einige geht es jedoch um mehr als nur Geld. "Unsere Geschichte ist viel zu lange von der Regierung erzählt worden", sagt Ginger Sunbird Martin. "Jetzt sind wir an der Reihe." Die Pima-Indianerin und auf indianische Wasserrechte spezialisierte Historikerin stellt als "Cultural Concierge" im Wild Horse Pass Resort interkulturelle Begegnungsprogramme zusammen und ist sichtlich stolz auf das 500-Zimmer-Resort. "Ein Drittel der Belegschaft sind Pima und Maricopa. Das Management haben wir bis 2012 Sheraton-Besitzer Starwood Management übertragen. Bis dahin lernen wir von den Besten. Dann übernehmen wir."

Die Einnahmen fließen schon jetzt in die Gila River Reservation, das traditionelle Stammesgebiet. Seitdem die insgesamt rund 18.000 Pima und Maricopa voriges Jahr die Wasserrechte zurückbekamen, werden Bewässerungskanäle gebaut. Die Farmer im Reservat erhalten technische Unterstützung, die Jugendlichen werden in eigens entwickelte Landwirtschaftsseminare geschickt. Andere sehen ihre Zukunft im Tourismus und fangen im Resort an, im Büro, in den Restaurants oder in der Küche.

Das Resort ist der Stolz des Stammes. "Wir betrachten es als Hedge-Fond", sagt Ginger, "als Rücklage, sollte die Regierung unser Kasino wieder zumachen." Layout und Innendekor, alles entstand in engster Zusammenarbeit mit dem Stammesrat. "Selbst das kleinste Muster, die unwichtigste Farbe muss von den Ältesten abgesegnet werden."

Autotour durch das Reservat

Der Haupteingang beispielsweise liegt im Osten, so verfügte es die uralte Tradition der Sonnenanbetung. Von Pima- und Maricopa-Künstlern angefertigte Wandgemälde unter dem Dach der Lobby, einer weitläufigen Rotunde, erzählen die Schöpfungsgeschichte der beiden Stämme. An der Westseite ist eine Glaswand, die Besucher können direkt auf die Gila-Ebene und die Estrella Mountains am Horizont blicken. Am späten Nachmittag taucht die untergehende Sonne die Bergkämme in ein goldenes Licht. In der Ebene liegt eine Staubwolke, die eine Herde Wildpferde aufgewirbelt hat. In den Restaurants des Resorts herrschen indianische Chefköche, die meisten der Zutaten - Salate, Olivenöl, Mais, Bohnen, Melonen - werden von den Schülern der Gila Crossing Community School im Reservat angebaut.

Wer Arizona besucht, will Kakteen, Kojoten und Cowboys sehen. Und das Alltagsleben der Indianer natürlich. Da Letzteres im Resort kaum möglich sein kann, lädt Ginger einige der Hobby-Ethnologen zu einer Autotour durch die Gila River Reservation ein. Die lehm- und pastellfarbene Nobelherberge verschwindet im Rückspiegel. Im Reservat stehen neu erbaute Häuser neben windschiefen Butzen, nagelneue Pick-ups neben verrottenden Autowracks.

Ginger nimmt kein Blatt vor den Mund. Die Arbeitslosigkeit liege bei 40 Prozent, das Alkoholproblem sei traditionell groß und, dabei nickt sie zu einer Gruppe Teenager hinüber, diese Kinder müssten jetzt eigentlich in der Schule sein. Das Durchschnittsalter im Reservat liege bei 22,7 Jahren. "Die größte Herausforderung besteht darin, eine Veränderung in den Köpfen zu bewirken", sagt Ginger und trommelt mit den Fingern auf dem Armaturenbrett.

In der Lobby geht Sean seinem Beruf nach. Ein beleibter Urlauber aus Ohio will wissen, wie sich Pima anhört, und bittet ihn, ein paar Sätze zu sagen. Sean tut ihm den Gefallen. Daraufhin ruft der Mann seine Familie herbei und will den Willkommensgruß an der Wand übersetzt haben. Sean lächelt höflich und zeigt auf ein kleines Schild mit der Übersetzung. Am Abend schaut Sean der Sonne zu, wie sie hinter den Estrella Mountains verschwindet. "Unser Kampf ist noch nicht zu Ende", sagt er. "Aber dieses Resort hilft."

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