Indien Luxus-Odyssee auf Schienen

Eine Reise im Luxuszug ist der große Traum vieler Romantiker. Berühmt sind der "Orientexpress", der südafrikanische "Blue Train" und der indische "Palace on Wheels". Der "Deccan Odyssey" durch Indien dagegen ist wenigen Globetrottern ein Begriff – zu Unrecht.


Bombay - Es herrscht ein unendliches Gewühle im "Victoria Terminus" in der Millionenmetropole Bombay. Auf dem riesigen Bahnhof, der täglich Millionen von Pendlern durchschleust, drängen sich die Menschen. Familien sitzen auf dem Boden des stattlichen Kuppelbaus und warten auf ihren Zug. Immer wieder kreuzen plötzlich Menschen den eigenen Weg. Wer nicht aufpasst, wird angerempelt.

Langsam fährt der blaue Zug ein. Männer in Uniform und mit Turbanen auf dem Kopf legen rote Teppiche auf den Bahnsteig aus. Jeder Waggon des "Deccan Odyssey" hat einen eigenen Namen und seinen Housekeeper genannten Zugbegleiter. Im Wagen "Sindhudurg", benannt nach einer Stadt südlich von Bombay, sorgt Hindole Biswas für das Wohl der Passagiere. "Willkommen an Bord", begrüßt er seine Gäste auf Englisch und überreicht Cocktails.

Bollywood-Filme auf der Videoleinwand

Kaum sind die Kabinen mit ihren Betten und Badezimmern bezogen, ruckelt es, und der Zug rollt aus dem Bahnhof. Scheinbar ewig zieht sich die Stadt hin. Bombay, das seit einigen Jahren Mumbai heißt, ist die Hauptstadt von Maharashtra. Die größte Stadt Indiens mit ihren modernen Wolkenkratzern am Meer ist Heimat der größten Filmindustrie der Welt. Die Bollywood-Filme laufen hier überall - auch abends im Zug auf einer Videoleinwand. "Vorsicht, sie machen süchtig", warnt eine indische Mitreisende.

Doch am Zugfenster läuft ein anderer Film: Immer noch und schier endlos ziehen die Vorstädte und Armenviertel vorbei. Menschen, die in kleinen Hütten nahe den Gleisen leben, sind zu sehen; Kinder, die im Dreck spielen. Luxus rast an Armut vorbei. Schon jetzt ist klar: Das wird eine Reise der Gegensätze.

"Madame, bitte folgen Sie mir", sagt Hindole und weist den Weg zur Tee-Lounge. Die Strecke dorthin widerlegt die Ansicht, im Zug würden die Fahrgäste nur sitzen. Viele Waggons sind zu durchqueren. Da gibt es das Restaurant, den Frühstücks- und den Fernsehsalon ebenso wie einen Spa-, Fitness- und Business-Waggon mit Internetanschluss. An scheinbar alles ist gedacht. "Dies ist kein historischer Zug, sondern ein neu gebauter, designt nach den Bedürfnissen von heute", erklärt Sajivve Trehaan von dem Unternehmen "The Luxury Trains", das den staatlichen Zug "Deccan Odyssey" für Maharashtra betreibt.

Der Zug schwankt, die Neuankömmlinge müssen sich beim Gehen festhalten, die Kellner dagegen lassen sich wenig stören. Manish schenkt Tee nach, in der Kurve, ohne sich festzuhalten, und ohne auch nur einen Tropfen zu verschütten. "Zwei Monate habe ich gebraucht, um mich an das Gewackel zu gewöhnen", erzählt der junge Mann.

Der Gast als Gott

Trommeln ertönen, als am Morgen darauf die Zugreisenden den Bhoke Bahnhof nahe Rai Jetee betreten. Ein mehrköpfiges Empfangskomitee ist zur Begrüßung angerückt. Frauen schmücken die Ankommenden mit Blütenketten und roten Farbpunkten auf der Stirn. "Atithi Devo Bhava", sagt der Fremdenführer Anil Joglekar. "Das ist der Slogan von Maharashtra und bedeutet so viel wie: Gäste sind für uns wie Götter."

Den indischen Göttern näher kommen die Touristen im Ganesha-Tempel in Ganapatipule. Scheinbar völlig versunken beten hier Menschen und bringen dem Gott mit dem Elefantenrüssel Blumenopfer dar. Zwei Frauen ordnen am Boden Reiskörner zu hinduistischen Symbolen und meditieren.

Auf dem Weg nach Süden erstrecken sich an der Konkanküste endlos wirkende Strände. Touristisch ist das Küstengebiet kaum erschlossen. In den Resorthotels bleiben die wenigen Fremden unter sich, allein mit dem Sand, der Sonne und dem Meer wie in einer Postkartenidylle. Indische Badegäste sind in den Wellen nicht auszumachen.

In acht Tagen 2500 Kilometer

"Maharashtra war früher auf den indischen Tourismuskarten nicht einmal verzeichnet", erzählt Zugchef Rajini Mohan Sharma. Seit etwa dreieinhalb Jahren fährt nun der "Deccan Odyssey" die touristischen Höhepunkte des Bundesstaates an, der nur wenig kleiner ist als Deutschland, aber etwa 100 Millionen Einwohner zählt. In acht Tagen schafft der Zug 2500 Kilometer.

"Wie war Ihr Tag?", fragt Hindole die zurückkehrenden Gäste. Er, der auch bei 35 Grad im Schatten stets Anzug mit Krawatte trägt, empfängt seine "Schäfchen", die sich im Zug durchwegs leger kleiden. Feuchte Tücher zur Erfrischung werden gereicht. In der Kabine lässt es sich auf dem Bett ausruhen. Wieder ruckelt der Zug, und es geht weiter. Das Panorama-Programm beim Blick aus dem Fenster rollt an.

Einer der größten Staaten Indiens: Maharashtra liegt im Westen des Subkontinents am Arabischen Meer.
GMS

Einer der größten Staaten Indiens: Maharashtra liegt im Westen des Subkontinents am Arabischen Meer.

Jenseits der Fensterscheiben zieht eine tropische Landschaft vorbei. Reisfelder, Cashew- und Mangobäume sind zu sehen. In jedem Dorf wächst ein als heilig verehrter Banyan-Baum mit riesigen Luftwurzeln, Kakteenhecken begrenzen Weiden. Ein Mädchen führt weiße Kühe mit geheimnisvollen pinkfarbenen Zeichen auf dem Rücken zum Wasser. Überall glüht die rote, eisenhaltige Erde im Sonnenuntergang.

"Good morning" - bei Tagesanbruch klopft Hindole Biswas zum Wecken an die Tür. Fünf Minuten später wird der morgendliche Tee serviert, ein Zugritual, an das sich die Gäste gerne gewöhnen. Um den Besichtigungsmarathon zu bewältigen, gilt es früh aufzustehen.

Auslegerboote bringen die Touristen vom kleinen Hafen Malvan über die Bay zur Seefestung von Sindhudurg, die vom Arabischen Meer umspült wird. Die mächtige Anlage aus dem 17. Jahrhundert füllt die gesamte Insel aus. Vom Strand von Tarkali aus fahren die Gäste flussaufwärts. An den Ufern wachsen Palmen, soweit das Auge reicht. Natur pur - hier gibt es kein Haus und kein Dorf.

In kleineren Orten im Landesinneren sind auf den Märkten selten Ausländer anzutreffen. An der Hauptstrasse verkaufen Händler Gemüse, Gewürze und Hühner. Kommen sich ein Bus und ein Lkw entgegen, ist kein Durchkommen mehr. "Jetzt muss ich meinen Stand abbauen", ärgert sich dann so mancher Kaufmann.

Blick in eine fremde Welt

Nachts steht der Zug im Bahnhof, leise surrt die Klimaanlage. Durch die getönten Scheiben ist das Leben auf dem Bahnsteig zu beobachten. Draußen ist es immer noch heiß. Frauen in Saris fächern sich Luft zu. Kinder kommen heran, lachen und drücken sich die Nase am Zugfenster platt. Nur so können sie einen Blick in eine ihnen fremde Welt werfen, die sich mit spiegelnden Scheiben eigentlich den Blicken entzieht.

An den Süden von Maharashtra grenzt Goa. Der Zug biegt dort ins Landesinnere ein, kehrt über den Bundesstaat Karnataka zurück nach Maharashtra und fährt hinein in die Dekkan-Hochebene, jetzt in Richtung Norden. Die Landschaft zeigt sich hier trockener und hügelig. Und kurz vor dem Ende der Reise steuert die Bahn die kulturellen Höhepunkte des Staates an - die Höhlentempel in Ellora und Ajanta nahe der Stadt Aurangabad. Sie umfassen insgesamt 63 Höhlen im buddhistischen, jainistischen und hinduistischen Stil.

Die Tempel von Ellora sind in die Felsen gehauen und zeigen filigrane Skulpturen. Wie die nahe gelegenen Höhlen von Ajanta gehören sie zum Weltkulturerbe. Kunstvolle Wandmalereien in tiefen Felsenhöhlen erzählen von den Inkarnationen des Buddhas. Diese Spuren in den Hügeln des Hochlands gelten als die ältesten buddhistischen Höhlentempel der Welt.

Daniela David, gms



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