Per Mountainbike durch Indien "Ich wollte meine Komfortzone überwinden"

Mit 18 fuhr Tanay Bothara zum ersten Mal mit dem Fahrrad durch Indien. Inzwischen hat er Tausende Kilometer in seinem Heimatland zurückgelegt - für einen Inder eher ungewöhnlich. Dahinter steckte auch eine Mission.

Tanay Bothara

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Bothara, Sie sind bereits Tausende Kilometer durch Indien geradelt. Sind Fahrradtouren in Ihrem Land üblich?

Bothara: Auf längeren Strecken eigentlich nicht. Das machen nur verrückte Reisende wie ich. Ich bin durch die fünf Bundesstaaten Himachal Pradesh, Gujarat, Sikkim, Northern West Bengal und Kerala gefahren.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Nächte im Zelt, an Tankstellen und einmal sogar im Gouverneurspalast verbracht. War das Ihre eindrucksvollste Erfahrung?

Bothara: Noch eindrucksvoller war die Tour zum Gurudongmarsee im östlichen Himalaya, der auf einer Höhe von 5148 Metern liegt. Als ich auf dem Weg dorthin im Tahngu-Camp auf die Armee traf, sagte man mir, es sei unmöglich, zum See zu fahren. Ein Autofahrer habe auf dem Weg aufgrund von Sauerstoffmangel angeblich einen Herzanfall erlitten haben und sei gestorben.

Zur Person
  • Tanay Bothara
    Tanay Bothara, Jahrgang 1995, ist Architekt und Künstler. Er hat in der indischen Großstadt Pune studiert und fuhr während der Semesterferien mit seinem Fahrrad durch Indien, um für Nachhaltigkeit und Umweltschutz zu werben.

SPIEGEL ONLINE: Hat Sie das nicht abgeschreckt?

Bothara: Nein. Ich habe die Tour trotzdem gemacht. Als ich danach ins Lager zurückkam, habe ich erst realisiert, was ich geschafft hatte - und brach in Tränen aus. Es ging mir nicht darum, an einen der höchsten Seen der Welt mit dem Fahrrad zu fahren. Es ging mir auch nicht darum, dem Tod ins Auge zu sehen. Ich wollte meine Komfortzone überwinden, mich über meine Grenzen hinaus pushen und beweisen, dass die anderen falsch lagen. Ich würde es wieder machen. Das Himalaya-Gebirge ist magisch: Man kann nicht genug davon bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Von 2014 bis 2016 sind Sie geradelt, um für Nachhaltigkeit zu werben - zu Beginn waren Sie 18 Jahre alt. Das Projekt hieß "From Free India to Green India". Was haben Sie genau gemacht?

Tanay Bothara: Zusammen mit einem Freund war ich damals in jeden Semesterferien jeweils einen Monat lang mit dem Fahrrad unterwegs. Wir haben Schulen besucht, um darüber zu reden, wie man Nachhaltigkeit und Umweltschutz im Alltag besser umsetzen kann. Gleichzeitig wollten wir mit unseren Fahrrädern mehr Bewusstsein für nachhaltige Mobilität schaffen.

SPIEGEL ONLINE: Dann haben Sie sicherlich von den Schulen oder anderen Behörden finanzielle Unterstützung für das Projekt bekommen.

Bothara: Nein, ich war immer knapp bei Kasse. Auf die Kampagne bin ich gekommen, nachdem ich mit meinen Eltern übers Fahrradfahren gesprochen habe. Sie haben gleich gemeint, dass ich unterwegs sicherlich viele Menschen treffen werde, die ich zum Umdenken inspirieren könnte. Also beschloss ich, auf meiner Tour für eine nachhaltige Lebensweise zu werben.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Schüler reagiert?

Bothara: Die Kampagne kam gut an. Es war spannend zu beobachten, auf wie viele Ideen die Schulkinder selbst kamen, um die Umwelt besser zu schützen. Das waren teilweise sehr einfache Dinge: wöchentlich Bäume auf dem Schulgelände pflanzen, nassen und trockenen Müll trennen, keine Plastikstrohhalme oder -tüten mehr benutzen oder mehr Fahrrad fahren. Das ist wie ein Schmetterlingseffekt: Starte mit etwas Kleinem, aber Kraftvollem - und es kann eine Revolution daraus werden.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland und generell in Europa gehen gerade sehr viele Schüler für mehr Umwelt- und Klimaschutz auf die Straße. Kennen Sie "Fridays for Future" und Greta Thunberg?

Bothara: Noch nicht. Aber auch in Indien wächst das Bewusstsein für den Klimawandel und die Rolle, die wir innehaben, um die Umwelt besser zu schützen. Trotzdem ist es noch ein langer Weg. Ich denke, vor allem Großstädter wie wir sollten mehr auf unser tägliches Handeln achten. Ich habe das Gefühl, in ländlichen Regionen in Indien verhalten sich die Menschen nach ihren Traditionen ohnehin nachhaltig. Ihre Lebensweise verläuft synchron zur Natur.

Fotostrecke

13  Bilder
Quer durch Indien: Radeln für die Nachhaltigkeit

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie Touristen empfehlen, die durch Indien mit dem Fahrrad fahren wollen?

Bothara: Indien ist ein großartiges Land und die Menschen sind wunderbar und sehr gastfreundlich. Aber manchmal gibt es auch gegenteilige Erfahrungen. Ich würde empfehlen, Fahrradwerkzeug mitzunehmen und für den Notfall ein Seil, ein Messer und Pfefferspray. Gerade in den Bergen oder in verlassenen Gegenden sollte man außerdem nicht immer darauf vertrauen, dass das GPS funktioniert. Da helfen analoge Karten und Ratschläge von Einheimischen besser weiter.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie drei Ihrer indischen Lieblingsorte nennen?

Bothara: Oh, nur drei? Das ist schwierig. Ich würde sagen, der Gurudongmarsee in Sikkim, das Dorf Chitkul in Himachal Pradesh mit seinen schönen Kiefern und schneebedeckten Gipfeln ringsum und die scheinbar endlos großen Teeplantagen auf Hanglagen in Devikulam in Kerala.

SPIEGEL ONLINE: Auf Ihrer Webseite schreiben Sie, Sie würden gerne bis zu Ihrem Lebensende durch jedes Land der Welt radeln. Ist das immer noch Ihr Plan?

Bothara: Auf jeden Fall. Wie Forrest Gump. Ich beziehe mich auf ihn, weil er einfach seinen eigenen Weg gegangen ist. Ohne sich dabei zu fragen, was andere über ihn denken. Mein Traum ist es, bald durch die Schweiz, Frankreich, Italien und Skandinavien zu radeln.



insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
Sibylle1969 09.08.2019
1.
Man sollte noch dazu sagen, dass Radfahren in Indien wegen des Verkehrs und der Art, wie dort gefahren wird, sehr gefährlich ist. Es gilt das Recht des Stärkeren, und da steht der Radfahrer ziemlich unten in der Hierarchie.
marcanton80 09.08.2019
2. Das unterschätzte Fahrrad !!
Anstatt mit dem E-Roller Blödsinn Schlagzeilen und aufgeschlagene Kniee zu produzieren, sollte unser Verkehrsminister vielleicht dieses Gerät mehr in Mittelpunkt seiner Politik stellen .Wie die Holländer das zb schon seit ewig machen ,aber in einen Land wo VW und Konsorten das sagen haben wie der Verkehr in Zukunft auszusehen hat ist das natürlich indiskutabel klar....
noch_ein_forenposter 09.08.2019
3.
Interessanter Beitrag. Was ich allerdings nicht verstehe ist die Aussage, dass man sich in verlassenen Gegenden nicht auf das GPS verlassen kann. Das ist Satelliten-basiert. Da ist es völlig egal, ob die Gegend verlassen ist. OK, Online-Karten sind da ein Problem, aber die kann man sich auch vorher runterladen. Strom braucht man dazu natürlich auch.
The Restless 09.08.2019
4.
"Das Himalaya-Gebirge ist magisch: Man kann nicht genug davon bekommen." Ja, das stimmt wirklich.
The Restless 09.08.2019
5.
Zitat von noch_ein_forenposterInteressanter Beitrag. Was ich allerdings nicht verstehe ist die Aussage, dass man sich in verlassenen Gegenden nicht auf das GPS verlassen kann. Das ist Satelliten-basiert. Da ist es völlig egal, ob die Gegend verlassen ist. OK, Online-Karten sind da ein Problem, aber die kann man sich auch vorher runterladen. Strom braucht man dazu natürlich auch.
Ich glaube, er meint, man dürfe sich nicht ausschließlich auf das GPS verlassen. Im schlechten Wetter kann ein elektronisches Gerät zicken, der Strom könnte knapp werden etc. Die klassische Navigation mit Karte & Kompass sollte man immer wieder betreiben, um in Übung zu bleiben.
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