Indiens märchenhafte Paläste Wie aus 1001 Nacht

Nirgendwo in Indien gibt es eine solche Dichte historischer Prachtbauten wie in Rajasthan. Die farbenprächtigen Paläste sind dem Einfluss zweier konkurrierender Kulturen zu verdanken. Aber auch in den benachbarten Regionen lässt sich auf den Spuren der indischen Maharajas wandeln.


Der "Palast der Winde" in Jaipur: Die Attraktion sieht von weitem wie ein imposanter Bienenstock aus
GMS

Der "Palast der Winde" in Jaipur: Die Attraktion sieht von weitem wie ein imposanter Bienenstock aus

Deogarh/Jaipur - Die Gattin des Rajas von Deogarh steht im gelben Sari im Innenhof des Palastes. Seit ihr Mann das Anwesen zu einem Hotel umgebaut hat, macht sie sich einen Spaß daraus, umherirrende Gäste zu beobachten. "Wo, bitte, geht's zum Speisesaal?" fragen sie etwas verunsichert. Die elegante Dame lächelt - es ist wirklich nicht leicht, sich im "Deogarh Palace" zu orientieren. Das Hotel gehört zu den Palästen, in denen sich Reisende in Rajasthan auf die Spuren von Maharajas und Moguln begeben können. Nirgendwo in Indien gibt es eine solche Dichte historischer Paläste wie hier. Tagsüber lassen sich die Prachtbauten der Residenzstädte besichtigen - abends schlafen die Touristen dann in Hotels, die Europäer als "wie aus 1001 Nacht" beschreiben.

Weil neu eintreffende Besucher den Weg zu ihrem Zimmer ohnehin nie fänden, bringt im "Deogarh Palace" ein Page die Gäste zur richtigen Tür. Es geht Treppe hoch, Treppe runter, den Außenbalkon entlang, am Türmchen vorbei, über eine sonnige Dachterrasse und durch einen schattigen Hof mit Brunnen. Der Page schleppt die Koffer und verdreht die Augen, denn die Gäste folgen nur in Etappen. An jeder Ecke bleiben sie stehen, um das gelb-weiße Wunderwerk im Zuckerbäckerstil aus allen Blickwinkeln zu bewundern.

Das "Umaid Bhawan Palace" in Jodhpur: Viele Paläste und Prachtbauten Indiens dienen heute als Hotels
GMS

Das "Umaid Bhawan Palace" in Jodhpur: Viele Paläste und Prachtbauten Indiens dienen heute als Hotels

Ein 20 Zentimeter langer Schlüssel öffnet das Vorhängeschloss, der Riegel löst sich quietschend. Die Flügeltüre gibt den Blick frei auf Säulen und Bögen, gepolsterte Nischen, Himmelbett und Erker. Kein Zimmer gleicht hier dem anderen - schließlich wurden die Räume nicht als Hotelzimmer geplant, sondern als Audienzhalle, Rauchsalon oder Harem. Vergilbte Fotos an den Wänden erzählen noch von den früheren Bewohnern des Palasts: Man sieht sie auf Elefanten sitzend oder mit Tigern posierend.

Rosarote, weiße, blaue und sandfarbene Städte

Die märchenhafte Architektur Rajasthans ist dem Einfluss zweier konkurrierender Kulturen zu verdanken. Die Clans der Rajputen beherrschten das Land vom 7. Jahrhundert nach Christus an. Sie waren Hindus und bildeten eine weit verzweigte Adelshierarchie aus. Der höchste Titel war der des Maharajas (zu Deutsch: "Großer Führer"). Noch angesehener waren allein die Maharanas ("Große Krieger") von Udaipur. Sie waren die einzigen, die sich nie den islamischen Moguln ergaben.

Noch heute gehören Mogulbauten wie das Mausoleum Taj Mahal zu den Zielen fast jeder Indien-Reise, auch wenn es nicht in Rajasthan, sondern im benachbarten Bundesstaat Uttar Pradesh liegt. Die Paläste der Moguln beeinflussten den Baustil der Rajputen. Ihre Zwiebelkuppeln vermischten sich mit den länglichen Chattris der Hindus, die symmetrischen Gärten und eleganten Säulenhallen brachten Licht und Luft in die engen, verwinkelten Rajputen-Paläste.

Alle großen Städte Rajasthans haben ihre charakteristische Farbe. Die Hauptstadt Jaipur wird "die rosarote Stadt" genannt. Jodhpur ist "die blaue Stadt", Udaipur ist weiß und Jaisalmer sandfarben.

Wie Spielzeug von einem anderen Stern

Der wie ein löchriger Bienenstock aufragende "Palast der Winde" in Jaipur erweist sich aus der Nähe betrachtet als Kulisse: Die Fassade ist nur wenige Meter tief. Hohe Damen konnten hinter den vergitterten Fenstern das Treiben außerhalb des Palastes beobachten, ohne selbst gesehen zu werden. Nicht weniger verblüffend ist das Observatorium für astrologische Bestimmungen. Die rätselhaften Messgeräte wirken wie Spielzeug eines Riesen von einem anderen Stern.

Elegantes Ambiente: Luxushotels wie das "Umaid Bhawan Palace" in Udaipur sind prachtvoll ausgestattet
GMS

Elegantes Ambiente: Luxushotels wie das "Umaid Bhawan Palace" in Udaipur sind prachtvoll ausgestattet

Nur wenige Kilometer entfernt liegt der Palast von Amer, die alte Residenz der Herrscher von Jaipur. Die verlassenen Gemächer glänzen voller Mosaike aus Spiegelscherben. Das Spektakulärste an Amer ist aber die Lage hoch oben auf einem Bergkamm. Hinauf geht's nur zu Fuß oder auf dem Rücken von Elefanten. Von hier oben hat man einen faszinierenden Ausblick auf das Aravalli-Gebirge, das Rajasthan wie ein Rückgrat durchzieht.

Die Pracht der Paläste steht in schmerzhaftem Gegensatz zur Armut der Bevölkerung. In den Städten sehen die Touristen obdachlose Familien am Straßenrand schlafen. Verkrüppelte Bettler bitten um Münzen, arme Kinder wühlen neben Schweinen im Müll.

In allen größeren Orten ist ein Besuch der Innenstadt ein Abenteuer mit zwei Seiten: interessant, aber auch anstrengend. Es ist eng, laut und dreckig. Am meisten nerven die penetranten fliegenden Händler, die das Bummeln unmöglich machen. Sie haben leichtes Spiel, weil so auffällige Wesen wie Europäer nicht zu übersehen sind.

Indiens "heilige Männer": Wie hier in Udaipur begegnen die Touristen ihnen überall
GMS

Indiens "heilige Männer": Wie hier in Udaipur begegnen die Touristen ihnen überall

Dennoch sind die Märkte ein unerschöpflicher Quell der Exotik: Frauen in knallbunten Saris tragen ihre Einkäufe auf dem Kopf. Alte Männer in Wickelhosen und Turban feilschen beim Schuster. Zwischen Motor-Rikschas und Ochsenkarren zupft der Ohrausputzer Härchen aus femden Lauschern, ein Zahnarzt zieht Patienten im Staub einen Zahn.

Inmitten des Trubels stehen - von allem unbehelligt - die weißen, knochigen "heiligen Kühe", und Schlangenbeschwörer vezaubern ihre Tiere mit der Flöte. Safranfarben gekleidete "Heilige Männer" meditieren und Anhänger der Jain-Sekte kehren den Weg vor ihren Füßen, damit sie keine Lebewesen verletzen. All das ist Rajasthan.

Von Sandra Trauner, gms



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.