Grizzly: »Wir respektieren sie, und sie respektieren uns«
Grizzly: »Wir respektieren sie, und sie respektieren uns«
Foto: Win Schumacher / Weltwege

Indigener Tourismus in Kanada Wo Buckelwale springen und Grizzlys jagen

Noch in den Neunzigerjahren mussten in Kanada Kinder aus indigenen Familien in Internate, viele starben hier. Heute gehen die First Nations selbstbewusst mit ihrer Geschichte um – und laden Touristen ein.
Von Winfried Schumacher

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»Meine Mutter hatte bereits geahnt, dass die Transporter auch für uns kommen würden«, sagt »Jamena« James Allen. Dann blickt er über den Kluane-See auf das majestätische Bergpanorama der Eliaskette.

Hier oben, im äußersten Nordwesten Kanadas, hat der 75-Jährige schon vielen von der bewegten Geschichte seines Volkes erzählt, von den Lastwagen, den Umerziehungsinternaten, den toten Kindern. Jugendliche hörten ihm zu, genauso wie Studierende und in den vergangenen Jahren auch immer mehr Touristinnen und Touristen. In Allens Shakat Tun Wilderness Camp , in rustikalen Blockhütten ohne Warmwasser und WLAN, können sie mit Blick auf die verschneiten Gipfel im Kluane-Nationalpark eine Auszeit nehmen. Dabei lernen sie auch viel über Allens Volk, für das diese Weltabgeschiedenheit seit unzähligen Generationen Heimat ist.

»Jamena« James Allen am Kluane Lake

»Jamena« James Allen am Kluane Lake

Foto: Win Schumacher / Weltwege

Allen verbrachte seine Kindheit nicht weit vom Kluane-Nationalpark, heute Teil des größten länderübergreifenden Unesco-Weltnaturerbes und Sehnsuchtsziel für Abenteurer aus aller Welt. In der Nähe der Grenze zu Alaska sind die Gipfel höher als irgendwo sonst in Kanada. Mit 5959 Metern ist der Mount Logan der höchste von unzähligen Gipfeln, die aus einem mächtigen Eisfeld ragen.

»Meine Mutter ist hier noch fast ohne Kontakt nach außen aufgewachsen«, erzählt Allen. Die Welt aus Allens frühen Kindheitserinnerungen gibt es nicht mehr. In seinen Händen hält er ein Malbuch, das sein Volk für die nachgeborene Generation herausgebracht hat. Auf einer der Seiten zeigt es einen Lastwagen, der auf seiner Ladefläche acht Kinder vor den Augen ihrer Eltern zu einem Steinhaus bringt. Davor wartet eine Nonne mit schwarzem Schleier auf sie.

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Indigener Tourismus in Yukon und British Columbia: Trommeln, Wale und Gletscher

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Noch bis in die Neunzigerjahre wurden in Kanada Kinder aus indigenen Familien in Umerziehungsinternate gebracht. Etwa 150.000 wurden in mehr als 130 Residential Schools umerzogen, ausgebeutet und missbraucht. Der 30. September, der »Orange Shirt Day«, steht in Kanada seit seiner Einführung 2021 als nationaler Gedenktag wie kein anderer Tag für die leidvolle Vergangenheit, aber auch für das neue Selbstbewusstsein der First Nations. First Nations – so nennen sich die indigenen Völker Kanadas, hinzu kommen die Inuit und die Nachfahren des Cree-Volks und der Europäer, die Métis.

Der umgangssprachliche Name des »Nationalfeiertags für Wahrheit und Versöhnung« geht auf ein orangefarbenes Hemd zurück, das Phyllis Webstad, einer Zeitzeugin, am Tag ihrer Einschulung in ihrem Internat in British Columbia weggenommen wurde. Viele Kanadierinnen und Kanadier tragen an dem Gedenktag orangefarbene T-Shirts mit der Aufschrift »Every Child Matters«. Über die Entdeckung von 215 Kinderleichen im Mai 2021 auf dem Gelände des Internats von Kamloops in British Columbia wurde weltweit berichtet. Historiker gehen inzwischen von bis zu 6000 Kindern aus, die durch Krankheiten, Unterernährung und Missbrauch ihr Leben ließen.

»In der Nacht hörte ich die Kinder weinen und nach ihren Müttern rufen.«

Jamena James Allen

»Als ich sieben war, haben sie mich, meinen Bruder und meine Schwester abgeholt«, erzählt »Jamena« James Allen. Ziel des Transporters war die mehr als 200 Kilometer entfernte Choutla School in Carcross. Sie wurde von der anglikanischen Kirche geführt. Für Allens Eltern waren ihre Kinder damit in eine unerreichbare Ferne verschleppt.

»Uns wurden am ersten Tag die Haare geschoren. Sie hatten Angst, dass wir Läuse ins Internat bringen«, erinnert sich Allen. »In der Nacht hörte ich die Kinder weinen und nach ihren Müttern rufen.« Die Internatsschüler durften einzig Englisch oder Französisch sprechen. »Sie wollten den Indianer in uns austreiben.« Die Internate wurden größtenteils von katholischen und protestantischen Kirchen betrieben und von der kanadischen Regierung verwaltet. Die letzte Schule wurde 1997 geschlossen.

Allen fährt mit seinem Geländewagen entlang des Ufers des Kluane-Sees durch eine Landschaft, deren Farbenpracht jetzt im Herbst aufleuchtet. Die Gelb-, Orange- und Rottöne der Balsam- und Zitterpappeln vor dem Blau des Sees und den ersten schneebedeckten Gipfeln blenden die Augen. Allen liebt es, jungen und älteren Gästen das Land der Champagne and Aishihik First Nations – so heißt sein Volk auf Englisch – zu zeigen.

Tipps und Infos zu indigenem Tourismus

Zum Beispiel mit Air Canada  oder Lufthansa  nach Vancouver. Von dort fliegt auch Pacific Coastal Airlines  nach Powell River, eine halbe Autostunde von Lund, Ausgangshafen für Bootsausflüge in den Desolation Sound. Nach Whitehorse im Yukon fliegen neben Air Canada auch Air North  und im Sommer auch Condor  direkt ab Frankfurt. Für eine Erkundung des Yukons empfiehlt sich ein geländetauglicher Mietwagen oder ein Wohnmobil.

Gern bringt er sie auch zu einer Felswand, wo seine Vorfahren seit Jahrhunderten die Dall-Schafe jagten. »Vor Kurzem habe ich hier noch mehrere Bisons gesehen«, sagt er beim Überqueren einer Lichtung auf einem Hügel. Die Waldbisons waren einst von weißen Jägern ausgerottet und Ende der Achtzigerjahre wieder angesiedelt worden. Inzwischen leben hier wieder Hunderte der Wildrinder.

Sein Shakat Tun Wilderness Camp will für Indigene, Touristinnen und Touristen gleichermaßen ein Rückzugsort in der Natur sein. »Wir haben hier immer wieder auch Bären zu Gast, aber hatten nie Probleme«, sagt Allen, »wir respektieren sie, und sie respektieren uns.« Manchmal führt ein Schamane in einer aus Ästen und Erde gezimmerten Jurte Reinigungsrituale durch. Allen geht auch mit Alkohol- und Drogenabhängigen Fallen stellen. »Wieder mit der Natur in Einklang zu leben, ist für sie die beste Therapie.« Der Tutchone ist nicht nur Guide und Wildniskenner. Als langjähriger Vorsitzender seines Stammes und Kanzler der Yukon University hat er an Konferenzen für Indigene in verschiedenen Ländern teilgenommen.

Powwows und Lagerfeuer für Urlauber

Trotz ihrer oftmals traumatischen Vergangenheit blicken viele First Nations auch hoffnungsvoll in die Zukunft: In den vergangenen Jahren haben viele eigene Kulturzentren und Gedenkstätten teils an den ehemaligen Residential Schools geöffnet. Sie gestalten zunehmend auch das Bildungssystem. Immer mehr Bedeutung gewinnen sie auch im Tourismus.

So ziehen etwa Grizzly-Touren immer mehr Menschen an, die sich auch für die spirituelle Bedeutung der Tiere für die Ureinwohner interessieren. Orcas und andere Tierarten spielen in der Mythologie der indigenen Völker eine ebenso wichtige Rolle. Auch die Kultur der First Nations fasziniert immer mehr Kanada-Urlauber. Mittlerweile stehen traditionelle Zeremonien und Powwows bei vielen auf dem Reiseprogramm. Dabei wird die leidvolle Geschichte nicht ausgespart – so wie am Desolation Sound in British Columbia.

Die Gäste des Klahoose Wilderness Resort  hatten dort am Morgen noch Buckelwale und Delfine beobachtet, bevor sie in der Fjordlandschaft des Toba Inlet Grizzlys bei der Lachsjagd entdeckten. Am Abend sitzen sie an einem Lagerfeuer an der Küste, die Funken stieben in den Himmel – und sie lauschen den Erzählungen von »Klemkwateki« Randy Louie, Kulturreferent der Klahoose First Nation und Mitarbeiter des dem Volk gehörenden Resorts.

»Klemkwateki« Randy Louie vom Klahoose Wilderness Resort

»Klemkwateki« Randy Louie vom Klahoose Wilderness Resort

Foto: Win Schumacher / Weltwege

»Mein Vater starb, als ich zwei Jahre alt war, bei einem Autounfall unter Alkoholeinfluss«, erzählt der 49-Jährige, »auch meine Mutter hatte ein Alkoholproblem.« Erst vor acht Jahren erfuhr Louie, dass mehrere aus seiner Familie in Residential Schools waren. Es hat einige Zeit gedauert, bis Louie offen über seine Familiengeschichte erzählen konnte. Seine Großmutter hatte ihren Enkel in ein traditionelles Langhaus geschickt, wo der Junge in die Bräuche und die Spiritualität seiner Ahnen eingeweiht wurde. »Sie hat gesehen, dass ich dort meine Traumata überwinden kann.« Heute lehrt Louie selbst an verschiedenen Langhäusern, und seine Kinder besuchen sie.

»Wir glauben daran, dass die kommenden Generationen den durch die Residential Schools entstandenen Teufelskreis aus Kulturverlust und Alkohol durchbrechen werden.«

Sancheä Madison Allen

Auch das Volk von »Jamena« James Allen nutzt sein Da-Kų-Kulturzentrum, um Traditionen, Musik und Sprache zu pflegen und wiederzubeleben. Die junge Generation sieht darin ihre Zukunft. Seine Enkelin, die 26-jährige Sancheä Madison Allen, etwa wirkt in einer Musik- und Tanzgruppe mit, die auch für Touristinnen und Touristen Lieder auf Dän k’è aufführt, der Sprache der Champagne and Aishihik First Nations. Während ihre Eltern die Muttersprache des Großvaters gar nicht mehr sprechen, hat Allen sie in Kursen gelernt. »Manche schreiben sich jetzt auch Textnachrichten in ihren Sprachen«, sagt sie. »Ich bin sicher, mit der nächsten Generation werden die indigenen Sprachen noch lebendiger. Mein Sohn lernt Dän k’è schon in der Kita. Er spricht es schon jetzt besser als ich.«

Ihr Großvater hat Sancheä Madison Allen das Fischen gelehrt. Jedes Jahr im September, wenn die Rotlachse zum Laichen den Gebirgsbach in Klukshu am Ostrand des Kluane-Nationalparks hochsteigen. Sie begleitet ihn auch zum Fallenstellen in den Wald und nimmt ihren Sohn mit. Die Felle verarbeitet ihre Großmutter zu Kleidung und Schuhen. Heute nutzt die Familie alles, was sie jagt und fischt, allein für den Eigenbedarf, so wie es ihre Vorfahren einst taten. »Wir glauben daran, dass die kommenden Generationen den durch die Residential Schools entstandenen Teufelskreis aus Kulturverlust und Alkohol durchbrechen werden«, sagt sie.

Win Schumacher ist freier Autor des SPIEGEL. Bei seiner Recherche zu dieser Reise wurde er unterstützt von Destination British Columbia  und www.travelyukon.com .

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