Indischer Bundesstaat Meghalaya Brücken aus Baumwurzeln

Das Panorama erinnert an die Filmtrilogie "Der Herr der Ringe": In riesigen Wäldern wuchern Riesenfarne an Urwaldbäumen. Der indische Staat Meghalaya gehört zu den nassesten Plätzen der Erde - nicht nur aus diesem Grund trägt er den Beinamen "Schottland des Ostens".

TMN

Shillong - Seit Jahrhunderten baut das Volk der Khasi seine Brücken, ohne dafür einen Cent auszugeben: Es lässt sie wachsen. Die Kunst dieser Fertigung wird von Vätern an ihre Kinder weitergegeben: Die Wurzeln von ausgewählten Gummibäumen lassen sie auf beiden Seiten eines Flusses wachsen. Schlanke Stämme vom Betelnussbaum und Bambus geben Führungshilfe.

Etwa 15 Jahre dauert es, bis ein solches Wurzelgeflecht 20 bis 30 Meter lange Brücken bildet. "Ich war noch ein Kind, als die Wurzeln über den Fluss zu wuchern begannen. Sie wachsen heute noch", sagt eine Frau im Dorf Riwai, die ihr Alter auf 75 Jahre schätzt. Ungezählte solcher Bauwerke wachsen in Meghalaya, dem kleinen indischen Bundesstaat im östlichen Zipfel des Subkontinents.

Meghalaya ist das Land der Berge, der grünen Hügel, der reißenden Flüsse und Wasserfälle in der üppigen Regenzeit. Es ist aber auch das Land faszinierender Höhlen und eines ungewöhnlichen Rekords: In Cherrapunji auf knapp 1400 Meter Höhe posieren Touristen vor einem Schild: "The wettest place on planet earth" steht dort Schwarz auf Gelb. Die Ehre, über den nassesten Ort der Erde zu verfügen, wechselt allerdings. Auch in anderen Gegenden in Meghalaya und auf Hawaii gibt es Orte mit weltrekordverdächtigen Regenmengen.

Wegen der grünen Hügel und klaren Bäche fühlten sich manche Briten während der Kolonialzeit an ihre Heimat erinnert und nannten Meghalaya "Schottland des Ostens". "Den Beinamen hat die Region auch wegen der Trinkgewohnheiten", sagt Robert Garnett Lyngdoh. Der Geschäftsmann, ein Khasi, war früher Tourismusminister.

Dorfbewohner fegen fast täglich vor ihrer Haustür

"Es ist unglaublich, wie ordentlich und gepflegt Mawlynnong ist, das sauberste und schönste Dorf in meinem Land", sagt Manu Singh über einer einen Ort, der Anlaufpunkt vieler Toursiten ist. Der Computerexperte aus Bhubaneswar im Bundesstaat Orissa muss es wissen. Er ist viel gereist. Eine Familie aus Varanasi lässt sich von dem Geschäftsmann auf einer etwa 25 Meter hohen Plattform aus Bambus ablichten. Das Panorama: unendliches Grün mit einigen roten und grauen Dachtupfern und der Spitze eines kleinen Kirchturms.

Dörfler fegen hier vor ihrer Haustür fast täglich. Die kleinen Gebäude sind schlicht und gepflegt, die Gärten voller Blüten. Die Gastfreundschaft in den kleinen Pensionen und Teestuben ist groß. Kein Müll im Gebüsch, dafür viele Papierkörbe am Wegesrand. Die Besucher - meist aus Indien - sind begeistert.

Father Joseph begrüßt die meisten Gläubigen persönlich mit einem freundlichen Händeschütteln. Der katholische Priester hat viel zu tun an diesem ganz normalen Sonntag. Die große Cathedral of Mary Help im 1500 Meter hohen Shillong in den Khasi-Bergen strahlt in hellem Blau und geht farblich fast nahtlos in den wolkenfreien Himmel über.

Die Kirche hat etwa 700 Sitzplätze. "In zehn Minuten sind die alle voll", sagt der Pfarrer und schaut dabei auf seine Uhr. Und an Weihnachten und Ostern? "Dann übertragen wir mit Lautsprechern auch nach draußen." Die britischen Kolonialherrscher haben viele Missionare mitgebracht, Kirchen gebaut - und 1898 in Shillong auch einen Golfplatz.

Touristisch wenig entdeckt bietet der Staat viele Möglichkeiten

Nahe Shillong liegen Attraktionen wie die Elephant-Wasserfälle und die heiligen Haine der Khasi sowie der von Kiefern umsäumte Umiam-See mit Hotels, Boots- und Tauchtouren. Am Weg parken drei bunt bemalte Lastwagen: einer mit Jesus über dem Frontfenster, einer mit einem Hindu-Gott und der dritte mit einem Hahn, dem Symbol für Khasi-Riten. Im kleinen Meghalaya leben nur drei Millionen Menschen. Etwa 86 Prozent sind Adivasi, wie sich die indigene Bevölkerung nennt, die wichtigsten Stämme Khasi und Garo.

Doch nicht nur Naturliebhaber zieht es nach Meghalaya: Sportliche Urlauber reizen die vielen Tropfsteinhöhlen. Veranstalter organisieren Caving-Touren mit klettern, waten und Floßfahrt. Wissenschaftler aus Deutschland entdecken hier häufig neue unterirdische Gänge und Grotten.

Experten der Arbeitsgemeinschaft Höhle und Karst Grabenstetten in Baden-Württemberg waren schon oft im "Land der Wolken", wie Meghalaya auch heißt, und gehen von über 1200 Höhlen in der Region aus. In vielen leben Fledermäuse, riesige Spinnen, Krebse und blinde Fische. Die längsten unterirdischen Räume sind gut 20 Kilometer.

Bernd Kubisch/dpa/lei



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