Vulkantouren in Indonesien Blaues Wunder am Kratergrund

Michael Martin

In der Caldera des Krakatau hoffen Fischer auf einen Fang, im Ijen schuften Minenarbeiter im Schwefeldampf - und Michael Martin erlebt einen Zaubergarten aus blauen Feuern. Eine Fototour zu den Vulkanen Indonesiens.

Wie einen Geheimcode liest Deni die auf Endlospapier gezeichneten Kurven, die rund um die Uhr aus dem Drucker rattern. Die Ausschläge zeigen die seismischen Bewegungen, die eine auf dem Kraterrand des Krakatau montierte Sonde in die Vulkanwarte an der Westküste Javas funkt. "Krakatau schläft" erklärt uns der junge, indonesische Vulkanologe und zeigt uns Bilder des letzten großen Ausbruchs am 22. Dezember 2018.

Damals wurde ein Teil des Vulkans weggesprengt und rutschte ins Meer. Der nachfolgende Tsunami tötete mehr als 400 Menschen. Der größte Ausbruch des Krakatau ereignete sich am 27. August 1883 und forderte durch einen 40 Meter hohen Tsunami über 36.000 Menschenleben. Er zählt zu den sechs größten Vulkanausbrüchen in den letzten tausend Jahren.

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22  Bilder
Michael Martin in Indonesien: Fototour zum Krakatau, Bromo und Ijen

Offiziell ist der Krakatau derzeit wegen Ausbruchsgefahr gesperrt, doch das stört unseren Kapitän Tukul genauso wenig wie die Dutzende von Fischer, die in der vom Meer gefluteten Caldera jede Nacht auf einen Fang hoffen. Er und sein Bootsmann haben meine Frau Elly und mich in einem Boot in die Mitte der Sundastraße zwischen Sumatra und Java gebracht, wo der Krakatau-Archipel liegt.

Wir werden am schwarzsandigen Strand des Anak Krakatau abgesetzt und steigen im späten Nachmittagslicht zum Kraterrand hoch. Unter uns liegt der nach dem letztjährigen Ausbruch entstandene Kratersee. Die geothermische Wärme erhitzt sein Wasser, sodass unablässig Dampfschwaden aufsteigen.

Die Nacht verbringen wir aus Sicherheitsgründen im Zelt auf einer vier Kilometer entfernten, ebenfalls unbewohnten Nachbarinsel und kehren noch zweimal zum Vulkan zurück.

Merapi: mit Beton gezähmt

In den folgenden Tagen wollen wir die wichtigsten Vulkane Javas erkunden. Erstes Ziel ist der 2914 Meter hohe Merapi, der die nahe Millionenstadt Yogyakarta permanent gefährdet. Seit dem letzten großen Ausbruch im Herbst 2010 hat man mit viel Beton versucht, einen Schutz vor den wegen ihrer hohen Geschwindigkeit gefürchteten, pyroklastischen Ströme aufzubauen.

Felder reichen die Flanken des Vulkans bis auf 1700 Meter Meereshöhe hinauf und können aufgrund der hohen Fruchtbarkeit bis zu viermal im Jahr abgeerntet werden. Die Bauern kennen das Risiko eines Ausbruchs und vertrauen darauf, dass sie rechtzeitig gewarnt werden und fliehen können.

Wir sind mit einem Taxi in das höchste Dorf am Merapi gefahren und hoffen, glühende Lava aus seinem Lavadom austreten zu sehen, doch es geschieht in dieser Nacht nichts. Erst drei Tage später berichtet die Vulkanwarte am Merapi von einem imposanten Lavastrom.

Bromo: Drohnenflug über der Caldera

Wir sind da schon am Bromo im Osten Javas. Mit einem Jeep fahren wir von der Stadt Malang durch endlose Felder weit die Flanken der Tengger-Caldera hinauf, in welcher der Vulkan liegt. Der Sonnenaufgang am höchsten Punkt des Caldera-Randes ist berühmt. Um sich einen guten Platz auf der Aussichtsplattform zu sichern, brechen die meisten der Besucher bereits um 3 Uhr morgens in ihren Hotels auf.

Um 6.20 Uhr geht endlich die Sonne auf, bereits kurz danach bewegt sich die Karawane der Jeeps wieder zurück in die Unterkünfte - und wir sind allein auf der betonierten Plattform, die einen idealen Startplatz für meine Drohne darstellt.

Ich lasse sie hoch über der Caldera fliegen, um das Dreigestirn aus dem rauchenden Bromo, dem gleichmäßigen Batok und dem 3676 Meter hohen Semeru im Hintergrund ins Bild zu setzen. Besonders fotogen ist der Nebel, der sich manchmal nachts auf dem Boden der Caldera bildet.

Vom Bromo sind es sieben Fahrstunden zum zweiten bekannten Vulkan Ostjavas, dem Ijen. Auch er hat sich in Zeiten von Instagram zu einem Touristenmagnet entwickelt. Hauptattraktion sind die blauen Feuer, die auf brennenden Schwefel zurückzuführen und nur nachts zu sehen sind.

Ijen: Schuften für 14 Euro Tageslohn

Als wir um 2 Uhr morgens den Parkplatz am Ausgangspunkt in 1800 Meter Meereshöhe erreichen, ist dieser bereits überfüllt. Hunderte haben vor uns die Eingangskontrolle passiert und steigen über einen steilen Pfad die 500 Höhenmeter zum Kraterrand auf. Der nachfolgende Abstieg in den Krater ist nichts für schwache Nerven.

Von den Fumarolen am Kraterboden steigen giftige Schwefeldioxidwolken auf, die ohne Gasmaske lebensgefährlich werden können. Über eine Stunde dauert der Abstieg, da es an heiklen Stellen immer wieder zu Staus kommt. Um 4.30 Uhr stehen wir am Kraterboden vor den blauen Feuern, die uns aber enttäuschen.

Nur selten geben die Dampfwolken einen Blick frei, und dann richten sich die Dutzende Handy-Blitze auf die kleinen, blauen Flammen. Mit dem Beginn der Morgendämmerung verschwinden scheinbar die Feuer und mit ihnen auch die Menschenmassen. Langsam werden die Umrisse des Kratersees Kawah Ijen erkennbar.

Minenarbeiter Hatonn im Vulkan Ijen: Verletzte Schultern
Michael Martin

Minenarbeiter Hatonn im Vulkan Ijen: Verletzte Schultern

Eine Stunde nach Sonnenaufgang sind wir die letzten verbliebenen Besucher an den Fumarolen. Zwischen ihnen stehen nur noch zehn Minenarbeiter und brechen Schwefelplatten mit Stangen heraus und schleppen sie weg. Der Schwefel entsteht am Ende von zehn Meter langen Röhren, die den durchgeleiteten, zunächst bis zu 240 Grad Celsius heißen Schwefeldampf abkühlen. Am unteren Ende der Rohre tritt der Schwefel als noch 100 Grad heiße orange Masse aus. Erst nach vollständiger Abkühlung nimmt der Schwefel seine gelbe Farbe an.

Ein paar Platten füllen einen Korb, jeweils zwei Körbe sind mit einer Stange verbunden. So gesundheitsschädlich das Arbeiten im Schwefeldampf ist, so mörderisch ist auch der Transport aus dem Krater. Hatonn, Minenarbeiter und Vater von drei Kindern, zeigt mir ungefragt die zerschundene Haut auf seinen Schultern.

Er rechnet mir in gutem Englisch vor, wie viel er pro Tag verdienen kann. Pro Kilogramm Schwefel bekomme er 1000 Rupien, 70 Kilogramm könne er tragen, an manchen Tagen schaffe er den Aufstieg dreimal. "210.000 Rupien" rechne ich im Kopf, umgerechnet 14 Euro Tagesverdienst für eine Arbeit, die nach wenigen Jahren die Gesundheit ruiniert.

Am Kratergrund: wie im Zaubergarten

Zurück in unserer Unterkunft am Fuße des Ijen lassen mir die blauen Feuer keine Ruhe, und so steigen wir in der nächsten Nacht bereits um Mitternacht auf. Wir sind nun ganz alleine und stehen um 2 Uhr morgens auf dem Boden des Kraters. Aber wir haben Pech und sehen kein einziges blaues Feuer. Hatonn erkennt mich wieder, sieht mir meine Enttäuschung an, fasst mich an der Hand und führt mich geradewegs in die Dampfsäulen der größten Fumarolen hinein.

Gerade noch rechtzeitig kann ich die Gasmaske vor mein Gesicht schieben. Elly hält sich an meinen Pullover fest, beide halten wir die Augen fest verschlossen. Eine endlose Minute lang laufen wir durch den beißenden Dampf.

Wie ein Zaubergarten aus blauen Feuern
Michael Martin

Wie ein Zaubergarten aus blauen Feuern

"Open your eyes", höre ich Hatonn sagen. Vorsichtig öffne ich die Augen und finde mich in einem Zaubergarten aus blauen Feuern wieder. In einem märchenhaft anmutenden, blauen Strom fließt der brennende Schwefel den Abhang zum Seeufer hinunter und ergießt sich in einem blauen Delta in den Kratersee.

Ich bin von der surrealen Situation so überwältigt, dass es ein paar Sekunden dauert, bis ich zu Stativ und Kamera greife.



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3 Leserkommentare
idiocracy4life 26.09.2019
Xicht123 26.09.2019
spon-facebook-10000427818 26.09.2019

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