Insel Lamu in Kenia Hemingway, Hippies und der Hochadel

Auf Lamu, dem verträumten Archipel vor Kenias Küste, ticken die Uhren eine Spur langsamer. Arabische Seefahrer und britische Kolonialisten haben auf den afrikanischen Inseln ihre Spuren hinterlassen. Eine Mischung, die viele prominente Besucher fasziniert.

Von Ellen Alpsten


"Lamu", schrieb Ernest Hemingway, "darf nicht verschwendet werden. Gehen Sie die Insel mit Ruhe und Geduld an." Der amerikanische Schriftsteller war nicht der Erste, den Lamu verzauberte. Der im Norden Kenias gelegene Archipel lässt Welten verschmelzen - Afrika mit Indien und Arabien -, und eine Reise führt leicht zur Wiederkehr. Zuerst gelangten wohl schon im 9. Jahrhundert arabische Seefahrer auf die Inseln, deren Nachkommen, die Swahili, Lamu mit ihrer Sprache und ihrer Kunst prägten. Später folgten Portugiesen, Türken, Omaner und die Briten.

Nach Hemingway kamen die Hippies: In Lamu-Stadt und dem benachbarten Fischerdorf Shela mit seinem türkisfarbenen Ozean und kilometerlangen, unberührtem Sandstrand ließ es sich herrlich leben. Die Mangos wachsen einem noch heute in den Mund, den Hummer will man mit der Hand fangen und bei Vollmond am Strand grillen. Die rastlose Prinzessin Soraya kam in den Siebzigern als eine der ersten Reisenden des Hochadels, viele andere folgten ihr und dem Ratschlag Hemingways seit Anfang der neunziger Jahre.

Schon bei der Ankunft auf der Insel Manda stellt sich das ein, was Einheimische die "Küstitis" nennen: Muße, vulgo auch Faulheit genannt. Pole pole, nur die Ruhe, diese Worte lernt man schon am Flugplatz, der nur aus drei Wellblechhütten besteht. Mit Staub bedeckte Koffer werden vom Eselkarren auf eine Dhau geladen. Schon Vasco da Gama suchte auf dieser Art Boot vor der Küste Kenias nach einem Seeweg nach Indien.

"Ein Mann ohne Esel ist ein Esel"

Mohammed, der Kapitän, nimmt Kurs auf Lamu-Stadt, die Hauptstadt des Archipels, die von der Unesco zum Weltkulturerbe erhoben wurde. Zwischen Palmen und Mangroven ragen Flachdächer auf. Die Mole ist geschäftig: Die Männer schlendern im Khanzu, dem arabischen Kittel, oder in Hemd und Kikoi, dem kenianischen Tuch, das um die Hüften geschlungen wird. Frauen ziehen in ihren Buibuis dahin, den langen, schwarzen Gewändern, und halten die Jüngsten und Schönsten unter ihnen immer in ihrer Mitte.

Autos finden mit wenigen Ausnahmen in den mittelalterlich engen Gassen der Stadt keinen Platz, und so bewahrheitet sich eine alte Swahili-Weisheit: "Ein Mann ohne Esel ist ein Esel." Die Tiere sind überall: 3000 Esel sollen ihre harte Arbeit auf der Insel verrichten, zuletzt finden sie mit Glück ihr Gnadenbrot in einem Esel-Sanatorium an der Corniche, der Küstenstraße. Bis dahin jedoch jagen sie Katzen die Wände aus Korallenstein hoch, springen über die offenen Abwasserkanäle und brechen durch die Tür eines Swahili-Hauses, wo sie mit Hallo und Essensabfällen begrüßt werden.

Ornamentreiche Schnitzereien an den hohen Türen sind der einzige Hinweis auf den Wohlstand der Eigentümer der Häuser. Und antike Schnitzereien sind auch der Stolz des Museums an der Mole, dessen Sammlung an die Prachtzeiten Lamus erinnert: Elfenbein und Sklavenhandel machten die Stadt reich. Auch Deutschland hatte im 19. Jahrhundert einen Außenposten auf Lamu. Europas Hunger nach Luxus wurde mit Leopardenfellen, Schildpatt, Straußenfedern, Honig, Bienenwachs, Rhinozeros-Hörnern und Ebenholz gestillt. Die Kaiserliche Deutsche Postagentur auf der Kenyatta Road, nahe dem verlassenen Fort gelegen, ist heute ein Museum.

"Friedlich und sicher ist es hier"

Auf der Corniche hupt dann eins von Lamus wenigen Autos: Iko Wapi Love, wo ist die Liebe, steht auf dem Dreirad geschrieben. In Kenia hat jeder Kleinbus einen Namen. Erst im vergangenen Jahr hat Barack Obama Prinzessin Diana den Rang als beliebtester Taufpate abgelaufen. Der Wagen gehört dem King Fahd Hospital, das die Saudi-Araber umsonst ausstatten.

Lamu ist muslimisch: "Ich muss es der Gegenseite zugestehen - friedlich und sicher ist es hier", sagt ein Missionar, der auf den Inseln Urlaub macht. Er arbeitet in Eldoret, das vor nur einem Jahr ein Zentrum der Gewalt im Norden Kenias war. "Wie all das passieren konnte", sagt Mohammed nur, ehe die Dhau Kurs auf das Dorf Shela hält. "Wenn die Touristen nicht kommen, wem sollen wir dann unseren Fisch verkaufen?"

Früher lebte Shela nur von der Fischerei und dem Verkauf von Kokos, Ingwer, Chili, Limone und Koriander am Markt in der Hauptstadt - eben dem, was die köstliche Swahili-Küche ausmacht. Pole pole allerdings. Auf Lamu wird erst auf Bestellung eingekauft. Zwischen Bestellung und Essen vergeht leicht mehr als eine Stunde. "Wo bleibt die Krabbe in Ingwersoße?" "Ich arbeite daran, Madam."

Doch die Reisenden kommen weiter auf die von der Zeit vergessenen Insel: So wie Ernst August und Caroline von Hannover, die dann das Swahili-"Beachhouse" am Strand von Shela mieten. Ernst August brachte vor neun Jahren Lamu in die Schlagzeilen: Der "Prügelprinz", schrieben die deutschen Zeitungen, habe wieder zugeschlagen.

Der "Prince" aber handelte ganz Lamu aus der Seele: Ein deutscher Hotelier beschallte Shela von seiner Discothek von der nur 800 Meter entfernten Insel Manda aus. So verpasste der Prinz von Hannover dem Mann mindestens zwei Ohrfeigen - die Prozesse ziehen sich bis heute hin. "Hoffentlich kommt er bald wieder, der 'Prince'", lachen die Beach Boys von Shela. "Denn wenn wir selber zuschlagen, gehen wir ins Gefängnis."

Dem Deutschen folgten die englischen Prinzen William und Harry, das Model Jerry Hall, der französische Couturier Emanuel Ungaro und die italienische Schriftstellerin Kuki Gallmann. Manchmal bleiben die Reisenden für immer, angezogen von dem wunderbaren Klima, der Freundlichkeit der Menschen und den weißen Swahili-Häusern, mit ihren luftigen Galerien und den hübschen Innenhöfen. Wie diese früher aussahen, zeigt das Swahili-Haus-Museum in Lamu-Stadt: mit einem Raum zum Sterben und zum Gebären. In einem sogenannten Echo-Raum konnten sich die hinter hohen, offenen Wänden sitzenden Swahili-Frauen ungesehen mit Besuchern unterhalten.

Kein Fisch? Hakuna Matata

"We were poor, so poor. You wouldn't believe it", sagt Mister Adil, in dessen Geschäft die neuen Einwohner von Shela alles einkaufen. Nur Alkohol ist auf Lamu kaum aufzutreiben. Daran stören sich aber weder Sofia Coppola noch der Schriftsteller Jeffrey Eugenides. Sie gehen an die Bar des "Hotel Peponi".

Dort fühlen sich auch britische Privatschüler wie der legendäre Großwildjäger Denys Finch Hatton, und ihre Freundinnen räkeln sich in durchsichtigen Sarongs. Man trinkt das kenianische Tusker-Bier oder den "Ol' Pal"-Cocktail des Hauses aus Bourbon, Wermut und Campari. Die Sonne taucht alles in ein goldenes Bad, und die "Küstitis" hat einen weiteren Tag vergehen lassen, einfach so. Morgen muss etwas unternommen werden. Morgen.

"Wollen wir in der Lagune fischen?", schlägt Mohammed vor. Die Dhau über die Wellen des Riffs zu segeln erfordert Geschick und Erfahrung. Die Leinen werden ausgeworfen. Mohammed fängt als Einziger einen Fisch. Hakuna Matata. Keine Sorge. Aus dem Schatten der Bank zieht er eine Schale voller Fisch, auf dem Markt erstanden. Seine Frau hat Chapatis gebacken und noch frisches Gemüse gehackt. "Lunch in an hour, ok?" Er bläst die Glut in seinem Chico, dem kleinen Kohleofen an Bord der Dhau, gerade erst an. Pole pole.

Die Ebbe lässt Inseln aus feinstem Sand auftauchen. Das Meer wird zu türkisen Pfützen. Der Morgen ist beinahe vergangen. Die Seele kann auf Lamu dem Teufel nicht anheimfallen. Denn nur die Hast kommt von ihm, die Ruhe aber kommt von Allah. Auch das ist eine Swahili-Weisheit.



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