Interview mit Extrembergsteiger Gipfelsturm in Patagoniens ewigem Eis

"The Lost World" - so taufte das deutsche Team die Route, die sie zum Gipfel des 2831 Meter hohen, sturmumtosten Cerro Murallón im argentinischen Inlandeis führte. Stefan Glowacz, einer der besten Bergsteiger Deutschlands, über die Expedition nach Patagonien, seine Kletterleidenschaft und die besten Kletterrouten Europas.


Gipfelstürmer Stefan Glowacz: Das ständige Warten auf besseres Wetter ist unglaublich zermürbend
Klaus Fengler

Gipfelstürmer Stefan Glowacz: Das ständige Warten auf besseres Wetter ist unglaublich zermürbend

Herr Glowacz, wir gratulieren zum Gipfelerfolg am Cerro Murallón.

Stefan Glowacz:

Vielen Dank.

Sie und ihre drei Begleiter haben drei Wochen allein dafür gebraucht, 400 Kilogramm Ausrüstung durch orkanartige Stürme hindurch bis zum Berg zu schleppen. Was war denn schlimmer: der Anweg oder das eigentliche Klettern?

Glowacz: Beim Bergsteigen in Patagonien ist der größte Feind eigentlich immer das Wetter. Innerhalb von Minuten können am strahlend blauen Himmel gewaltige Sturmwolken aufziehen und einen zum sofortigen Rückzug zwingen. Über die Gletscher, die wir überqueren mussten, sind manchmal so heftige Windböen gerast, das es uns mit unseren schweren Rucksäcken auf dem Rücken einfach umgeworfen hat. Solche Stürme kann man nur im Zelt oder in der Schneehöhle aussitzen. Gerade dieses ständige Warten auf besseres Wetter, diese mentale Belastung, war unglaublich zermürbend - und im Nachhinein betrachtet sogar anstrengender als das eigentliche Durchsteigen der Wand selbst.

Die derzeit anspruchsvollsten Kletterrouten der Welt erreichen den oberen 11. Schwierigkeitsgrad. Wie würden Sie auf dieser Skala ihre Tour durch die Nordwand des Cerro Murallón einordnen?

Glowacz: Der erste Teil war relativ einfach, weiter oben gab es dann Kletterpassagen bis zum oberen 7. Schwierigkeitsgrad (7+) im Fels und bis zum 8. Grad (M8) im kombinierten Gelände aus Fels und Eis. Der Vergleich mit schwierigen Sportkletterrouten täuscht aber, denn bei der Erstbegehung einer alpinen Wand wie am Cerro Murallón erschweren Stein- und Eisschlag, das unbekannte Gelände und spärliche Absicherungen zusätzlich den Aufstieg. Vor allem aber mussten wir die 1200 Meter hohe Granitflanke an einem einzigen Tag bezwingen, um nicht vom schlechten Wetter eingeholt zu werden. Am ehesten kann man unsere Route vom Charakter her vielleicht mit einer langen, klassischen alpinen Tour in den Westalpen vergleichen.

Was fasziniert Sie daran, ständig an winzige Felsvorsprünge geklammert mit der Schwerkraft zu ringen?

Glowacz: Dass man sich an jeder Wand, auf jedem Meter wieder neue Bewegungen ausdenken muss - und dadurch die eigene Kreativität immer wieder herausfordert. Und dass ich bei der Wahl dieser Herausforderungen letztendlich mein eigener Herr bin. Dass ich entscheiden kann, welcher Berg mich reizt und welcher nicht. Diese Freiheit, immer wieder neu aufbrechen zu dürfen, macht das Klettern für mich zur Selbstverwirklichung.

Und warum mussten Sie dafür unbedingt bis ans Ende der Welt zum Cerro Murallón reisen?

Glowacz: Weil es in Patagonien noch immer Neuland zu entdecken gibt. Diese grenzenlose, vom Sturm durchpeitschte Landschaft strahlt eine ganz besondere Faszination aus. Und die Granitnadeln der südlichen Anden gelten unter Kletterern als die schwierigsten Berge der Welt. Diese Einsamkeit, dieses Abenteuer hat mich geradezu magisch angezogen.

Wie haben Sie sich auf diese Expedition vorbereitet?

Glowacz: Robert Jasper und ich sind beide Profisportler, deshalb trainieren wir ohnehin täglich. Ich laufe viel und stärke Kraft und Ausdauer an kürzeren Routen im Fels oder in der Halle. Ein spezielles Trainingsprogramm für Patagonien haben wir nicht aushecken müssen. Man weiß ja ohnehin nicht genau, was einen erwartet. Bei der Vorbereitung quält man sich eher mit der Frage: Wie kommt man überhaupt bis zur Wand? Natürlich haben wir uns bei anderen Bergsteigern informiert, die zuvor schon in dieser extrem einsamen Gegend im Kontinentaleis unterwegs waren. Aber die einzigen Karten, die uns letztlich zur Verfügung standen, waren so alt, dass viele Gletscherseen, die wir umlaufen mussten, noch gar nicht eingezeichnet waren. Ingesamt hat die logistische Vorbereitung der Expedition etwa ein Jahr gedauert.

Für alle, die nicht so lange planen und sich ins Unbekannte vorwagen wollen: Was sind aus ihrer Sicht die schönsten Klettertouren in Europa?

Glowacz: Nun, bei der Vielzahl von Wänden allein in den Alpen fällt die Auswahl natürlich sehr schwer. Sicherlich zu den faszinierendsten Klettergebieten Europas zählt für mich aber die Verdon-Schlucht in Südfrankreich: 300 Meter tief fallen dort perfekte Kalksteinwände ins Tal ab. Eine phantastische, extrem ausgesetzte Klettererei an bombenfestem Gestein. Eine der schönsten Linien dort ist etwa die Tour "L'Ange de décomposition" im 8. Schwierigkeitsgrad. Aber auch in Deutschland gibt es herrliche Klettertouren, etwa den "Bayerischen Traum" an der Wetterstein-Südseite: ein 280 Meter langer Weg mit sehr alpinem Charakter.

Wie kann man das Sportklettern erlernen, um vielleicht irgendwann selber solch ein Abenteuer zu wagen?

Am Cerro Murallón: Zum Gipfel ist es nun nicht mehr weit
Klaus Fengler

Am Cerro Murallón: Zum Gipfel ist es nun nicht mehr weit

Glowacz: Der Alpenverein und andere Veranstalter bieten in ganz Deutschland regelmäßig Kletterkurse an. Auch ich habe, als ich 15 war, in einem solchen Kurs mit dem Klettern begonnen. In fast allen größeren Städten gibt es inzwischen auch Kletterhallen mit künstlichen Wänden. Dennoch würde ich jedem, der die Wahl hat, raten, draußen am Fels zu beginnen: Man bekommt dann von Anfang an ein ganz anderes Gespür für die Natur, für die Suche nach dem nächsten Griff, auch für die Gefahren. So wird man letztlich zu einem besseren Kletterer.

Wie hoch schätzen Sie denn die Gefahren beim Klettern ein?

Glowacz: Das Risiko, in einer Sportkletterroute zu stürzen und sich schwer zu verletzen, ist - wenn man alle Sicherungsregeln beachtet - extrem gering. Selbst der Vorsteiger ist ja durch Seil und Bohrhaken gesichert. Im alpinen Gelände muss man allerdings auf Stein- oder Eisschlag und vor allem auf das Wetter achten. Die größte Gefahr liegt wahrscheinlich in der eigenen Selbstüberschätzung - und in Konzentrationsfehlern bei Routineabläufen. Ganz hervorragende Kletterer sind schon ums Leben gekommen, weil sie sich aus Unachtsamkeit nicht richtig im Seil eingebunden haben - und dann beim Abseilen abgestürzt sind.

Klettern Sie manchmal auch ohne Seil?

Glowacz: Früher haben wir das mit Freunden häufig gemacht. Wir hielten uns eben für unsterblich - bis mir einmal in acht Metern Höhe ein riesiger Griff herausgebrochen ist. Ich hatte noch Glück - und bin beim Aufprall nur knapp neben einem scharfkantigen Stein gelandet. Aber meine Ferse war völlig zertrümmert. Für mich war das wie ein Warnschuss. Seitdem klettere ich, soweit es sich irgendwie vermeiden lässt, nie mehr ohne Seil. Ich genieße das Leben einfach zu sehr, um es beim Klettern achtlos aufs Spiel zu setzen.

Das Interview führte Lars Abromeit, "Geo"



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