Iranische Insel Kisch Schöner shoppen mit Allah

Alessandro Grassani

Von "Mare"-Autor Christian Schüle

2. Teil: Kapitalistisches Eden mit schiitischer Moral


Angenehm heruntergekühlt ist es in den Großraumbüros, man arbeitet umtriebig, die Beamtinnen sind ganzkörperverschleiert. Ohne Worte gibt es Schwarztee und Zuckerwürfel für einen Gast, der hier nicht wirklich willkommen ist. Wer eine neue Ära einläuten will oder bereits eingeläutet zu haben glaubt, lobt sich naturgemäß nicht ungern. Also berichtet der PR-Chef der Kish Free Zone Organization, dass auf Beautiful Kish Island die Regeln lockerer seien, dass niemand Steuern zu entrichten habe, dass Einreisende kein Visum bräuchten und alle Bemühungen, Investoren anzuziehen, unter ihnen die reichsten Männer des Iran, bis heute sehr erfolgreich seien.

Über Ausmaß und Grad der vermeintlichen Sittenlockerheit sagt er nichts, viel aber darüber, dass Dubai womöglich Wolkenkratzer und materiellen Luxus aufzubieten habe, Kisch dagegen den Luxus der Naturschönheit - Vögel, Delfine, Meerschildkröten, Parks und wilde Strände.

Auf Kisch ein Haus oder Hotel oder eine "Recreation Area" mit Golfplatz und Shoppingmall zu bauen ist vergleichsweise leicht. "Wir geben den Investoren das Land und stellen den Kontakt zu drei Kreditbanken her." Lange Zeit waren die Bauherren auf 15 Jahre steuerbefreit, seit Kurzem sind sie es auf 30 Jahre. Schließlich ist zu erfahren, dass Kish Island, auf der 24.000 Einwohner leben, bis heute 50 Hotels besitzt. 17 weitere sind im Bau.

Ist das nun mutig oder verblendet? Die Auslastung der Hotels, sagt der PR-Chef, liege insgesamt bei 50 Prozent (im restlichen Iran bei 30), und von den jährlich 1,3 Millionen Touristen kämen 80 Prozent aus dem eigenen Land, die restlichen aus den Emiraten oder aus Kuwait. Angebliche Steigerung zum Vorjahr: 15 Prozent.

Shoppingtourismus in der zollfreien Zone

Die meisten kommen übers Wochenende oder zum Kurzurlaub wegen des Wassersportentertainments, das in Kisch floridahafte Züge hat: lichterkettenumgürtete Partybootausflüge mit Discobeat und Glasboden, die die Besichtigung eines der vielen Korallenriffs zum Event machen; Speedrausch mit Monoski oder Wakeboard, wobei der Fahrer von einem platzgreifenden Seilbahnlift durchs Wasser gezogen wird; Scuba-Diving im "Jurassic Park" mit Sicht auf Clownfisch, Hummer und Grüne Meerschildkröte; Jetski, die Stunde 100 Dollar. Für den iranischen Mann sind die Angebote der 14 Seeclubs höhere irdische Vergnügungen, die ihm in seiner Republik augenscheinlich nur Kish Island bieten kann.

Weil die Zukunft von Arabien nach Persien kommen soll, von Dubai über den Golf nach Kisch, verkauft die Insel sich und ihren Boden. Wer in die Freihandelszone investiert, darf mit erheblichen Steuererleichterungen durch den Staat rechnen, der das elliptische Kleinod im Golf wiederum zum spätmodernen Kristallisationskern des persischen wie arabischen Shoppingtourismus aufrüschen will - ein kapitalistisches Eden mit schiitischer Moral. In dieser eingerichteten Sonderwirtschaftszone sind alle importierten Güter steuerfrei, auf Waren gibt es keine Zölle.

Ein neuer Toyota beispielsweise lässt sich auf der Insel für 20.000 Dollar erwerben, im restlichen Iran für 40.000. Auf dem Festland liegt der Steuerzuschlag bei etwa 50 Prozent, um ausländische Autos - und mit ihnen womöglich ein unkontrollierbares Freiheitsgefühl - fernzuhalten. Auf Kisch aber sieht man Toyota, Hyundai, Nissan, Kia, Ford, Mercedes. Kein Auto scheint älter als zwei, drei Jahre zu sein, und kein Taxi darf älter als zwei Jahre sein. Wer Taxi fahren will, muss seine Eheschließung nachweisen, der Staat hat Angst vor ledigen Womanizern.

Ganz Kisch ist zwar eine Freihandelszone, eine Zone der Freiheit ist die Insel keineswegs. Der Handel soll florieren, die islamischen Gesetze aber in Stein gemeißelt bleiben. Anfangs kommt es einem noch vor, als würden die Frauen hier dominant und selbstsicher auftreten, dominanter und selbstsicherer womöglich als in Täbris, Maschdad, Ghom oder Teheran.

Sie sitzen hinter den Rezeptionen und Kassen der Hotels, in den Passkontrollhäuschen am Flughafen, und wenn am Samstagabend, als in der City Hall eine Versammlung mit Tausenden Verschleierten stattfindet, der Sopran einer erregten Rednerin auf der Bühne irgendetwas derart Gewichtiges beschwört, dass alle klatschen und manche jubeln, ist weit und breit kein Mann zu sehen - außer den Bangladeschern oder Indern, die mit kleinen Besen den Vorplatz picobello halten.

In genormter Tracht zur Passkontrolle

Allerorten sind am Abend stilsicher gekleidete Ladys zu sehen, in Stöckelschuhen, Pumps, Ballerinas oder Flipflops, mit Sonnenbrille, Jeans und eng anliegenden Tuniken, die wunderschön kolorierte und gemusterte Tücher um ihren Kopf gelegt haben. Der Zugewinn an ästhetischer Freiheit rechnet sich über die erste Stelle hinterm prinzipiellen Komma: Grundsätzlich scheint Kischs Offenheit darin zu bestehen, dass die Tücher auf den Köpfen der Frauen nicht am Haaransatz anliegen, sondern, mit einigem Spielraum, erst bei der Hälfte des Kopfes beginnen und manchmal nur locker über den Dutt gehängt sind. Aber nicht eine einzige Frau ist zu finden, die kein Kopftuch tragen würde, keine Frau zu sehen, die nicht einen bis zu den Kniekehlen reichenden Mantel oder eine Tunika trüge, keine einzige, die nicht eine Hose angelegt hätte, deren Beine bis zu den Sprunggelenken reichten.

Selbst christliche Filipinas sind verhüllt. Jeden Abend zwischen fünf und acht gehen sie zu Hunderten in die Lobby des Hotels "Farabi" neben dem in weiß getünchtem Beton gehaltenen Head Office von Kish Air. Schon auf dem Flug von Dubai aus saßen im nicht mehr ganz neuen Propellerflugzeug von Kish Air sechs Filipinas, die kurz nach dem Start kalte Burger aus einer McDonald's-Tüte kramten und zu essen begannen. Nach der Ankunft in flirrender Hitze zogen sie sich mitgebrachte Kapuzen über den Kopf, als wäre es eine Art Routine.

Noch bevor sie den ersten Schritt in die Ankunftshalle setzen konnten, wurden sie von einem schnurrbärtigen Agenten in weißem Uniformhemd per ausgestreckter Hand in einen Nebenraum geleitet, wo sie, als wäre es ihnen seit je klar, aus einem Holzschrank vom Bügel einen schwarzen Mantel und ein schwarzes Kopftuch griffen, alles anlegten und in genormter Tracht zur Passkontrolle trippelten.

Wer im Hotel "Farabi" absteigt, ist Visanomade und müht sich, ist es eine Frau, redlich verhüllt zu sein, aber manche ironisieren das Verhüllungsgebot und tragen das Kopf- als Piratentuch. Die halbe Zweite und Dritte Welt strebt nach Dubai, weil ein Lkw-Fahrer oder Kellner oder Bauarbeiter dort 400 Dollar im Monat statt 200 in Bombay oder auf den Philippinen verdient. Mit Anfang 20 zum Beispiel verlassen sie ihr Heimatland und erhalten bei Ankunft ein Touristenvisum auf dem Dubaier Flughafen, das nach 30 Tagen ausläuft.



insgesamt 6 Beiträge
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mitbestimmender wähler 04.01.2011
1. Wenn es so streng sein sollte, sind sie ja unter sich, was stört schon daran ?
Zitat von sysopPartyboote mit Discobeat, Shopping in zollfreier Zone: Auf der Insel Kisch im Persischen Golf bauen Irans Herrscher eine Urlauberhochburg für strenggläubige Muslime.*Nach dem Vorbild Dubais frönen Iraner hier einem westlichen Konsumtourismus - doch die Sittenwächter sind allgegenwärtig. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,734764,00.html
Schoppen wir in Mailand mit Christus? Sind die Sittenwächter in Singapur nicht auch allgegenwärtig ? Es gibt einige Iranische Milliardäre im Ausland und Familien im Umkreis Dubais die ebenso viel wenn nicht mehr auf Kisch investieren.
lenitas 04.01.2011
2. Interessant
Gut geschrieben, danke. Bedrückend, unwirklich - wie lange hält der Korken auf der Flasche? Die Iraner scheinen sich furchtbar nach unserem Lebensstil zu sehnen, vielleicht weil sie ihn schon einmal kennengelernt haben. Ich finde es aber auch bedrückend, dass ein röterer Lippenstift als Freiheit empfunden und erhofft wird.
shepeshoo 04.01.2011
3. schade
Kish sollte in den 70ern unter Shah das werden was Dubai geworden ist. Dann kamen die Islamisten und die ganzen gelder und projekte wurden nebenan nach Dubai transportiert, das bis dahin nur eine belaechelte wueste war. Noch ein beispiel, wie die laender um Iran dank Ayatollahs zu strategischem wohlstand gekommen sind, ich haette auch die Tuerkei etc nennen koennen. All diese laender haben eins gemeinsam: angst vor dem tag dass die Ayatollahs weg sind und sie es mit dem wahrem potenzial Irans aufnehmen muessen.
Martin Steffen 04.01.2011
4. oedes Eiland
Zitat von sysopPartyboote mit Discobeat, Shopping in zollfreier Zone: Auf der Insel Kisch im Persischen Golf bauen Irans Herrscher eine Urlauberhochburg für strenggläubige Muslime.*Nach dem Vorbild Dubais frönen Iraner hier einem westlichen Konsumtourismus - doch die Sittenwächter sind allgegenwärtig. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,734764,00.html
Ich war selbst dort (beruflich), ein oeder Flecken. Auch das tolle ``Konsumparadies'' ist laecherlich in westlichen Augen; Supermaerkte mit Regalen voller Instantkaffee (scheint beliebt zu sein) und Suessigkeiten (der Sorte Marsriegel und Chips). Und daneben nix, sowas wie ``richtige Lebensmittel''. Das (relativ billige) "5"-Sternehotel hatte den Charme als haette sich Honecker in den fruehen 70ern ein Betonmonster ``Sieg des Sozialismus'' bauen lassen und seitdem wurden keine Zigarettenbrandloecher mehr aus dem beigen Flokati mehr entfernt. Das Hotel war wohl noch aus Schah-Zeiten. Und einmal gabs Pizza, mit Plastikgeschirr (!) und der Koch hatte das Rezept nach Bildern (nicht Text) aus dem Internet gemacht (hat er stolz erzaehlt). Er sah, da gehoert rote Sosse drauf, also hat er Teig belegt, gebacken (oder Mircowelle) und dann den beliebten Heinzketchup oben drauf :-) Wenn sie wirklich an internationalem Turismus interessiert sind, sollten sie noch ein wenig dran arbeiten. Mir schien es so, dass sie mit Gewalt ``westlichen Konsum'' nacheifern teilweise, aber wie schrecklich war das denn ..... Martin
ogniflow 04.01.2011
5. Kish ist öde
Für viele Perser ist Kish halt wichtig,weil man sich günstig mit TV,Kühlschrank,usw. eindecken kann.Ansonsten ist es total öde und steril.Wer eine schöne, iranische Insel im Golf sehen möchte,der fahre nach Qeshm.Landschaftlich wunderbar,entspannte Atmosphäre,lecker Essen.
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