Iranische Insel Kisch Schöner shoppen mit Allah

Alessandro Grassani

Von "Mare"-Autor Christian Schüle

3. Teil: Die Unfreiheit der Freihandelszone


Haben sie bis dahin keinen Job und also kein Arbeitsvisum, müssen sie ausreisen; haben sie einen Job und ein vom Arbeitgeber beschafftes Arbeitsvisum, brauchen sie dennoch den Einreisestempel der Emirate mit dem neuen Visum. So könnten sie theoretisch Monat für Monat als Touristen einreisen, ausreisen, einreisen, ausreisen, zurück nach Indien, Pakistan, Sri Lanka, Nepal, China oder Manila und retour, was eminent teuer wäre. Beautiful Kish Island hat die Marktlücke der geografischen Nähe erkannt und bietet täglich bis sechs Flüge von Dubai nach Kisch an, hin und zurück 90 Euro, Visum nicht nötig. Wer bucht, verpflichtet sich zugleich, im "Farabi" oder im "Chatam" abzusteigen, in einem der sechs Hotels jedenfalls, die der staatlichen Kish Air gehören, insgesamt 1400 Betten. Bei voller Auslastung liegt das Geschäft mit dem Schicksal allein für einen einzigen Tag im fünfstelligen Eurobereich.

In der großen, verschachtelten Apartmentanlage des "Farabi" bewohnen die Visanomaden zu zwölft einen Raum, die Betten bestehen aus Eisengestell und Matratze. Liegen. Warten. Schlafen. Essen. Warten. Das tun sie hier, wo Beautiful Kish Island sehr real, kaum adrett und keineswegs schön ist. Weder dürfen sie arbeiten noch im Hotelzimmer kochen, und sie werden, im "Namen Gottes", auf einer Art Gebotstafel am Eingang des Hotels ermahnt, die islamischen Sitten einzuhalten. Verhüllt harren sie aus, ertragen die Unfreiheit der Freihandelszone. Meist gehen sie ins "Net Coffi", Parallel-Straße. Skypen. Telefonieren. Mailen. Pässe kopieren.

Manche warten einen Tag, manche 30 Tage, bis das ersehnte Visum aus Dubai gefaxt wird und sie sofort einen Platz in einer Kish-Air-Maschine des nächsten Tages buchen. Die meisten der Gestrandeten kommen mit einer kleinen Abfindung oder Erspartem ins Kurzzeitexil auf die Insel und können sich, die Nacht im "Farabi" zu zehn Euro, rasch ausrechnen, wie lange sie sich Langeweile und Apathie auf Kisch leisten können. Manchem Filipino geht nach 20 Tagen das Geld aus. Ohne einen Dirham, im Vollbesitz der Unfreiheit und ohne Chance, entweder zu bleiben oder die Insel zu verlassen: In den letzten Monaten, hört man es flüstern, haben sich zwei von ihnen aufgehängt.

90 Euro für einen Einkaufstrip

Man trifft die Frauen von Kisch am späten Nachmittag in den Aircondition-gekühlten Shoppingmalls am Ferdousi-Boulevard, zwischen Abashi-Platz und Sahel-Platz. Die Marmorböden der Malls sind blitzblank, Lichter und Farben spiegeln sich in der Politur, eminente Spiegel schaffen glänzende Doppeleffekte. Wenn es dunkelt, pilgern die arrivierten Damen der iranischen Oberschicht, Mütter samt Töchter, zur Paradis I Mall und vor allem Paradis II Mall, wo sie auch Ausschau nach der Aussteuer halten. Mittelstand und Unterschicht gehen in Dreier- und Vierergruppen zur International Venus Mall, zur Paniz Mall, Marjan Mall oder ins Kish Trade Center, wo sie auf drei Etagen in die Welt der nützlichen Dinge von Handstaubsauger über Waffelpresse bis Kühlschrank und Yves-Rocher-Kosmetik eintauchen können.

Elektrische Geräte sind auf Kisch 10 bis 20, alle anderen Güter bis zu 40 Prozent billiger als im restlichen Iran. Häufig fliegen sie deshalb die eineinhalb Stunden von Teheran auf die Insel, um mit Einkaufstüten mit dem Aufdruck Fashion, Zara, Esprit, Armani, Burberry, Dolce & Gabbana zurückzukehren, 80 Dollar one-way je Kopf. Welche Labelverrücktheit, denkt man, und macht, zu den perlenden Klängen süffiger Kaufhausklaviermusik, die Probe aufs Exempel.

"Das weiße Lacoste-Hemd da drüben?

"Seeehr gute Qualität", sagt der junge Verkäufer und reißt die Verpackung auf, "18 Dollar."

"Original?"

"Original China."

Ob sie wollen oder nicht, die Frauen von Kisch müssen an den "Women's Beach Club". Das Strandareal wirkt von außen wie ein von weiß getünchtem Mauerwerk eingefriedetes Gefängnis, an dessen Eingang ein Wärter im Häuschen sitzt und jedem Mann den Zutritt verwehren würde. Die Lifeguards am Strand sind weiblich und, dem Hörensagen nach, mit Schleier versehen. Wenn gegen fünf am frühen Abend die Sonne sinkt und der Himmel errötet, kommen die Frauen vom Strand, im vom Wind geblähtem Mantel, manche akkurat, andere relativ akkurat verhüllt, und steigen in die Taxis oder die Limousinen ihrer wartenden Gatten.

Tanzen ist verboten

An allen anderen Stränden von Beautiful Kish Island dürfen Frauen keinen Fuß ins Wasser setzen und sitzen dann, wie jene augenscheinlich Wohlsituierte mit zwei Chloé-Tüten neben sich, vorschriftsmäßig verdeckt unterm Akazienschirm auf Pappkartons, und lesen Illustrierte, während dickbäuchige Männer und moppelige Söhne baden und virile SUVs mit verdunkelten Scheiben und schnaufenden Motoren anschleichen.

Eine 20-Jährige lässt wissen, die große Freiheit auf der Insel bestehe darin, mehr Schminke als sonst im Iran erlaubt aufzulegen: röteres Lippenrot, schwärzeres Wimpernschwarz, dichteres Make-up, dazu die Entblößung eines Dekolletés, ohne dass die staatlichen Sittenwächter, die aus der Tiefe des Raumes auftauchen, zur Einhaltung der koranischen Bekleidungsvorschriften mahnen oder überführte Sünderinnen auf die Reviere nehmen.

Gefängnisse gibt es nicht auf Beautiful Kish Island, und die meisten der Polizisten kennen die meisten der Frauen und die fast alle Polizisten, hört man weiter, und die drücken eines der Augen und manchmal sogar beide zu. Alkohol gibt es nirgends zu kaufen, und wenn getrunken wird, dann nur in privaten Wohnzimmern bei heimlichen Whiskypartys und enthemmtem Tanz, was die Polizei wohl wenig bekümmert, solange nur der öffentliche Raum keimfrei bleibt.

Im beliebten Restaurant "Pajab", einer Art Karawanserei unter freiem Himmel, fläzen ab acht die Gäste in den Kissen der hochgestellten Betten, hinter denen je ein Riesenventilator wummert. Sie essen Reis und Lamm und Huhn vom Spieß, trinken minzehaltigen Joghurt und rauchen Wasserpfeife mit Apfeltabak, und manch junge Frau stolziert, sich ihrer Wirkung bewusst, wie ein penibel choreografiertes Gesamtkunstwerk auf hohen Pumps herein. Doch niemand tanzt. Selbst auf Kisch ist Tanzen verboten. Tanzen hat der Koran als schädlich erkannt. Manchmal aber halten sich Mann und Frau in aller Öffentlichkeit an der Hand, für fünf Minuten Freiheit.

Potemkinsche Paläste

Es gab jenen lang gezogenen, jedenfalls verstörenden Moment der Verlorenheit, Mittwochabend, als ich, mit meinem weißen Hyundai die Ringstraße am Ufer des Persischen Golfs entlangfahrend, von einem Stahlbetonskelett zum nächsten kam. Mit betongrobem Willen will man partout unter Beweis stellen, dass nicht nur Dubaier Scheichs aus dem Nichts eine welthaltige Stadt zu organisieren verstehen. Schließlich fuhr ich von Coastal Village an der Süd zum unbekleideten Betongerüst der Twin Towers an der Südostküste, wo in den Himmel hinauf gewohnt werden soll: Beletage Stock 23, ewiger Meerblick.

Am Ende der Rundtour parkte ich in Sun City. In dieser Siedlung herrschte die Stille eines Kartäuserklosters. Kein Mensch war zu sehen, kein Hund, keine Katze. In den zehn adrett verschalten, mit roten Lichterketten umkränzten Hochhäusern brannte in keiner Wabe eine Lampe, und selbst im Widerschein des heliumgelben Lichts der soldatisch geordneten Straßenlaternen gab es keinerlei Zeichen realen Lebens, kein Insekt, keine Maus, nicht einmal eine Motte.

Was in Sun City keimte, war ein Verdacht, der ohne die amtliche Bestätigung harter Fakten auszukommen hatte: Wenn Kisch in der Dämmerung wie ein fassadenschönes Dorf aus dem Geist des russischen Feldmarschalls Potemkin wirkt, so scheint es nach Sonnenuntergang in weiten Teilen wie die unbeseelte Kulisse eines abgedrehten Hollywood-Spielfilms über die Apokalypse, als sei die Insel nach einer Katastrophe plötzlich von allen verlassen worden und jedes Leben erloschen. Müll liegt nirgends herum, Graffiti gibt es nicht, Hupen ist verboten. Ab und an hört man schüchterne Zikaden und sonst nur das Rattern ferner Dieselgeneratoren. Aber wo sind die Menschen?

Triste Gerippe von Megakomplexen

Die Lehre aus Dubai lautet: Liberalismus ist lukrativ und Luxus das Resultat von gezügelter Libertinage. Die Lehre von Kisch lautet: Laborversuch bis auf Weiteres gescheitert, der theoretische Spagat zwischen Größenwahn und Sittenstrenge resultiert in praktischem Stillstand. Öffnung lässt sich nicht durch steuerfreien Handel herstellen. Viele Gerippe der Megakomplexe stehen jetzt einsam, trist, verlassen auf dem Boden einer Koralleninsel wie zerschossene Träume vom großen Übermorgen. Die Finanzierung stockt, das Geld fehlt, und vielleicht haben sich die Investoren auch blenden lassen vom Bombast einer teuren Vision, die ihre Rechnung ohne die menschlichen Bedürfnisse macht.

Welcher noch so spendable Tourist fände Gefallen an einem soziokulturellen System, dessen Wächter Freude, Hedonismus und Rausch offiziell zum Sündenfall erklären?

Es waren die letzten Minuten am "Silberstrand" von Beautiful Kish Island, die Nacht war hereingebrochen, samtschwarz. Ich saß abermals vor dem Restaurant "SuperStar", hörte dem Gezwitscher irrer Schwalben zu und sah am Saum des Meeres zwei Menschen tanzen. Sie bewegten sich ausgelassen und lasziv zugleich, Kinder warfen Sand in die Luft vor Freude, und ich dachte, ein mutiges Paar nehme sich seine fünf Minuten Freiheit. Barfuß schlurfte ich hinüber und merkte, dass mir ein junger Mann in weißem Uniformhemd folgte. Dann sahen wir beide, dass die Tanzenden zwei Männer waren. Der Sittenwächter drehte zufrieden ab.

Zwei orangefarbene Luftballone hatten sich von der Terrasse des "SuperStar" gelöst und schwebten einander verbunden hinaus aufs Meer.

Aus "Mare"-Heft No. 83. Dezember 2010/Januar 2011



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
mitbestimmender wähler 04.01.2011
1. Wenn es so streng sein sollte, sind sie ja unter sich, was stört schon daran ?
Zitat von sysopPartyboote mit Discobeat, Shopping in zollfreier Zone: Auf der Insel Kisch im Persischen Golf bauen Irans Herrscher eine Urlauberhochburg für strenggläubige Muslime.*Nach dem Vorbild Dubais frönen Iraner hier einem westlichen Konsumtourismus - doch die Sittenwächter sind allgegenwärtig. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,734764,00.html
Schoppen wir in Mailand mit Christus? Sind die Sittenwächter in Singapur nicht auch allgegenwärtig ? Es gibt einige Iranische Milliardäre im Ausland und Familien im Umkreis Dubais die ebenso viel wenn nicht mehr auf Kisch investieren.
lenitas 04.01.2011
2. Interessant
Gut geschrieben, danke. Bedrückend, unwirklich - wie lange hält der Korken auf der Flasche? Die Iraner scheinen sich furchtbar nach unserem Lebensstil zu sehnen, vielleicht weil sie ihn schon einmal kennengelernt haben. Ich finde es aber auch bedrückend, dass ein röterer Lippenstift als Freiheit empfunden und erhofft wird.
shepeshoo 04.01.2011
3. schade
Kish sollte in den 70ern unter Shah das werden was Dubai geworden ist. Dann kamen die Islamisten und die ganzen gelder und projekte wurden nebenan nach Dubai transportiert, das bis dahin nur eine belaechelte wueste war. Noch ein beispiel, wie die laender um Iran dank Ayatollahs zu strategischem wohlstand gekommen sind, ich haette auch die Tuerkei etc nennen koennen. All diese laender haben eins gemeinsam: angst vor dem tag dass die Ayatollahs weg sind und sie es mit dem wahrem potenzial Irans aufnehmen muessen.
Martin Steffen 04.01.2011
4. oedes Eiland
Zitat von sysopPartyboote mit Discobeat, Shopping in zollfreier Zone: Auf der Insel Kisch im Persischen Golf bauen Irans Herrscher eine Urlauberhochburg für strenggläubige Muslime.*Nach dem Vorbild Dubais frönen Iraner hier einem westlichen Konsumtourismus - doch die Sittenwächter sind allgegenwärtig. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,734764,00.html
Ich war selbst dort (beruflich), ein oeder Flecken. Auch das tolle ``Konsumparadies'' ist laecherlich in westlichen Augen; Supermaerkte mit Regalen voller Instantkaffee (scheint beliebt zu sein) und Suessigkeiten (der Sorte Marsriegel und Chips). Und daneben nix, sowas wie ``richtige Lebensmittel''. Das (relativ billige) "5"-Sternehotel hatte den Charme als haette sich Honecker in den fruehen 70ern ein Betonmonster ``Sieg des Sozialismus'' bauen lassen und seitdem wurden keine Zigarettenbrandloecher mehr aus dem beigen Flokati mehr entfernt. Das Hotel war wohl noch aus Schah-Zeiten. Und einmal gabs Pizza, mit Plastikgeschirr (!) und der Koch hatte das Rezept nach Bildern (nicht Text) aus dem Internet gemacht (hat er stolz erzaehlt). Er sah, da gehoert rote Sosse drauf, also hat er Teig belegt, gebacken (oder Mircowelle) und dann den beliebten Heinzketchup oben drauf :-) Wenn sie wirklich an internationalem Turismus interessiert sind, sollten sie noch ein wenig dran arbeiten. Mir schien es so, dass sie mit Gewalt ``westlichen Konsum'' nacheifern teilweise, aber wie schrecklich war das denn ..... Martin
ogniflow 04.01.2011
5. Kish ist öde
Für viele Perser ist Kish halt wichtig,weil man sich günstig mit TV,Kühlschrank,usw. eindecken kann.Ansonsten ist es total öde und steril.Wer eine schöne, iranische Insel im Golf sehen möchte,der fahre nach Qeshm.Landschaftlich wunderbar,entspannte Atmosphäre,lecker Essen.
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