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04. Januar 2011, 06:21 Uhr

Iranische Insel Kisch

Schöner shoppen mit Allah

Von "Mare"-Autor Christian Schüle

Partyboote mit Discobeat, Shopping in zollfreier Zone: Auf der Insel Kisch im Persischen Golf bauen Irans Herrscher eine Urlauberhochburg für strenggläubige Muslime. Nach dem Vorbild Dubais frönen Iraner hier einem westlichen Konsumtourismus - doch die Sittenwächter sind allgegenwärtig.

Es gab an jenem Freitagabend, islamischer Feiertag, diesen kurzen, aber verstörenden Moment der Unachtsamkeit - oder eben den Moment eines souveränen Willens -, der einem auf der Terrasse des Strandrestaurants "SuperStar" sitzenden Europäer normalerweise gar nicht auffallen würde.

Hier und jetzt aber schien die folgende Momentaufnahme der gedehnte Schnappschuss einer Verwandlung zu sein, die sich womöglich auf der Insel Kisch vollzieht: der Augenblick, als eine junge Frau, geschätzt 20, sich mit zwei Freundinnen im Strandsand den Volleyball zupritschte, mit einer schnellen Handbewegung das Tuch vom Kopf nach hinten abstrich und auf den Schultern ablegte, woraufhin ihr gesamtes Haar zu sehen war, schwarz, dick und schwer, wie es bei Iranerinnen oft der Fall ist.

Die Kopftuchlose pritschte weiter, und alle drei verausgabten sich noch gut fünf Minuten, hechteten dem Ball hinterher, fielen in den Sand und lachten. Dann setzten sie sich auf drei Stühle um einen der vorderen Tische, besagte Frau zog sich das Tuch wieder über den Kopf und tupfte mit seinen Enden den Schweiß in ihrem Gesicht, während die zweite in ihr Handy sprach und die dritte den Rauch ihrer Marlboro light nach oben blies und auf aufreizende Art ihren unbeschuhten, pedikürten Fuß auf den Tisch stellte.

Ein wabbeliger Kerl in Surferklamotte kam vorbei, plauderte ein wenig mit der einen, schnorrte sich eine Zigarette bei der anderen, verbeugte sich vor allen drei jungen Frauen auf sehr höfliche Weise und ging barfuß durch den Sand Richtung Osten. Es waren noch immer 30 Grad, die Luftfeuchtigkeit lag zwischen 80 und 90 Prozent, und die Wellen des Persischen Golfs schwappten fast zärtlich heran. Im Himmel stand eine honiggelbe Sichel, ein Muezzin war nicht zu hören, eine Moschee nicht zu sehen. Niemand betete öffentlich, aus den Lautsprechern des "SuperStar" polterte Perso-Pop, und über dem Wasser des Golfs tobten Schwalben.

Größenwahn oder Experimentierlabor?

Wie symbolisch diese kleine Szene unverhoffter Freiheit war, würde sich erst in den folgenden Tagen herausstellen, in denen es unter Geheimhaltung der eigenen Absichten zu ergründen galt, ob die Insel Kisch an Größenwahn leidet oder ein Experimentierlabor der Teheraner Regierung für einige Dezimale Offenheit und Öffnung zur Welt ist. Kisch ist eine 91 Quadratkilometer kleine Angelegenheit, die sich seit einigen Jahren aufschwingt, zum Dubai Persiens zu mutieren. Die große Frage ist also, wie viel Schein hinter der Metamorphose steckt und wie viel Wert fünf Minuten Freiheit im Utopia eines anderen Iran tatsächlich haben.

Die Taxifahrt im weißen High-Class-Toyota führt durch ein weitgehend unbeseeltes, mit 30.000 gepflanzten Palmen beschmücktes Niemandsland. Menschen sind nicht zu sehen, Hunde nicht, Katzen nicht. Kein Rind, kein Lamm, kein Leben. In einiger Entfernung sind rechts wie links, nah wie fern Skelette himmelstürmerischer Hochhäuser in den Boden gewuchtet, überragt von Kränen. Ab und an sind Arbeiter zu sehen, und hier und da hört man Hammerschläge an der großen Zukunft.

Schon auf den ersten Metern Kish Island ist zu erkennen, dass hinter allem ein ordnender und ordentlicher Geist steht; auf Anhieb erscheint die Insel wie die Simulation eines Architektenentwurfs, nur dass die Bäume und Häuser keine Hartgummi- oder Plastikobjekte eines Modells sind, sondern reale Bäume, frisch und gut geteerte Straßen und gigantische Betonkomplexe.

Straßenarbeiter in dunkelgrünem Overall wässern magentafarbene Bougainvillea auf den Zwischenstreifen der Fahrbahnen, andere in rapsgelben Anzügen schneiden und säubern Palmblatt für Palmblatt, fegen Plätze und Bordsteine, schneiden akkurat das Gras und justieren Sprinkler um Eukalyptusbäume im Kreis der Verkehrsinseln. Diese so penibel wie großzügig arrangierten Roundabouts - in deren Mitte gern Skulpturen aus Künstlerhand stehen, Delfine, Pfaue, islamische Gelehrte - regeln den Verkehr von selbst. Und schneller als 60, auf den großen Straßen 80, darf auf Kisch ohnehin niemand fahren - und fährt also auch niemand -, Blitzanlagen und laserschießende Polizisten kontrollieren zuverlässig. Auf der ganzen Insel gibt es nicht eine einzige Ampel. Es scheint weiter, als sei Kisch ein einziger Roundabout.

"Beautiful Kish Island"

Die Fahrt vom International Airport zum "Dariush Grand Hotel" mit Tempo 70 dauert 15 Minuten und kostet sechs Euro. Taxameter gibt es nicht, der Fahrer hätte auch drei oder zehn Euro akzeptiert. Für 100 Euro wechselt man 1,3 Millionen Rial, abgegriffene Scheine mit dem Konterfei des Ajatollah Khomenei. Der tote Begründer der Iranischen Revolution und der aktuelle geistliche Führer Ajatollah Ali Chamenei sind omnipräsent.

In autoritärer Grimmigkeit blicken sie von monumentalen Stelltafeln an strategisch wichtigen Kreuzungen des insularen Straßengeflechts auf ihr Volk herab, und ihre Porträts hängen, stets nebeneinander, in jedem Geschäft, mindestens in jedem offiziellen Büro. Wo sie nicht zu sehen sind, sind sie über Sittlichkeit und die islamischen Gesetze anwesend. Mehr als eine islamische Theokratie ist der Iran ein Polizeistaat mit fein verästeltem Spitzeltum in einem System aus Angst und Gehorsam, dem man auch in Kisch nicht entkommt.

Das Meer um Kisch ist ein Privileg. Seine Farbe: meist türkis; das Wasser: weich, samtig, fast ölig und nur wenig kühler als die Luft. Der Salzgehalt ist hoch, der Sand fein, und an den Stränden liegen vertrocknete Korallenäste. Es gibt Wissenschaftler, die um Kisch herum das biblische Paradies verorten wollen. Mehrfach haben Geologen nachgewiesen, dass es den Persischen Golf vor 15000 Jahren nicht gegeben hat und die gesamte Region von der Industrie- und Hafenstadt Bandar Abbas im Süden bis zum heutigen Kisch und seinen Nachbarinseln fruchtbares Festland gewesen war.

Das Wort "Paradies" entstammt dem altpersischen Begriff pairidaeza und bedeutet übersetzt: das Umwallte, Umzäunte oder etwas freier: umwallter Park, noch freier: eingefriedeter Garten. Jedenfalls etwas Wundervolles, überirdisch Schönes. Beautiful Kish Island. Mit dem Schriftzug dieser so ungewöhnlichen wie selbstverklärenden Formel in Englisch werden alle Gäste vor der Ankunftshalle des Airports begrüßt. Täglich wickelt man hier zehn internationale Flüge und 45 aus dem oder in den restlichen Iran ab. Ein Visum ist für niemanden nötig, beschränkt er seinen Wunsch zu bleiben auf zwei Wochen. Wer nach Kisch will, braucht allerdings einen stabilen Kreislauf und genügend Bargeld, denn die westlichen Kreditkarten sind weder von Menschen noch Automaten akzeptiert.

Exil im Paradies

"Diese Insel hat Zukunft!", sagen selbst kritische Geister, die vor Kurzem oder Längerem aus dem verpesteten Moloch Teheran nach Kisch übergesiedelt haben. Fällt der Name Ahmadinedschad, tippen sie sich so gut wie alle fassungslos an die Schläfe, wobei gesagt werden muss, dass wer von Teheran nach Kisch kommt, in eine Art inneriranisches Exil umzieht, was meist die "renitenten Söhne" des Volkes tun, politisch Verfolgte, Studenten, Dozenten oder Menschen, die die Dogmatik und Gestrigkeit der paternalistischen Mullahs nicht mehr ertragen.

Die Islamische Republik Iran hat seit einigen Jahren ein sehr weltliches Interesse daran, das alte Kapital ihrer Reichen nicht weiterhin an Dubai zu verlieren und im Land zu behalten und neues Kapital aus Deutschland, der Schweiz oder aus dem arabischen Raum anzuziehen. In seiner Überschaubarkeit und Beschaulichkeit könnte die Insel eine Art sozioökonomisches Versuchslabor des Iran sein, in dem man neue Realitäten erproben und die Ergebnisse von Mikroprozessen studieren kann. Vielleicht meint der Satz, die Regierung kümmere sich sehr um Kisch, dass sich auf der Insel im Kleinen soziale, ökonomische und moralische Wagnisse eingehen lassen, die, zeitigen die Modellversuche gewünschte Resultate, späterhin ins Große übertragbar sind.

Am Ende des breiten Boulevards der Bankhäuser, darunter die Europäisch-Iranische Handelsbank AG mit Head Office in Hamburg, kurz bevor es zum "Women's Beach Club" geht, steht nach einer Linkskurve in der Sanaee-Straße in seiner ganzen Scheinprächtigkeit das 2003 in hellem Sandstein errichtete Gebäude der Kish Free Zone Organization, das sich mit Säulen, Portikus und Wandeltreppe wie ein Regierungssitz geriert. Und es in der Tat auch ist, denn hier wird über die Infrastruktur und also Zukunft von Beautiful Kish Island entschieden.

Kapitalistisches Eden mit schiitischer Moral

Angenehm heruntergekühlt ist es in den Großraumbüros, man arbeitet umtriebig, die Beamtinnen sind ganzkörperverschleiert. Ohne Worte gibt es Schwarztee und Zuckerwürfel für einen Gast, der hier nicht wirklich willkommen ist. Wer eine neue Ära einläuten will oder bereits eingeläutet zu haben glaubt, lobt sich naturgemäß nicht ungern. Also berichtet der PR-Chef der Kish Free Zone Organization, dass auf Beautiful Kish Island die Regeln lockerer seien, dass niemand Steuern zu entrichten habe, dass Einreisende kein Visum bräuchten und alle Bemühungen, Investoren anzuziehen, unter ihnen die reichsten Männer des Iran, bis heute sehr erfolgreich seien.

Über Ausmaß und Grad der vermeintlichen Sittenlockerheit sagt er nichts, viel aber darüber, dass Dubai womöglich Wolkenkratzer und materiellen Luxus aufzubieten habe, Kisch dagegen den Luxus der Naturschönheit - Vögel, Delfine, Meerschildkröten, Parks und wilde Strände.

Auf Kisch ein Haus oder Hotel oder eine "Recreation Area" mit Golfplatz und Shoppingmall zu bauen ist vergleichsweise leicht. "Wir geben den Investoren das Land und stellen den Kontakt zu drei Kreditbanken her." Lange Zeit waren die Bauherren auf 15 Jahre steuerbefreit, seit Kurzem sind sie es auf 30 Jahre. Schließlich ist zu erfahren, dass Kish Island, auf der 24.000 Einwohner leben, bis heute 50 Hotels besitzt. 17 weitere sind im Bau.

Ist das nun mutig oder verblendet? Die Auslastung der Hotels, sagt der PR-Chef, liege insgesamt bei 50 Prozent (im restlichen Iran bei 30), und von den jährlich 1,3 Millionen Touristen kämen 80 Prozent aus dem eigenen Land, die restlichen aus den Emiraten oder aus Kuwait. Angebliche Steigerung zum Vorjahr: 15 Prozent.

Shoppingtourismus in der zollfreien Zone

Die meisten kommen übers Wochenende oder zum Kurzurlaub wegen des Wassersportentertainments, das in Kisch floridahafte Züge hat: lichterkettenumgürtete Partybootausflüge mit Discobeat und Glasboden, die die Besichtigung eines der vielen Korallenriffs zum Event machen; Speedrausch mit Monoski oder Wakeboard, wobei der Fahrer von einem platzgreifenden Seilbahnlift durchs Wasser gezogen wird; Scuba-Diving im "Jurassic Park" mit Sicht auf Clownfisch, Hummer und Grüne Meerschildkröte; Jetski, die Stunde 100 Dollar. Für den iranischen Mann sind die Angebote der 14 Seeclubs höhere irdische Vergnügungen, die ihm in seiner Republik augenscheinlich nur Kish Island bieten kann.

Weil die Zukunft von Arabien nach Persien kommen soll, von Dubai über den Golf nach Kisch, verkauft die Insel sich und ihren Boden. Wer in die Freihandelszone investiert, darf mit erheblichen Steuererleichterungen durch den Staat rechnen, der das elliptische Kleinod im Golf wiederum zum spätmodernen Kristallisationskern des persischen wie arabischen Shoppingtourismus aufrüschen will - ein kapitalistisches Eden mit schiitischer Moral. In dieser eingerichteten Sonderwirtschaftszone sind alle importierten Güter steuerfrei, auf Waren gibt es keine Zölle.

Ein neuer Toyota beispielsweise lässt sich auf der Insel für 20.000 Dollar erwerben, im restlichen Iran für 40.000. Auf dem Festland liegt der Steuerzuschlag bei etwa 50 Prozent, um ausländische Autos - und mit ihnen womöglich ein unkontrollierbares Freiheitsgefühl - fernzuhalten. Auf Kisch aber sieht man Toyota, Hyundai, Nissan, Kia, Ford, Mercedes. Kein Auto scheint älter als zwei, drei Jahre zu sein, und kein Taxi darf älter als zwei Jahre sein. Wer Taxi fahren will, muss seine Eheschließung nachweisen, der Staat hat Angst vor ledigen Womanizern.

Ganz Kisch ist zwar eine Freihandelszone, eine Zone der Freiheit ist die Insel keineswegs. Der Handel soll florieren, die islamischen Gesetze aber in Stein gemeißelt bleiben. Anfangs kommt es einem noch vor, als würden die Frauen hier dominant und selbstsicher auftreten, dominanter und selbstsicherer womöglich als in Täbris, Maschdad, Ghom oder Teheran.

Sie sitzen hinter den Rezeptionen und Kassen der Hotels, in den Passkontrollhäuschen am Flughafen, und wenn am Samstagabend, als in der City Hall eine Versammlung mit Tausenden Verschleierten stattfindet, der Sopran einer erregten Rednerin auf der Bühne irgendetwas derart Gewichtiges beschwört, dass alle klatschen und manche jubeln, ist weit und breit kein Mann zu sehen - außer den Bangladeschern oder Indern, die mit kleinen Besen den Vorplatz picobello halten.

In genormter Tracht zur Passkontrolle

Allerorten sind am Abend stilsicher gekleidete Ladys zu sehen, in Stöckelschuhen, Pumps, Ballerinas oder Flipflops, mit Sonnenbrille, Jeans und eng anliegenden Tuniken, die wunderschön kolorierte und gemusterte Tücher um ihren Kopf gelegt haben. Der Zugewinn an ästhetischer Freiheit rechnet sich über die erste Stelle hinterm prinzipiellen Komma: Grundsätzlich scheint Kischs Offenheit darin zu bestehen, dass die Tücher auf den Köpfen der Frauen nicht am Haaransatz anliegen, sondern, mit einigem Spielraum, erst bei der Hälfte des Kopfes beginnen und manchmal nur locker über den Dutt gehängt sind. Aber nicht eine einzige Frau ist zu finden, die kein Kopftuch tragen würde, keine Frau zu sehen, die nicht einen bis zu den Kniekehlen reichenden Mantel oder eine Tunika trüge, keine einzige, die nicht eine Hose angelegt hätte, deren Beine bis zu den Sprunggelenken reichten.

Selbst christliche Filipinas sind verhüllt. Jeden Abend zwischen fünf und acht gehen sie zu Hunderten in die Lobby des Hotels "Farabi" neben dem in weiß getünchtem Beton gehaltenen Head Office von Kish Air. Schon auf dem Flug von Dubai aus saßen im nicht mehr ganz neuen Propellerflugzeug von Kish Air sechs Filipinas, die kurz nach dem Start kalte Burger aus einer McDonald's-Tüte kramten und zu essen begannen. Nach der Ankunft in flirrender Hitze zogen sie sich mitgebrachte Kapuzen über den Kopf, als wäre es eine Art Routine.

Noch bevor sie den ersten Schritt in die Ankunftshalle setzen konnten, wurden sie von einem schnurrbärtigen Agenten in weißem Uniformhemd per ausgestreckter Hand in einen Nebenraum geleitet, wo sie, als wäre es ihnen seit je klar, aus einem Holzschrank vom Bügel einen schwarzen Mantel und ein schwarzes Kopftuch griffen, alles anlegten und in genormter Tracht zur Passkontrolle trippelten.

Wer im Hotel "Farabi" absteigt, ist Visanomade und müht sich, ist es eine Frau, redlich verhüllt zu sein, aber manche ironisieren das Verhüllungsgebot und tragen das Kopf- als Piratentuch. Die halbe Zweite und Dritte Welt strebt nach Dubai, weil ein Lkw-Fahrer oder Kellner oder Bauarbeiter dort 400 Dollar im Monat statt 200 in Bombay oder auf den Philippinen verdient. Mit Anfang 20 zum Beispiel verlassen sie ihr Heimatland und erhalten bei Ankunft ein Touristenvisum auf dem Dubaier Flughafen, das nach 30 Tagen ausläuft.

Die Unfreiheit der Freihandelszone

Haben sie bis dahin keinen Job und also kein Arbeitsvisum, müssen sie ausreisen; haben sie einen Job und ein vom Arbeitgeber beschafftes Arbeitsvisum, brauchen sie dennoch den Einreisestempel der Emirate mit dem neuen Visum. So könnten sie theoretisch Monat für Monat als Touristen einreisen, ausreisen, einreisen, ausreisen, zurück nach Indien, Pakistan, Sri Lanka, Nepal, China oder Manila und retour, was eminent teuer wäre. Beautiful Kish Island hat die Marktlücke der geografischen Nähe erkannt und bietet täglich bis sechs Flüge von Dubai nach Kisch an, hin und zurück 90 Euro, Visum nicht nötig. Wer bucht, verpflichtet sich zugleich, im "Farabi" oder im "Chatam" abzusteigen, in einem der sechs Hotels jedenfalls, die der staatlichen Kish Air gehören, insgesamt 1400 Betten. Bei voller Auslastung liegt das Geschäft mit dem Schicksal allein für einen einzigen Tag im fünfstelligen Eurobereich.

In der großen, verschachtelten Apartmentanlage des "Farabi" bewohnen die Visanomaden zu zwölft einen Raum, die Betten bestehen aus Eisengestell und Matratze. Liegen. Warten. Schlafen. Essen. Warten. Das tun sie hier, wo Beautiful Kish Island sehr real, kaum adrett und keineswegs schön ist. Weder dürfen sie arbeiten noch im Hotelzimmer kochen, und sie werden, im "Namen Gottes", auf einer Art Gebotstafel am Eingang des Hotels ermahnt, die islamischen Sitten einzuhalten. Verhüllt harren sie aus, ertragen die Unfreiheit der Freihandelszone. Meist gehen sie ins "Net Coffi", Parallel-Straße. Skypen. Telefonieren. Mailen. Pässe kopieren.

Manche warten einen Tag, manche 30 Tage, bis das ersehnte Visum aus Dubai gefaxt wird und sie sofort einen Platz in einer Kish-Air-Maschine des nächsten Tages buchen. Die meisten der Gestrandeten kommen mit einer kleinen Abfindung oder Erspartem ins Kurzzeitexil auf die Insel und können sich, die Nacht im "Farabi" zu zehn Euro, rasch ausrechnen, wie lange sie sich Langeweile und Apathie auf Kisch leisten können. Manchem Filipino geht nach 20 Tagen das Geld aus. Ohne einen Dirham, im Vollbesitz der Unfreiheit und ohne Chance, entweder zu bleiben oder die Insel zu verlassen: In den letzten Monaten, hört man es flüstern, haben sich zwei von ihnen aufgehängt.

90 Euro für einen Einkaufstrip

Man trifft die Frauen von Kisch am späten Nachmittag in den Aircondition-gekühlten Shoppingmalls am Ferdousi-Boulevard, zwischen Abashi-Platz und Sahel-Platz. Die Marmorböden der Malls sind blitzblank, Lichter und Farben spiegeln sich in der Politur, eminente Spiegel schaffen glänzende Doppeleffekte. Wenn es dunkelt, pilgern die arrivierten Damen der iranischen Oberschicht, Mütter samt Töchter, zur Paradis I Mall und vor allem Paradis II Mall, wo sie auch Ausschau nach der Aussteuer halten. Mittelstand und Unterschicht gehen in Dreier- und Vierergruppen zur International Venus Mall, zur Paniz Mall, Marjan Mall oder ins Kish Trade Center, wo sie auf drei Etagen in die Welt der nützlichen Dinge von Handstaubsauger über Waffelpresse bis Kühlschrank und Yves-Rocher-Kosmetik eintauchen können.

Elektrische Geräte sind auf Kisch 10 bis 20, alle anderen Güter bis zu 40 Prozent billiger als im restlichen Iran. Häufig fliegen sie deshalb die eineinhalb Stunden von Teheran auf die Insel, um mit Einkaufstüten mit dem Aufdruck Fashion, Zara, Esprit, Armani, Burberry, Dolce & Gabbana zurückzukehren, 80 Dollar one-way je Kopf. Welche Labelverrücktheit, denkt man, und macht, zu den perlenden Klängen süffiger Kaufhausklaviermusik, die Probe aufs Exempel.

"Das weiße Lacoste-Hemd da drüben?

"Seeehr gute Qualität", sagt der junge Verkäufer und reißt die Verpackung auf, "18 Dollar."

"Original?"

"Original China."

Ob sie wollen oder nicht, die Frauen von Kisch müssen an den "Women's Beach Club". Das Strandareal wirkt von außen wie ein von weiß getünchtem Mauerwerk eingefriedetes Gefängnis, an dessen Eingang ein Wärter im Häuschen sitzt und jedem Mann den Zutritt verwehren würde. Die Lifeguards am Strand sind weiblich und, dem Hörensagen nach, mit Schleier versehen. Wenn gegen fünf am frühen Abend die Sonne sinkt und der Himmel errötet, kommen die Frauen vom Strand, im vom Wind geblähtem Mantel, manche akkurat, andere relativ akkurat verhüllt, und steigen in die Taxis oder die Limousinen ihrer wartenden Gatten.

Tanzen ist verboten

An allen anderen Stränden von Beautiful Kish Island dürfen Frauen keinen Fuß ins Wasser setzen und sitzen dann, wie jene augenscheinlich Wohlsituierte mit zwei Chloé-Tüten neben sich, vorschriftsmäßig verdeckt unterm Akazienschirm auf Pappkartons, und lesen Illustrierte, während dickbäuchige Männer und moppelige Söhne baden und virile SUVs mit verdunkelten Scheiben und schnaufenden Motoren anschleichen.

Eine 20-Jährige lässt wissen, die große Freiheit auf der Insel bestehe darin, mehr Schminke als sonst im Iran erlaubt aufzulegen: röteres Lippenrot, schwärzeres Wimpernschwarz, dichteres Make-up, dazu die Entblößung eines Dekolletés, ohne dass die staatlichen Sittenwächter, die aus der Tiefe des Raumes auftauchen, zur Einhaltung der koranischen Bekleidungsvorschriften mahnen oder überführte Sünderinnen auf die Reviere nehmen.

Gefängnisse gibt es nicht auf Beautiful Kish Island, und die meisten der Polizisten kennen die meisten der Frauen und die fast alle Polizisten, hört man weiter, und die drücken eines der Augen und manchmal sogar beide zu. Alkohol gibt es nirgends zu kaufen, und wenn getrunken wird, dann nur in privaten Wohnzimmern bei heimlichen Whiskypartys und enthemmtem Tanz, was die Polizei wohl wenig bekümmert, solange nur der öffentliche Raum keimfrei bleibt.

Im beliebten Restaurant "Pajab", einer Art Karawanserei unter freiem Himmel, fläzen ab acht die Gäste in den Kissen der hochgestellten Betten, hinter denen je ein Riesenventilator wummert. Sie essen Reis und Lamm und Huhn vom Spieß, trinken minzehaltigen Joghurt und rauchen Wasserpfeife mit Apfeltabak, und manch junge Frau stolziert, sich ihrer Wirkung bewusst, wie ein penibel choreografiertes Gesamtkunstwerk auf hohen Pumps herein. Doch niemand tanzt. Selbst auf Kisch ist Tanzen verboten. Tanzen hat der Koran als schädlich erkannt. Manchmal aber halten sich Mann und Frau in aller Öffentlichkeit an der Hand, für fünf Minuten Freiheit.

Potemkinsche Paläste

Es gab jenen lang gezogenen, jedenfalls verstörenden Moment der Verlorenheit, Mittwochabend, als ich, mit meinem weißen Hyundai die Ringstraße am Ufer des Persischen Golfs entlangfahrend, von einem Stahlbetonskelett zum nächsten kam. Mit betongrobem Willen will man partout unter Beweis stellen, dass nicht nur Dubaier Scheichs aus dem Nichts eine welthaltige Stadt zu organisieren verstehen. Schließlich fuhr ich von Coastal Village an der Süd zum unbekleideten Betongerüst der Twin Towers an der Südostküste, wo in den Himmel hinauf gewohnt werden soll: Beletage Stock 23, ewiger Meerblick.

Am Ende der Rundtour parkte ich in Sun City. In dieser Siedlung herrschte die Stille eines Kartäuserklosters. Kein Mensch war zu sehen, kein Hund, keine Katze. In den zehn adrett verschalten, mit roten Lichterketten umkränzten Hochhäusern brannte in keiner Wabe eine Lampe, und selbst im Widerschein des heliumgelben Lichts der soldatisch geordneten Straßenlaternen gab es keinerlei Zeichen realen Lebens, kein Insekt, keine Maus, nicht einmal eine Motte.

Was in Sun City keimte, war ein Verdacht, der ohne die amtliche Bestätigung harter Fakten auszukommen hatte: Wenn Kisch in der Dämmerung wie ein fassadenschönes Dorf aus dem Geist des russischen Feldmarschalls Potemkin wirkt, so scheint es nach Sonnenuntergang in weiten Teilen wie die unbeseelte Kulisse eines abgedrehten Hollywood-Spielfilms über die Apokalypse, als sei die Insel nach einer Katastrophe plötzlich von allen verlassen worden und jedes Leben erloschen. Müll liegt nirgends herum, Graffiti gibt es nicht, Hupen ist verboten. Ab und an hört man schüchterne Zikaden und sonst nur das Rattern ferner Dieselgeneratoren. Aber wo sind die Menschen?

Triste Gerippe von Megakomplexen

Die Lehre aus Dubai lautet: Liberalismus ist lukrativ und Luxus das Resultat von gezügelter Libertinage. Die Lehre von Kisch lautet: Laborversuch bis auf Weiteres gescheitert, der theoretische Spagat zwischen Größenwahn und Sittenstrenge resultiert in praktischem Stillstand. Öffnung lässt sich nicht durch steuerfreien Handel herstellen. Viele Gerippe der Megakomplexe stehen jetzt einsam, trist, verlassen auf dem Boden einer Koralleninsel wie zerschossene Träume vom großen Übermorgen. Die Finanzierung stockt, das Geld fehlt, und vielleicht haben sich die Investoren auch blenden lassen vom Bombast einer teuren Vision, die ihre Rechnung ohne die menschlichen Bedürfnisse macht.

Welcher noch so spendable Tourist fände Gefallen an einem soziokulturellen System, dessen Wächter Freude, Hedonismus und Rausch offiziell zum Sündenfall erklären?

Es waren die letzten Minuten am "Silberstrand" von Beautiful Kish Island, die Nacht war hereingebrochen, samtschwarz. Ich saß abermals vor dem Restaurant "SuperStar", hörte dem Gezwitscher irrer Schwalben zu und sah am Saum des Meeres zwei Menschen tanzen. Sie bewegten sich ausgelassen und lasziv zugleich, Kinder warfen Sand in die Luft vor Freude, und ich dachte, ein mutiges Paar nehme sich seine fünf Minuten Freiheit. Barfuß schlurfte ich hinüber und merkte, dass mir ein junger Mann in weißem Uniformhemd folgte. Dann sahen wir beide, dass die Tanzenden zwei Männer waren. Der Sittenwächter drehte zufrieden ab.

Zwei orangefarbene Luftballone hatten sich von der Terrasse des "SuperStar" gelöst und schwebten einander verbunden hinaus aufs Meer.

Aus "Mare"-Heft No. 83. Dezember 2010/Januar 2011

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